Hochseilgaloppierend

Quatuor Modigliani und Sharon Kam spielen Schubert und Brahms

Wenn die Tücken der Programmplanung zum Aberwitz werden: Am Donnerstagabend spielen drei hervorragende Streichquartette gleichzeitig. Selbst in Berlin ist das kein Normalfall. Und schon gar nicht, dass zwei davon (Belcea im Boulezsaal und Modigliani im Kammermusiksaal) Schuberts Der Tod und das Mädchen spielen. Drittes Angebot in der Terminkollision wäre das Pavel Haas Quartett, das im Konzerthaus im Rahmen der Schostakowitsch-Hommage auftritt. Ich entscheide mich am Ende für die Modiglianis: weil ich die noch nie gehört habe und weil dort auch noch die israelische Klarinettistin Sharon Kam dabei ist. Und Brahms.

Dass bei dem französischen Quartett gleich zwei einsame Gipfel- oder Hochseilwerke auf dem Programm stehen, hat gewiss auch ökonomische Gründe. Denn in der wettbewerbsverzerrten Berliner Kulturlandschaft muss die private Konzertdirektion Adler zusehen, wie sie die Bude halbwegs vollkriegt, und das würde leider schwer mit sanftem Sciarrino-Säuseln und wonnigen Webern-Wuseleien. Und ohne öffentliche Subventionen im Rücken sind die Eintrittspreise hier locker mal doppelt so hoch wie bei konkurrierenden Veranstaltungen der Stiftung Berliner Philharmoniker im selben Kammermusiksaal. Hypothetisches Wettangebot: Bei vergleichbaren Preisen wär’s hier dreimal so voll, wie’s de facto ist. Aber ruhig Blut. Auch die ersten Berliner Konzerte des famosen Cuarteto Casals waren gähnend leer; mittlerweile hat sich die Famosität herumgesprochen.

In Franz Schuberts 14. Streichquartett d-Moll „Der Tod und das Mädchen“ – mit eminent hohem Tempo in den Kopsatz – lässt das Modigliani Quartett direkt aufhorchen. Das ist eins der am schönsten und am „saubersten“ klingenden Streichquartette, die ich seit langem gehört habe. Wobei – bitte sehr! – das nicht mit „glatt“ oder gar „harmlos“ zu verwechseln ist. Schuberts schlagartige Schönheiten sind beinah unerträglich. Und das kollektive An- und Abschwellen des Klangkörpers „Modigliani“ unfassbar organisch. Der Puls im ersten Satz unerbittlich, im zweiten berückend kantabel. Die silbernen Girlanden des ersten Geigers Amaury Coeytaux ergreifen ebenso wie die elegische Intensität des Cellos von François Kieffer.

Der Affenzahn, mit dem es dann ins Finale geht, nimmt dem Stück durchaus was von seiner Physis und erschafft stattdessen eine Art artistischen Albtraum. Als galoppierten die Pferde der Wilden Jagd über ein endloses Hochseil. In der letzten Beschleunigung bin ich mir ziemlich sicher: Es gibt viele exzellente Streichquartette, aber technisch macht diesem hier keins etwas vor. Bei der emotionalen Kraft ist die Frage etwas offener. Es scheint, dass beim Modigliani Quartett eine hohe klangliche Raffinesse, die man fast (aber hésitant) französisch nennen möchte, über demonstrativer Gefühlsvehemenz steht.

Erwähnenswert, dass dieses Ensemble ein Album mit sämtlichen sechzehn Streichquartetten Schuberts herausgebracht hat, was bei diesem Komponisten – anders als bekanntlich bei Beethoven – Seltenheitswert hat. Und glaubt man Oswald Beaujean von BR Klassik, dann widmen die Modiglianis „sich jedem dieser fünfzehn Werke mit gleicher Hingabe, Sorgfalt und Intensität“ – eben auch den (wieder anders als bei Beethoven) als nicht allzu bedeutend geltenden ersten.

Schubert konnte bei der Komposition 1824 den eigenen frühen Tod schwerlich ahnen. Trotzdem wirkt Brahms‘ späte Musik im deutlichen Bewusstsein des Lebensabends tröstlicher, bei aller Schwermut und Resignation. Gut überdies, dass in Johannes Brahms‘ Klarinettenquintett h-Moll Opus 115 zum All-Male-Panel Modigliani die Solistin Sharon Kam hinzutritt! Ihre leisen Einsätze im nahenden Stillstand der Kopfsatz-Metamorphosen sind zauberhaft. Und wie Kams ungemein beredte Klarinette im langsamen Satz aus rhapsodischen Ornamenten eine ungeheure Spannung aufbaut, gerät zum Höhepunkt des Abends. Selbst wenn bei diesem Brahms – bei aller Akkuratesse – Momente stärkeren, ausgekosteteren Zögerns noch denkbar schienen. Aber es bleibt lange im Ohr, wie hier aus den Verschmelzungen der wandlungsfähigen Klarinette mit den Streichern immer neue Fabel-Instrumente zu entstehen scheinen.

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