Musikfest 2018: Boffard und Berliner Philharmoniker schattenspiegeln George Benjamin

Beim Musikfest rückt nach Bernd Alois Zimmermann (und Bruckner, aber der war wohl eher Orchester-Tourneeprogramm-Zufall) nun der englische Komponist George Benjamin in den Fokus, diesjähriger Composer in residence der Berliner Philharmoniker. Zwischen zwei von ihrem Ehrengast dirigierten Philharmonikerkonzerten (mehr dazu unten) stellt am Sonntagvormittag der Pianist Florent Boffard im Kammermusiksaal den Klavierkomponisten George Benjamin vor. Und zwar mit einem herrlich weitgefächerten Programm, in dem gar nicht so viel Benjamin vorkommt. Dafür aber lauter Stücke, in denen er sich gespiegelt oder beschattet fühlt: von Scarlattis acciaccatura-reicher Sonate a-Moll K175 über glas- und wasserklar gespielten Chopin und Debussy (Berceuse op 57 und Barcarolle op 60 bzw Images I), Skrjabins wogende 4. Sonate mit Episoden von Salonboogieschunkelwoogie  bis zu kurzen Stücken aus Kurtágs Jatékok und Szalkák, zu deutsch Spiele und Splitter. Und dazwischen eine epiphanische Vogelerscheinung namens Courlies cendré vulgo Großer Brachvogel, aus dem Catalogue des oiseaux von Olivier Messiaen, dessen letzter Schüler der 1960 geborene Benjamin war.

Shadowlines of a goldfinch

Ein beglückender Klaviermorgen. Florent Boffard ist ein vorzüglicher Pianist, intellektuell und sinnlich. Vor allem aber wirkt das gemeinsam mit George Benjamin erstellte Programm wie eine große Umspiegelung (oder auch, im Fall Scarlattis, quirligkurze Ziernebelschattenwerfung) zu George Benjamins am Ende der ersten Hälfte gespielten Shadowlines von 2001. Lohnende und pianistisch anspruchsvolle Musik ist das, voll extremer Kontraste, aber nicht in der Großform, sondern auf engstem Raum: manchmal sogar gleichzeitig, manchmal auf zwei Tönen. Dennoch keine Spur von Hektik, auch das Wilde scheint gently flowing, flexible, wie der sechste und letzte Satz heißt. Brummelgrummeln kommt mit schweren Akzenten zusammen, schrille Anschläge in der Höhe mit samtweichen Figuren in der Mitte der Tastatur. Spieltechnisch respektiert Benjamins Klaviermusik die Integrität des klassischen Klaviers, ohne ihm ans Holz zu tatschen oder im Korpus die nackten Saiten zu befummeln.

Als Zugabe Debussys The Little Shepherd. Wie eine helle Schattenspiegelung von Alexander Melnikov, der nämlich die gleiche Zugabe an seinem Debussy-Abend zu Beginn des Musikfests spielte – auf einem historischen Érardflügel, während bei Boffard ein Steinway zu hören ist. (Zu Boffards Konzert)

Beim ersten Abo-Konzert der Berliner Philharmoniker (zwei Wochen nach der Saison-Eröffnung mit Kirill Petrenko) spiegelt und umschattet George Benjamin sich dann in und mit Ravel, Boulez, Ligeti. Als Dirigent gehe es ihm darum, unsichtbar zu werden, sagt Benjamin im Tagesspiegel-Gespräch. Das macht ein Fass auf, in dem ein weites Feld liegt, ums mal so zu sagen. Mit seinen hin und herkreisenden Armen wirkt Benjamin ein bissl wie ein sympathischer Hobby-Dirigent.

Aber die Darstellung der Stücke scheint tadellos. Bei Benjamins eigenen Palimpsests für Orchester (1998-2002) durfte man das erwarten. Die auch hier charakteristischen Extremkontraste wirken auf Orchester-Ebene erzwungener, auch plakativer als bei der Klaviermusik. Da donnert die Blech-Apokalüppse versus Hyperflageolettsordino-ppp und Trommelfellraschelei, acht Kontrabässe und mächtige Bumbum-Paukerei stehen vier Piccoloflöten gegenüber. Andererseits gibt es hinreißende Klangmischungen und Phasen, die in schönster Boulez-Manier klöppeln und harfklimpern. Der Konzertgänger ist nicht ganz schlüssig, was von dem Stück zu halten ist. Aber so rein vons Klangsinnliche her jesehn ist da große philharmonische Blüte, ohne dass es offenkundig platt wär. Das ist nicht wenig.

Die ohnedies unvertretbare These, neuer Musik mangele es an Sinnlichkeit, wird überdies von zwei Werken von Boulez und Ligeti widerlegt, deren Rang außer Frage steht. Cummings ist der Dichter (1970, rev. 1986) von Pierre Boulez, bekanntlich einem der frühen Schüler von Messiaen (und später Förderer von Benjamin). Endlich erfahren, wo der kuriose Titel herkommt: Boulez antwortete in einem deutsch geschriebenen Brief auf die Frage nach dem Titel seiner E.E. Cummings-Vertonung, er könne noch nicht mehr sagen als, Cummings ist der Dichter. Wobei Vertonung bei Cummings‘ graphischer Poesie  auch auf ein weites Feld voller bodenloser Fässer führt. Die 16 Stimmen des von Matilda Hofman einstudierten Chorwerks Ruhr, das sich erstmals bei den Philharmonikern die Ehre gibt, lassen Silben und Phoneme übers Podium und durch den Saal schwirren, dass der Hörer noch beim Pausensekt den Kopf wendet, ob da nicht noch irgendwo ein aaa oder itz oder lu durchs Foyer fliegt. Wenn andererseits das trillernde Holz den Flügelschlag der birds nachahmt, die im Gedicht selbst an eine offene Klammer geklebtes Material sind, d.h. birds(, werden die Worte in der Musik dann nicht wortwörtlicher als im Gedicht?

Wie dem auch sei, der bärtige norwegische Sitznachbar des Konzertgängers weint ob Boulez‘ zephirischen Kolorits: It’s the first time that I cry in a concert. It knocked me out. It’s so beautiful.

Den Konzertgänger treibt eher György Ligetis Clocks and Clouds (1972/73) an die Ufer des Tränenflusses. Das Stück beginnt als himmlische Klangschere von zwei Tönen, die sich immer weiter spreizen. Der Höreindruck erinnert aber weniger an die frühe Musica Ricercata, in der immer ein weiterer Ton hinzutritt, als an die Atmosphères, denn der sich weitende Klangraum wird gleich mikrotönisch und glissandierend ausgefasert. Auch hier treten die Stimmen des Chorwerks Ruhr hinzu und gehen über Boulez hinaus, denn sie singen nicht in abstrahierten, sondern in vorgestellten Sprachen: Ligeti dröselt die Auflösung der Sprache fertig, indem er die Internationale Phonetische Lautschrift zum Material macht. Da tschilpen die zwölf Frauenstimmen wie Spatzen auf dem Kran in der Abendsonne oder machen taka taka wie eine ausgelassene Krabbelgruppe. Be-tö-rend. Ligeti.

Als Knaller, um den Saal halbwegs akzeptabel zu füllen, gibts dazwischen noch Maurice Ravels Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand. Der wunderbare Cédric Tiberghien wühlt sich mit der Linken tief in dunkle Urgründe, die das konzis knarzende Kontrafagott zu Beginn aufrührt, er knöchelt sich hingebungsvoll in Details, zelebriert Rubati und sogenanntes Jazzflair. Das Orchester spielt seinen Part hochprofessionell, auch wenn  Benjamins Dirigat nicht davor gefeit scheint, sowohl Ordnung als auch Intensität durch Lautstärke schaffen zu wollen.

Tollzärtliche Zugabe von Tiberghien schließlich, mit einem sanften Doppelschlag beginnend, deren zweiter Ton so präzise fast unhörbar ist, dass weniger nichts wäre.Und zwar dieses Stück (nur dass in dieser Aufnahme alles, wirklich alles anders klingt als beim unendlich stillen, unendlich langsamen Tiberghien):

Danke an Stefan Treddel für die Identifikation des Stücks. Und Tiberghien schreibt auf Twitter:

Nach der Pause setzt Tiberghien sich in den Saal, um Ligeti und Benjamin zu hören. Immer ein Merkmal von Solisten, die sich für die Musik wirklich interessieren. Menschen, antwortet indes George Benjamin im Interview auf die Frage nach dem idealen Publikum: Sie können alt oder jung sein. Sie sollten bitte ruhig sein. Sie sollten zuhören, mit offenen Herzen und offenem Sinn. Und neugierig sein.

Große Freude, dass die Berliner Philharmoniker sich aufs Risiko der ungewohnten Nichtausverkauftheit hin trauen, beim Musikfest mit so einem doch ausgefallenen Programm anzutreten, wo uns die großen Klangkörper sonst Bruckner und Mahler um die Ohren wogen.

Nachtrag: Hier eine sehr kritische Stimme vom Kulturradio zum Konzert, die Berliner Philharmoniker seien „kein Spezialensemble für zeitgenössische Musik, und das hat man leider auch gehört“. Aber gehört sowas wie die beiden vor fast 50 Jahren entstandenen Werke von Boulez und Ligeti wirklich nur in Spezialensemble-Hände oder nicht doch langsam mal ins alltägliche Repertoire großer Sinfonieorchester? Gefordert schienen mir die Philharmoniker, lustlos nicht.

Nächste Gelegenheit zur Benjamin-Neugier: schon am 12.9. beim Musikfest und am 12.11. in memoriam Claudio Abbado, beide Termine mit dem Mahler Chamber Orchestra.

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