Belesend: Gerhaher singt, Huber spielt Schubert, Wolf, Berg, Rihm

Doppel-Benikolausung in der Philharmonie: Während im Großen Saal Teddy Currentzis (für manchen Traditionalinski eher ein Knecht Ruprecht) das großmahlersche Riesen-Schoko-Likör-Ei in den Stiefel batzt und dabei selbst eingeschworene Rezensissimi wie Krieger überzeugt, kredenzen der Sänger Christian Gerhaher und sein Pianistenpartner Gerold Huber im Kammermusiksaal 24 allerfeinste Preziosen. Edelste, nobelste Gäste sind da: Altbischof Huber etwa, Tabea Zimmermann; Thomas Quasthoff plaudert vor Konzertbeginn mit Max Raabe, der Fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2019. Ja, für solche Gaben hängt man die Seidenstrümpfe seiner Liebsten vor die Tür: 95 Minuten Liedkunst von Franz Schubert, Hugo Wolf, Alban Berg, Wolfgang Rihm. Weiterlesen

12.3.2017 – Fremd: Schuberts „Winterreise“ mit Barenboim & Gerhaher im Boulezsaal

Zum Raum wird hier die Zeit: Neun Tage dauert die Eröffnungswoche des Pierre-Boulez-Saals. Am achten Tag der Woche zieht Franz Schuberts Winterreise mit Christian Gerhaher und Daniel Barenboim fremd ein, fremd zieht sie wieder aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig in der überaus klaren Akustik und schnörkellosen Architektur, die bei allem geschwungenen Gehry-Genios etwas an einen Plenarsaal mit BVG-Sitzen erinnert. Aber wäre es besser, eine Winterreise Winter_Landscape_by_Caspar_David_Friedrichkönnte sich in einem Saal bequem einheimeln? Je fremder, desto besser.

Der Konzertgänger besucht die zweite Aufführung, am Sonntagvormittag: Auch diese Zeit ist für eine Winterreise befremdlich, wie die Frühlingssonne vor der Tür. Aber wenn man zuvor seinen Nachwuchs frühmorgens in die tiefsten Felsengründe gebracht hat, nämlich zu einem Fußballturnier in eine unwirtbare Weddinger Turnhalle, geht’s schon. Da ist man nicht übel eingestimmt auf alle Trostlosigkeit der Welt. Weiterlesen

2.10.2016 – Sachlich schwermütig: Christian Gerhaher singt Dvořák und Schumann

Konzert von superlativischer Sachlichkeit: höchste gegenseitige Durchdringung von Wort und Ton in vollendeter Schönheit beim Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber.

dvorakEr beginnt bereits in Verklärung, mit Antonín Dvořáks Biblischen Liedern op. 99 (1894). Es ist immer gut, mit einem Gebet anzufangen, einen Liederabend erst recht. Gerhahers völliger Verzicht auf sängerische Manierismen steigert die Wirkung dieser fast schmucklosen, persönlichen Lieder. Wie durchdacht der Sänger jede Silbe gestaltet, erschließt sich auch, wenn man kein Wort vom tschechischen Text versteht. Denn, einziges Ärgernis dieses Abends, die Programmhefte sind frühzeitig ausverkauft, wie schon häufiger bei Liederabenden der Stiftung Berliner Philharmoniker. Der Konzertgänger ist zwar strikt gegen die elende Textmitleserei, und zwar nicht nur wegen des störenden Umblattelns während des Vortrags. Aber davor lesen möchte man die Texte vielleicht schon, und nicht jeder Besucher ist technisch so vif, dass er sich die Dvořák-Texte auf dem Smartphone reinziehen kann.

Bei Robert Schumann stellt sich das Problem nicht, denn bei Gerhaher versteht man jedes Wort. Weiterlesen