Zwangshammernd: Kirill Petrenko dirigiert Mahlers Sechste

Mahlers Sechste (zeitgenöss. Darstellung)

Die Menschheit teilt sich in zwei Gruppen, die vermutlich unterschiedlich groß sind: diejenigen, die sich brennend für die Frage interessieren, ob in Gustav Mahlers 6. Sinfonie zuerst das Scherzo und dann das Andante kommt oder aber zuerst das Andante und dann das Scherzo. Und diejenigen, denen es egal ist. Kirill Petrenko macht bei den Berliner Philharmonikern zuerst das Andante und dann das Scherzo. Was unter anderem zeigt, dass sich in dieser Hinsicht sein Abgrenzungsbedürfnis zum Vorgänger Simon Rattle in Grenzen hält.

Denn der machte es bei seinem letzten Konzert als Chef in der Philharmonie genauso, wie es ja auch mittlerweile Standard ist. (Warum, erläutert der Mahlerforscher Gilbert Kaplan.) Und natürlich lässt schon die Tatsache, dass Petrenko überhaupt so früh in „seiner“ Ära Mahler 6 programmiert, auf fehlenden Distinktions-Zwang schließen. Schließlich war dieses Werk Rattles erstes und letztes bei den Berliner Philharmonikern.

Ansonsten steht jedoch schon etwas wie Zwang im tönenden Raum. Aber rein musikalisch. Denn Petrenkos Mahler ist von einschüchternder und fast frösteln machender Perfektion, emotional eher weniger bewegend. Das Korsett ist rhythmisch streng, zumal im Kopfsatz: voran, voran, alles ist Marsch. Die Bewegung kommt anfangs sehr aus den Bässen, was keine Wärme mit sich bringt, sondern umso tiefere Schwärze. Wenn es im Folgenden auch manchmal laut, schrill, grell wird, ist das zweifellos beabsichtigt und wahrscheinlich auch sachgemäß – zumindest als eine Option für den Mahler6-Klang. Blechheulen und Hörnerklappern. Die Aufschwünge der Streicher scheinen leer und ausgebrannt. Der fernen Kuhglockenverheißung traut man keinen Deut, so schön Klarinette, Horn, erste Violine auch dazu höffeln.

Dann die beiden Mittelsätze in besagter Reihenfolge, zu der Mahler sich erst nach der abgeschlossenen Komposition entschloss: Das Andante moderato verblüfft durch wellenhaften, fast tänzelnden Charakter. Das klingt traumhaft schön, dabei frei von Kitsch. Das Scherzo danach nur noch zwanghafter als der erste Satz, scharfe Schnitte, sarkastisches Ausbuchstabieren, ein Fallbeil nach dem anderen. Die Trios wirken wie trostlos mechanische Totenweltmusik.

Spräche musikalisch nicht doch manches dafür, das Andante gegen Mahlers letzten Willen erst nach dem Scherzo zu bringen? Nicht nur in harmonischer Hinsicht, sondern auch weil aufs Andante folgend der Zauberbrause-ad-profundos-Beginn des vierten Satzes und überhaupt das ganze gewaltige Finale noch stärker zur Geltung käme? Und diese Hammerschläge natürlich. Die verlieren übrigens, wenn man mit geschlossenen Augen hört, doch einiges an Wirkung. Anders als die böse Basstuba, die dunklen Harfen-Effekte und die nunmehr in der Hölle schmorenden Kuhglocken. Diese Apokalypse braucht keine Hammer-Optik.

Beeindruckt, aber nicht recht beglückt, sagen wir’s so – sofern man von Katastrophenmusik beglückt sein könnte. Doch, könnte man wohl. Ebenso reizvoll wie Andante/Scherzo mal wieder zu vertauschen wäre es vielleicht, vor der achtzigminütigen Mahler 6 mal wieder ein kurzes anderes Stück zu spielen. Webern, Berg, Schubert, was Zeitgenössisches – egal.

Der Petrenko-Hype in der Philharmonie hat sich ganz angenehm runtergekühlt, selbst bei einem so aufpeitschenden Werk. Gleichwohl ist der Beifall am Ende verdientermaßen groß und die Stimmung bereits vor Konzertbeginn blendend: Schon beim Erscheinen des Bassklarinette auf dem Podium schallt ein lauter weiblicher Juchzer durch den Saal; gilt er wohl eher diesem lustigen Schnabelphallus oder doch mehr der Kojak-Lookalike-Frisur des Bassklarinettisten Manfred Preis?

Zwei weitere Aufführungen am Freitag und Samstag. Weitere Kritiken: Schlatz, Krieger, Goldberg

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