Konzertgänger auf Reisen: „Die Walküre“ in München

Bisschen stillhalten als Berliner an der Bayerischen Staatsoper, nicht rausposaunen, woher man ist. Erstens weil das Berliner Welthauptstadttum eh alle Welt nervt, zweitens weil man ja den Münchnern demnächst diesen enormidablen Chefdirigenten entführt. Der Sonderlevel von Kirill Petrenko beweist sich auch in dieser hochkarätig besetzten Aufführung der Walküre, im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Weiß Gott mehr als ein Zwischenstopp für den Wagnerianer auf dem Weg nach Bayreuth.

Der Berliner freut sich über die alpinhohen fünf Ränge und stolpert wie alle Touristen über die fiese kleine Schwelle, wenn er seine Reihe betritt. Über die Marotte, dass hierzustadts alle geraden Platznummern rechts, alle ungeraden links sind, ist er hingegen schon in anderen Münchner Theaterhäusern gestolpert und darum hier nicht mehr. Weit vorne im Parkett sitzt eine Dame mit sehr großem Hut (Typ Ascot), der die Hinterfrau sicher an die Schlussszene des unsterblichen Ödipussi denken lässt:

Zugegeben, die Inszenierung von Andreas Kriegenburg wirkt etwas halbgar, und da es sie schon seit sechs Jahren gibt, wird sie wohl nicht mehr gar werden. Indes, die Münchner scheinen sie liebgewonnen zu haben. Das zeigt etwa der folkloristisch wirkende Buhsturm zu Beginn des dritten Aufzugs, als noch vor Einsatz der Musik leichtbekleidete Wunschmaiden einen wüsten Stampftanz veranstalten, etwas an den ESC-Beitrag eines Balkanstaats erinnernd: Der Protest wirkt wie Tumult aus Gewohnheit. Dabei ist das ein eindrucksvolles Bild, die ekstatischen Frauen zwischen drei Meter hohen Speeren, auf denen hoch in der Luft tote Helden aufgespießt sind.

Die Inszenierung ist in Gesten, Lichtführung usw nah an der musikalischen Leitmotivik und Wagners Regieanweisungen. Das behelligt den Regieverächter kaum (außer zu Beginn des dritten Aufzugs), beleidigt aber auch nicht die Intelligenz des denkenden Theatergängers. Im Vorspiel zum ersten Aufzug balgt sich Siegmund etwas hüftsteif im Halbdunkel mit fiesen Sippen, hier gewinnt die Choreografie keinen Martial-Arts-Award. Der zweite Aufzug aber hat traurigschönen komischen Reiz. An der Wand hängt ein Wald-Ölschinken wie aus der Neuen Pinakothek oder dem sehenswerten Waldschinken-Saal im Lenbachhaus. Wand samt Bild rücken im Ehestreit beklemmend nach vorn (wie die Mauer in der Frankfurter-Berliner Medea von Michael Thalheimer), und es gibt viel zerbrochnes Glas, während Wotan und Fricka sich zoffen.

Aber wegen der Regie ist ja keiner hier. Schon eher wegen Jonas Kaufmann, der seinen ausgebeulten Trainingspyjama (wie aus einer Hartz-IV-Reality-Soap) mit männlicher Würde trägt. Als Siegmund verbindet er virile Urkraft und Gesangszartheit, dass man sich beim Hören ganz blöd stellen möchte und fragen, warum macht das eigentlich nicht jeder Siegmund so? Tja. Kein Angebertum, auch wenn er durchaus mit Wer-hat-den-längsten-Wälseruf glänzt. Kaufmann verdrückt manches Tränchen im Kehlkopf, ohne dem Heldentum was schuldig zu bleiben. Dennoch stellt sich manchmal, wenn auch nur leis, ein Eindruck von sängerischer Routine ein. Oder ist das nur eine leise Scheu, weil Kaufmann den Siegmund zuvor jahrelang nicht mehr in Szene gegeben hat?

Das Gegenteil von Routine ist die emotional packende, so verletzliche wie starke Anja Kampe als Sieglinde. Ihr überaus lyrischer Sopran gelangt in dieser Rolle und mit diesem Partner besser zur Blüte als bei der Isolde im seltsam disproportionierten Berliner Tristan mit Andreas Schager.

Und mit einem überaus achtsamen Dirigenten wie Kirill Petrenko. Der legt die Expressionslatte schon mit hochgezogenem Extrem-Tremolo im ersten Vorspiel sehr hoch. Aber er dirigiert bei allem Ausdrucksfuror eben auch extrem pragmatisch — hochtheatralisch und zugleich sängerfreundlich, ohne sich in Parallelsinfonik zu verzetteln. Wenn er Motiv um Motiv fast überdeutlich betont, dann im Dienste des Zuhörers. Schön, seine Gestik zu beobachten: ale hebe er nach Siegmunds den Vater fand ich nicht das Walhall-Motiv mit seinen Händen behutsam aus dem Klang hervor. Das zarte Leuchten des Blechs ist ganz außerordentlich, und wenn man überhaupt eine Gruppe des Bayerischen Staatsorchesters besonders loben möchte, dann diese. Aber die Verbindung von Wucht und Geschmeidigkeit ist in diesem Orchester insgesamt höchst eindrucksvoll.

Von Petrenkos jederzeit präzisem Runterdimmen für die Stimmen profitieren nicht nur Kaufmann und Kampe, sondern auch alle anderen Sänger. Nina Stemme als Brünnhilde bräuchte solche Rücksicht wohl am wenigsten. An ihr zu loben, wie mühelos Hochdramatik scheinen kann, hieße Raben nach Walhall tragen. Irritierend allein, wie sie irre juchzend in ihren ersten Walkürerufen das Schluss-ha! abreißt. Ansonsten perfekt kontrolliertes Vibrato bei höchster Textverständlichkeit. In den grandiosen Vibratogewittern von Ekaterina Gubanovas Fricka ist hingegen, wer den Text nicht erzwagnerisch auswendig kennt, für die Übertitel sehr dankbar.

Ain Anger ist ein völlig rollengerechter Hunding. Wolfgang Kochs Leistung als Wotan hingegen mag die imperfekteste sein, dennoch ist es die berührendste. Insgesamt von überschaubarem Stimmvolumen, spürt man im dritten Aufzug, wie er physisch zu kämpfen hat. Aber es gelingt, und es bewegt sehr. So empfindsam wirkt dieser Göttervater von der traurigen Gestalt, dass man zu Beginn des zweiten Aufzugs auch als Walkürenneuling sofort wüsste, wie der Disput mit der Gattin ausgehen wird.

Höhepunkte, in nichtchronologischer Ordnung: Das Dreieck Kaufmann – Stemme – Petrenko macht die Todesverkündigung zum Paradies auf Erden. Und so ein brautschwesterlicher Schrei, wenn Siegmund fällt, der hat doch auch was. In den 60 Sekunden, da Gubanova-Fricka und Stemme-Brünnhilde Aug in Auge singen, bebt die Staatsoper. In der Piano-Zartheit zwischen Tochter-Stemme und Vater-Koch aber bebt die Seele des Hörers.

Das Münchner Opernpublikum führt sich (außer beim folkloristischen Buhtumult) tadellos auf, feine Zuhörkultur. Auch in den Pausen stehen noch Kartensuchende vor den Eingängen, das ist Wagnerhingabe. Und neben dem Konzertgänger sitzt im ersten Aufzug ein älterer Herr, im zweiten und dritten eine ältere Dame: ein Ehepaar, das nur noch eine Karte ergattert hat und sich nun diese Walküre teilt.

Kann man nicht meckern, sagt sich der Berliner in München, in aller Stille.

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4 Gedanken zu „Konzertgänger auf Reisen: „Die Walküre“ in München

  1. Noch als Zusatz zu Kaufmann. Leidet er mittlerweile an Selbstüberschätzung? Innerhalb kurzer Zeit, Parsifal, Siegmund, diese merkwwürdigen Singeabende in Arenen mit diesen Schmonzetten und ein bisschen Oper, letzteres eher indiskutabel

    • Alles Außen am Siegmund war m.E. perfekt, nach innen und in die Tiefe gabs Abstriche. Selbstüberschätzung? Ich weiß nicht. Er ist ja ein Vollprofi. Über seinen italienischen Abend in der Waldbühne habe ich nur das Beste gehört, auch von Leuten, die bei Schmu schnell die Nase rümpfen. Er liefert schon was ab für sein Geld, da ist nichts gehuscht.

      • Ich habe den Waldbühnenabend teilweise ertragen und muss sagen ziemlich daneben. Das Cielo es mare, war eine Zumutung, da war selbst Kim in der DO besser. Turridu war auch nicht viel besser. Das Duett mit Anita Rachvelishvili war dank ihr wirklich gut, genauso ihre Santuzza. Dann habe ich noch ein bisschen von den Schmonzetten gehört, da ist mir jeder italienische Straßensänger lieber

  2. Oh, der Herr Selge in der Hochhochkultur und dann in München. Haben Sie Glück gehabt, das dort andere Temperaturen als hier herrschen.
    Meine Münchener Freundin war auch dran, und empfand es ähnlich. Bei Kaufmann mit etwas mehr Einschränkungen

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