Nice, nicht lappig: Kirill Petrenko paukt das Bundesjugendorchester

Andere Teenager hören sich vielleicht (wenn sie einen offenen Geist, ordentlichen Musiklehrer oder nervige Eltern haben) Le Sacre du Printemps mal an – diese hier spielen ihn! Dabei sind sie nur paar Jährchen älter als das größte Konzertgängerkind, das momentan mit genau zwei Adjektiven auskommt: nice oder lappig. Nun, dieses Bundesjugendorchester, das seit 50 Jahren bestehende nationale Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn für Personen zwischen 14 und 19 Jahren, ist überaus nice. Wenn dann noch Kirill Petrenko dirigiert, bei dem man als Berliner jede Gelegenheit bei der Schopfhenne packen muss: nix wie hin. Das Programm ist ziemlich paukig, mit einem Paukenkonzert eines gewissen William Kraft sowie Strawinskys Sacre du Printemps.

Zuerst aber gibts Leonard Bernsteins Symphonische Tänze aus ‚West Side Story‘. Da sind auch schon glorreiche Sieben am Schlagwerk zugange. Doch das ganze BJO erweist sich bereits hier als glorreiche Hundertschaft (ums mal grob zu schätzen). Das gilt für Soli wie das der Flötistin, die sich im Adagio-Finale musterhaft exponiert, ebenso wie für den Groß- und Gesamteindruck, der sich durch hohe Kohärenz und Prägnanz aller Gruppen auszeichnet, die wiederum feingewogenen Mischklang hervorbringt, im träumerischen Somewhere wie im feurigen Mambo. Was ebenso zählt, ist das Lächeln und Lachen im Orchester. Strebsamkeit und Spielfreude sind kein Widerspruch! Freilich fällt einem schon beim Fingerschnipsen im Prologue auf, dass das BJO rein optisch so ziemlich das Gegenteil von Straßengang ist, egal ob Jets oder Sharks. Da ist kein Junge mit langen Haaren und kein Mädel mit grünen oder blauen.

Im Publikum aber entdeckt man die, und auch einige Kopftücher, das ist immerhin eine Erleichterung in Sachen Diversität. Denn in der ausverkauften Philharmonie sitzen nicht nur viele stolze Eltern, Onkel, Tanten, Musiklehrende und Musikrats-Funktionäre, sondern eben auch erfreulich viel junges Gemüse, welches bekanntlich das Fleisch der Zukunft ist. Das Musikleben der Zukunft hängt ja nicht nur von dieser Bundesjugend-Spitze ab, sondern auch von der nationalen Breite, auf dass diese on stage zu erlebenden Nachwuchs-Asse immer ein fleißiges, kundiges Publikum finden mögen (das seinerseits gern auch freudig hausmusizieren wird).

Der 1923 geborene William Kraft war Pauker des Los Angeles Philharmonic und schrieb Anfang der 1980er einem Kollegen, was wohl allen Paukern der Welt schmerzlich fehlt: ein Konzert für Pauken und Orchester. Es ist gerade wegen der Beschränkung auf insgesamt 5 Pauken interessanter als manches Schlagzeug-Konzert, das Martin-Grubinger-mäßig durch die komplette Perkussions-Abteilung tobt. Freilich, ein Konzert für Becken oder Triangel dürfte dennoch schwierig werden. Die Pauke aber ist viele Instrumente in einem, wie sich zeigt: hat Tonhöhen, zwischen denen sichs herumglissandieren lässt, auch beklopfbares Holz ringsum, und man kann mit bloßen Händen oder Handschuhen und verschiedenen Schlägeln spielen, auch mal mit dem Ende des Stiels. Kurz, hier gilts mehr der Farbe als der Rhythmik; wenngleich das Virtuose nicht zu kurz kommt. Schon am unbegleiteten Beginn erzeugt Paukers Hand ein untertonreiches Wittern, das bis zum Donnernebel anschweigt. Der mittlere Satz ist ein Poem für Pauken, zwei Streichorchester, Celesta und Schlagzeug, das an bartóksche Nachtmusik erinnert.

Wieland Welzel, geschätzter Paukist der Berliner Philharmoniker, kriegt das alles natürlich grandios hin. Das muss für so einen Musiker mal eine Erlösung sein vom zähen täglichen Brot des Paukenparts in klassisch-romantischer Sinfonik. Die Zugabe, eine von Welzel selbstkomponierte Etüde mit vier Schlägeln auf vier Pauken, ist ebenfalls nice. (Auch wenn sich andeutet, dass aus dem jungen Genre der Pauken-Etüde schwerlich ein ähnlicher Kunstkosmos entstehen wird wie aus der Klavier-Etüde.)

Das Orchester begleitet das Paukenkonzert au point und jederzeit auf Augenhöhe. Wie gut diese jungen Musiker sind und wie genau Kirill Petrenko mit ihnen gearbeitet hat, zeigt schließlich auch Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps. Der Vergleich mit der altehrwürdigen Staatskapelle, die dieses Werk im vergangenen September doch etwas lappig darbot (man hatte mit Barenboim wohl mehr Boulez geprobt), ist aufschlussreich und beweist: Üben hilft, und man sollte es auch als Erwachsener nicht lassen. Denn hier sitzt es einfach, passt, wackelt nur, wo es soll, und hat Luft und Lust.

Otto Musterfrau und Anna Normalhörer freuen sich ja gleich zu Anfang unschuldig über dieses seltsame hohe Singen, das Saint-Saëns bei der Uraufführung 1913 zur Frage veranlasst haben soll, welches Instrument das denn sei; und zum sofortigen Verlassen des Saals, als jemand Fagott antwortete. Wie sich nun die junge Fagottistin todesmutig dieser eröffnenden Herausforderung stellt, das ist schon was. Ein Klarinettist pustet kurz darauf ohne falsche Scheu seinem Instrument quasi die Schrauben raus. So könnte man alle Solisten querbeet loben und preisen.

Vor allem aber das Ganze: Wenns knallt oder schrillt, dann richtig. Diese gewisse Hypernervosität steht dem Stück ganz gut, aber hier ist eben nicht nur Druck und Intensität. Die Einsätze kommen so stichflammenpräzis, dass man immer wieder aufschrickt, auch wenn man das Werk schon drölfzigmal gehört hat. Die jungen Musiker spielen wie um ihr Leben, hoffentlich können sie sich viel davon bewahren.

Lediglich zu Beginn des zweiten Teils hängt es mal ein bisschen durch, da wo es in Largo-Mysteriösitäten geht. Aber insgesamt muss man sagen: Sacriger gesacrert hats selten; und wenn einen ein Sacre so mitreißt, dass man am liebsten seinem Vordermann eine reinhauen oder eine Jungfrau opfern will, dann ist das schon ein echt nices Qualitätssiegel.

Kirill Petrenko aber, der Oberpauker, wirkt bei aller Konzentration so maximal entspannt, dass das Messias-Gerede rund um die Berliner Philharmoniker noch alberner wirkt. Als Zugabe setzt es dann noch was Vulkanöses aus Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk: So würde man das gern mal in einem Berliner Opernhaus hören, das schlägt der Pauke glatt den Boden aus.

Weitere Kritik dieses Konzerts: Amling im Tagesspiegel. Sascha Krieger angetan. Goldberg vom Kulturradio und Spinola in der Süddeutschen (Print) war es zu brav.

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4 Gedanken zu „Nice, nicht lappig: Kirill Petrenko paukt das Bundesjugendorchester

      • Heute hau’n wir auf die Pauke,
        ja, wir machen durch bis morgen früh!
        So ein Tag, so schön wie heute,
        ist für uns die beste Medizin!
        Komm, gib mir deine Hand, denn heute feiern wir!
        Wir sind so froh gelaunt und haben allen Grund dafür.
        Es wird Rabatz gemacht, bis dass die ganze Bude kracht,
        und wenn die Anderen zur Arbeit gehen,
        sagen wir „Gut‘ Nacht“ !

        🙂

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