Phonogen: Valčuha dirigiert Korngold, Chatschaturjan, Janáček

Auch wenn das Berliner Konzerthaus gerade seinen sehr photogenen künftigen Chef Christoph Eschenbach stadtweit plakatiert, scheinen dem Konzertgänger die Auftritte des ausgesprochen phonogenen Ersten Gastdirigenten Juraj Valčuha derzeit die eigentlichen Ereignisse. Es sind am Freitagabend viele Schüler da, die direkt vom #Klimastreik kommen (ein solidarisches „Keep on schwänzing!“ an dieser Stelle), ansonsten ist der Saal bei diesem zweiten von drei Valčuha-Konzerten unter Wert gefüllt. Das heißt, es laufen in Berlin Menschen herum, die freiwillig auf Janáčeks Sinfonietta verzichten!?!

Und auf Erich Wolfgang Korngold?!? Dessen Viel Lärm um Nichts-Suite von 1918/19, Bühnenmusik zu Shakespeare, eröffnet den Abend. Aufs Herrlichste schmilzschmelzt’s im Brautgemach (Satz 2) und schmalzschmolzt in der Gartenszene (4), beginnend mit dem Gesang des Cellos, getragen von Harfe und Klavier. Das Klangbild des Orchesters ist vorzüglich, von der Ouvertüre bis zum Hornpipe. Was für ein Vergnügen!

Auf Aram Chatschaturjans Violinkonzert (1940) würde der Konzertgänger schon eher verzichten, aber der junge ukrainische Geiger Valeriy Sokolov holt, was nur geht, aus diesem manischen Gedudel: ein zahniger Säbelgeiger, der jeden Ton beseelt und verrussensättigt, unermüdlich schrubbschwelgt, so ermüdend das Werk auch sein mag, das derart feurig-pulsierend auf der Stelle tritt. Hochwillkommen ist danach Sokolovs ausufernde Angeberei von Zugabe, die Ballade aus Ysaÿes 3. Sonate d-Moll.

Und Leoš Janáčeks immortable Sinfonietta entschädigt natürlich dreizehnfach, nein: dreizehnmal dreizehnfach für alles Daumendrehen zuvor! Die einleitende Fanfare der dreizehn Trompeten, die hier auf der Orgelempore platziert sind, hat bei Valčuha nichts Auftrumpfendes. Der Hörer empfängt keine Dröhnung, aber eine Menge musikalischer und menschlicher Wärme, die die ganze Interpretation auszeichnen wird. (Bei Rattle, sagt ein Bekannter des Konzertgängers, klinge Janáček immer so nach Techno.) Ecce Opus, hört welch ein Werk: ein Wunder an kompakter Unendlichkeit, und welche Dramen und Geschichten auf engstem Raum, und welche Klangwunder, eins nach dem andern. Wie man aus einer Dadadada-Dideldumdum-Figur explosivste Kunst erschafft, zeigt der vierte Satz (man denkt bedauernd ans Violinkonzert zurück). Auf die Sinfonietta verzichten? Niemals. Valčuha aber gelingt es, auf ziemlich sachliche Weise hohe Emotionalität hervorzurufen. Kein Spektakel bei diesem Dirigenten, sondern – ein Ereignis.

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2 Gedanken zu „Phonogen: Valčuha dirigiert Korngold, Chatschaturjan, Janáček

  1. Sie im Konzerthaus, ich beim RSB. Sie Philharmoniker und Quartett, ich italienische Oper. Wir ergänzen uns zur Zeit perfekt. Ich wäre morgen fast das erste Mal zum Salon Christophori gegangen, wo Prégardien singt, habe mich aber doch dagegen entschieden. Irgendwie geht mir die Schreiberei gerade nicht leicht von der Hand.

    • Wenn die Nachfrage nach Musikkritiken steigt, können wir uns zusammenschließen und den Markt abdecken. Ich denke, die Reichweite von Rezo wäre eine gute Zielmarke!
      Zum RSB am Sonntag bin ich nicht gegangen, v.a. weil ich zum Klavierabend von Shai Wosner wollte, aber auch weil meine Brett-Dean-Begeisterung sich doch in Grenzen hält. Liederabende im Pianosalon habe ich auch schon erlebt, mal mehr, mal weniger begeistert (weniger zuletzt bei Peter Sonn, hab nicht drüber geschrieben). Ja, manchmal fließt es beim Schreiben, manchmal nicht, wem sagen Sie das.

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