Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

À la recherche du Herz und Kern

Zum Auftakt Galopp direkt in Kern und Herz. Denn da ist ja schon wieder dieses Kakeln im Walde: Die spätromantischen Schinken, ja, die seien gewiss Kirill Petrenkos Herzenssache, aber wie’s eigentlich um seinen Musikgeschmack stehe und zumal ums ominöse deutsche Kernschinkenrepertoire. Nun also Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Louis van Beethoven, das ist unzweifellosfrei Kernschinkenrepertoire, und mit Richard Strauss, berlinerphilharmonischem Herzschinkenrepertoire.

In dem Fall sogar Doppelherzschinken: Don Juan op. 20 und Tod und Verklärung op. 24 (1888 und 89) sind eine eingespielte Kombi, von E-Dur nach e-Moll und von c-Moll nach C-Dur. Auch hier wirken die beiden sinfonischen Dichtungen wie zwei Sätze einer Sinfonie, vollendet wie die Unvollendete.

Den Don Juan lässt Petrenko in sehr flottem Tempo angehen, aber ohne den enervierenden, unfreien Hochdruck, den man manchmal erlebt. Nichts von dieser unangenehmen Kernigkeit und ohne jungsaturierten Elan, das hier wirkt leicht und fast lustspielig. Die Übergänge zwischen Refrains und Couplets (darf man das beim Don Juan sagen, musikologisch?) gelingen zauberig, zum Herzschnalzen. Die Solisten sind sämtlich gut erholt aus den Sommerferien zurück, allen voran Albrecht Mayer an der Oboe. In die effektvolle Generalpause vor der lakonisch stillen Coda hustet ein dramaturgisch unbedarfter Hörer hinein. Petrenko lässt zum Abtakt die Arme sinken, pumps, vorbei.

Hier und erst recht bei Tod und Verklärung merkt der Konzertgänger, wie aufregend diese frühen Orchesterwerke von Strauss doch sind für einen Verächter späterer Tondichtungen à la Ein Domestikenleben oder Alpensuite. Schweifende Gedanken, welche anderen Wege Strauss‘ Komponieren hätte gehen können.

Was ist das schon für ein aufrührend-einwühlender Beginn in Tod und Verklärung, die äußerste Zärte und gleich das Knarzen aus Grabgründen. Wie bald darauf Harfe (Marie-Pierre Langlamet) und erst Mayers Oboe, dann Flöte (Emanuel Pahud) und erste Geige (Daishin Kashimoto) rummachen, ist feinste Classic-Compilation. Noch eindrucksvoller als im Don Juan geraten Petrenko Steigerungen, Entladungen, Versinknisse. Bewegend, doch ohne Kitsch und Tränendrüse. So vitalistisch möchte man mal wen sterben erleben. Oder selbst.

Der Riesenpiesenjubeldubel war aufgrund des derzeitigen Berliner Petrenko-Mythisierens erwartbar, ist aber darum nicht falsch. Auf die sich in den Applaus einschiebenden Lustschreie schaut Petrenko indes in stoischer Freundlichkeit, und man fragt sich, ob er sich nicht seinerseits hinter dem stoisch freundlichen Schauen fragt, ob die Hörer hier bei Trost sind. So oder so, wunderbarer Strauss.

Dass Luigi van Beethoven Petrenkos Herzen ferner liegt, meint man zu spüren. Aber nun soll ein Chefdirigent das machen müssen, obwohl es doch alte Haudegen gibt wie Marek Janowski, die den Berliner Philharmonikern jede Saison einen famosen Beethoven-Zyklus runterreißen könnten, und alle wären glücklich.

Aber ob dem Herzen nah oder fern, herzlos ist Petrenkos Beethoven darum noch lange nicht. Kann man sich bei diesem Dirigenten herzloses Musizieren überhaupt vorstellen? Auch die 7. Sinfonie A-Dur op. 92 beginnt bei ihm ganz druckfrei, ungemein tänzerisch, ohne Grimm oder gar militärisch-freiheitskriegerisches Dings. Und doch gespannt, elastisch gespannt.

Dennoch wirken auf den Konzertgänger Effekte und Gesten hier mitunter petrenko-untypisch äußerlich, so als entstehe die Spannung nicht aus dem Verlauf der Musik heraus. Das attacca an den Kopfsatz anschließende Allegretto (hier mal wirklich ein Allegretto, kein Andante) beginnt mit traumhaft warmem Bratschen- und Celliklang, wie überhaupt alle leisen Passagen paradiesisch sind. Aber die lauten Teile wirken manchmal fast hektisch und die Kontraste unausgepegelt. Im Trio des Scherzos dirigiert Petrenko mit so einem kuriosen, fast konfus wirkenden Händerudern wie manchmal hochekstatische Zuhörerinnen auf dem Podium. Oder vielleicht, zeitgenössischen Berichten zufolge, dieser kuriose Dirigent Beethoven selbst, wobei man sich den weniger leichtfüßig als Petrenko wird vorstellen dürfen. Denn das Tänzelnde verliert Petrenkos Dirigat nie. Aber verläuft es sich hier nicht manchmal ins Leiern, etwa zu Ende des Kopfsatzes oder trotz eminenten läuferischen Schwungs im Finale? Da wirds doch geradezu kernig, aber trifft es den Kern?

Na, mal hören, wie die Nationale Kernrepertoire-Kommission verdizieren wird. Hoffentlich nicht gleich auf Guillotine. Wir wollen ja noch was vom Herrn Petrenko hierzustadt. Und natürlich ist das alles Beethoven-Bekrittelung in der obersten Etage. Das Publikum tobt und johlt. (Freilich, wann tut es das bei der Siebten nicht?) Petrenko sitzt also schon tief in den Herzen der Hörer, er muss sich gar nicht tiefer hineinwühlen.

Berlinerphilharmonische Tournee mit Strauss & Beethoven folgt, Samstagnachmittag in den Schlüterhof des alt-neuen Stadtschlosses und zugleich in die Digital Concert Hall, dann nach Salzburg und Luzern. Nach Berlin kommt Petrenko wieder im Januar mit dem Bundesjugendorchester (Bernstein, William Kraft, Strawinsky) und im März mit einer Kombination, die schon auf dem Papier frohlocken lässt, Schönberg & Tschaikowsky. Hach, das wird ein Fest von Kern und Herz werden.

Nachträge:

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7 Gedanken zu „Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

  1. Netterweise gibt es das Konzert vom Freitag zum Nachhören:

    https://www.ndr.de/ndrkultur/Saisoneroeffnung-der-Berliner-Philharmoniker-mit-Kirill-Petrenko,audio434116.html

    „Don Juan“ ab 4:37
    „Tod und Verklärung“ ab 24:23

    Kurzgespräch mit Alexander Bader über die Arbeit mit Petrenko ab 49:47
    Kleiner Interpretationsvergleich Furt., Karaj. II, Abbado zum 2. Satz ab 1:00:55 (ab 1:22:03 die Stelle bei Petrenko)

    Beethoven 7:
    I. Poco sostenuto – Vivace ab 1:07:05
    3.2 II. Allegretto ab 1:20:35
    3.3 III. Presto – Assai meno presto ab 1:28:30
    3.4 IV. Allegro con brio ab 1:36:57

  2. Ich sehe es gerade im Fernsehen. Mit Strauss kann ich als Komponist nix anfangen. Gleichwohl macht mir der Petrenko diese Schinkenwürste ganz erträglich, aber doch so gut erträglich, dass ich weiß, was ich an Mahler habe. Klingt toll, klingt herzlich sogar – an den besten Stellen dann immerhin fast wie Tschaikowsky.

    Beethoven: Teile ich anteilig. Habe das Gefühl gehabt, er mache daraus eine Eroica 2.0. Du nennst es fehlendes Elastizität, oder? Ja, es hat eine übertriebene Hetze in sich. Wenn es nicht die Berliner Philharmoniker spielen würden, es würde alles den Bach runtergehen.

    Habe mich dann gefragt: Ist es vielleicht möglich, dass dies eine Lesart von Beethovens siebter sein könnte, wenn man mal diese Wagnersche Deutung als Apotheose des Tanzes aus dem Fester wirft. Und mal vergisst. So eine Sache kann ja doch sehr als Vorverständnis weitere Möglichkeiten der Anschauung lähmen.

    Wenn ich es mir gerade ansehen und anhöre, dann denke ich, das kann schon was werden. Noch scheinen mir die MusikerInnen nicht schnell genug im Denken und Umsetzen. Petrenko wird sie schon spielen lehren, so wie Rattle das mit einem speziellen Teil des Repertoires es auch geschafft hat. Provokant gesagt: Mahler und Schostakowitsch kann jeder, Strauss sowieso. Das ehemalige Kernrepertoire von Haydn bis Brahms/Dvorak – das wird die Herausforderung sein. Und da kann nach meinem kleinen Blick in die Vergangenheit noch einiges geleistet werden.

    Deine Kritik ist wunderbar geschrieben. Sehr schöne Bilder. Ich mache mir jetzt ein Käsebrötchen.

    • Von Petrenko dirigiert hat mir sogar zum ersten (und wahrscheinlich letzten) Mal die „Sinfonia Domestica“ gefallen. Vor 2 oder 3 Jahren mit dem Bayrischen Staatsopernorchester beim Musikfest.
      Bin über den Beethoven immer noch unschlüssig.

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