Frühstherblingshaft

Antoine Tamestit und Alexander Melnikov spielen Brahms und Schostakowitsch im Konzerthaus

Wochenbeginn-Spätbrahms und Montags-Endzeitschostakowitsch: gerade das Richtige zum Frühlingsanfang. Der Bratscher Tamestit und der Pianist Melnikov spielen im Kleinen Saal des Konzerthauses, im Rahmen einer zweiwöchigen Hommage an Dmitri Schostakowitsch, die gerade diffuse Gefühle hervorruft und diffuse Reaktionen auslöst: etwa einen aufreizend wischiwaschi formulierten Einlegezettel von Chefdirigent Eschenbach und Intendant Nordmann, der die konkrete Verantwortung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ausklammert (stattdessen Schicksalssätze wie „das Undenkbare ist geschehen“). Oder die seltsame Idee von Dirigent Krzysztof Urbański, am Freitag statt der Leningrad-Sinfonie Schostakowitschs Fünfte zu spielen, die ja ein nicht minder ambivalentes Werk ist. Wäre es nicht sinnvoller, klar auszusprechen: „Putin ist ein Mörder und Kriegsverbrecher“; und dennoch die Leningrad-Sinfonie zu spielen, die immerhin weder von Putin noch von Stalin komponiert wurde?

Anyway, das Programm des Rezitals von Tamestit und Melnikov ist unabhängig von allen aktuellen Weltläuften in sich stimmig.

Der allgemeine Lebensschmerz des späten Brahms trifft auf den leidvollen Lebensabend von Schostakowitsch. Johannes Brahms‘ beide Sonaten Opus 120 sind eigentlich (und zwar in der Sommerfrische!) für Klavier und Klarinette geschrieben, aber von ihm selbst auch für Viola autorisiert. Und hört man den hochsensitiv spürenden, gerade darin intensiven Bratschenton von Antoine Tamestit, dann klingt diese Besetzung absolut plausibel und organisch. Tamestit gelingt es, dass sein Instrument paradoxerweise je fahler, desto wärmer klingt. Und der Pianist Alexander Melnikov, der auf einem Stuhl mit Lehne spielt (wie Brahms auf manchen Bildern, und wie Radu Lupu), folgt Tamestit in diesem skrupulösen, exakten Spiel. Ideale Interaktion der beiden. Und auch in der Vivace-Wucht des Finales der f-Moll-Sonate, auch in den üppigen Akkorden des Schlusssatzes der Es-Dur-Sonate verfällt Melnikov niemals ins Donnrige. Magisch zart aber sind die Zauberklänge, die Melnikov durch Pedalisierung etwa im langsamen Satz der f-Moll-Sonate schafft. Und gemeinsam gelingt es Tamestit und Melnikov, am Beginn der Es-Dur-Sonate ebenjene vollendete Frühlingshaftigkeit entstehen zu lassen, wie sie nur ein Komponist im Herbst seines Lebens schaffen konnte.

Vollendete Herbsthaftigkeit dagegen in Dmitri Schostakowitschs Violasonate Opus 147, seinem letzten Werk. Herbsthaft durchaus in dem Sinn, wie die Statistischen Mitteilungen des russischen Innenministeriums 1836 es beschrieben (zitiert von Andrej Bitow 1971 in seinem genialen Roman Das Puschkinhaus): Der Herbst, oftmals von überaus langer Dauer, ist in Petersburg die unangenehmste Jahreszeit, welch letzterer Hauptattribute sind: Nebel, Regen, Wind und bisweilen Schnee […] Auch der Herbst des nicht sehr langen Lebens von Schostakowitsch (er wurde ja wie Brahms keine Siebzig) war von überaus langer Dauer. Und ganz am Ende zerschossen von Herzinfarkten, Lähmungen, Krebs – ein Massaker, wie Philip Roth das Alter einmal nannte.

Diese Sonate scheint direkter bratschenhaft als die beiden Brahmswerke, der Komponist ließ sich noch auf dem Sterbebett spieltechnisch genau beraten. Reduktion und Aufschrei liegen in dem dreisätzigen Werk nah beieinander. Das Grauen ist in der Resignation, erst recht in den abgründigen Freuden dieser Musik immer präsent. Und die Musiker stürzen sich in das alles bedingungslos hinein. Auch in das geradezu verstörende Finale: Nach elegischem Viola-Rezitativ tritt eine so bizarre wie penetrante Verfremdung von Beethovens Mondscheinsonate auf, in der es immer wieder zu Aufwallungen der Bratsche kommt. Heute Abend fühlt sich das an, als wanderte man durch die Ruinen der Palais der Lobkowitze und Brunsviks im atomar zerstörten Wien. Faszinierend, aber spooky hoch zehn.

Die Schumann-Zugabe gehört zu den Dingen, die nach einem anderen Werk sehr willkommen wäre, hier aber die betretene Nachstille doch empfindlich stört.

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