Fein- bis überdimensioniert: Vladimir Jurowski beim RSB mit Isang Yun, Schönberg, Nono und Gustav van Beethoven

Verdient auch mal festgehalten zu werden: Von allen Berliner Orchester liefert allein das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen nennenswerten Beitrag zu einem der diesjährigen Themenschwerpunkte des Musikfests: Neben „Monteverdi 450“ ist das nämlich Isang Yun 100. Mit einem bedeutenden Werk des deutschkoreanischen Komponisten (1917-1995) eröffnet das RSB sein Konzert in der Philharmonie: und zwar nicht irgendeins, sondern sein Saisoneröffnungkonzert und das Antrittskonzert seines neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski. Es ist der Abschluss eines Isang Yun gewidmeten Tages und zugleich das Eingangstor zu einer wüst-genialen Programmmischung, wie Jurowski sie offenbar liebt: von Arnold Nono bis zu Gustav van Beethoven. Dafür muss man Jurowski zurücklieben.

Man kann in den Publikationen des Musikfests manches Interessante lernen über Isang Yuns gebündelte Linien, die Rolle der Haupttöne, die Verbindung von Zwölftontechnik und taoistischer Kosmologie. Aber im Konzert erlebt man Yuns gut viertelstündige Dimensionen (1971) als überwältigendes Klangereignis, zu dessen Hochgenuss man über keine theoretische Brücke gegangen sein muss. Eine atmende Klangfläche, die aus vielen feinen Linien besteht; eine schillernder Orgelklang ist fast immer dabei, meist sacht, wie von einem feinen Pinsel gezogen. Als in der Mitte plötzlich ein massiver Orgeleinsatz über das Stück hereinbricht, ist man ganz perplex; einfach ein besonders dickes Bündel von Linien?

Umwerfende Musik, vom RSB unter Jurowski hingebungsvoll zur Geltung gebracht. Warum hört man Yun nicht viel öfter in großen Sinfoniekonzerten?

Harrt ebenfalls der Entdeckung: Spielkarten-Set von Arnold Schönberg

Denn dieser Einstieg öffnet auch die Ohren für das, was folgt. In Arnold Schönbergs nicht so häufig gespieltem, als spröde verrufenem Violinkonzert (1934-36) fallen die großen romantischen Gesten und der wohldosierte Schmelz auf. Hört man Schönberg heute so anders als früher? Oder liegts am Solisten Christian Tetzlaff mit seinem satten, innigen, singenden Ton? Als Kammermusiker ist er dem Konzertgänger manchmal zu dominant, aber als Solist ist er der perfekte Gegenpart fürs Orchester und den übergroßen Saal. Und wie farbenreich sein Spiel: Im Kopfsatz meint man, seine Geige mische sich mit einem Xylophon, im Finale, mit einer Flöte — dabei mischt sie sich hier nur mit sich selbst! Und das Orchester spielt farbig und präzise, anmutig und intelligent.

Die abgerissenen einzelnen Töne in Luigi Nonos nachgelassenem, unvollendeten Julius Fučík (entstanden 1951, aufgefunden nach Nonos Tod 1990) sind das Gegenteil von Isang Yuns Linien. Was Sinn ergibt, da es sich um eine Komposition auf Worte eines tschechischen Widerstandskämpfers kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis handelt. Eine interessante Ergänzung zu Nonos vor wenigen Tagen zu hörendem Canto sospeso, auch wenn der erste Eindruck eher historisches Interesse weckt. Der zwölftönige Melodram-Ansatz erinnert an Schönbergs Survivor from Warsaw, aber die Gestaltung der Sprechstimmen (harter Ton eines Nazis vs weicher Singsang des Widerständlers) wirkt klischeehaft. Dass man die Stimmen der Sprecher Max Hopp und Sven Philipp aus Lautsprechern über der Bühne hören muss (und trotzdem nicht immer gut versteht), tut auch nicht gut: Muss das wirklich sein in der Philharmonie?

Der direkte Übergang zu Beethoven allerdings ist nicht einfach eine Kopie von Michael Gielens Kopplung des Survivor from Warsaw mit der Neunten, sondern ergibt sich plausibel aus Julius Fučíks Abschiedsbrief: Nichts, gar nichts hat mir das von meiner Freude genommen, die in mir ist und sich täglich mit irgendeinem Motiv von Beethoven meldet.

Gustav Mahler, retuschiert von Schönberg (1910)

Fučík war zwar ein paar Jahre zu jung, um Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie c-Moll op. 67 so zu hören, wie sie hier klingt: mit Orchesterretuschen von Gustav Mahler (1895). Wenige Tage nachdem in der Philharmonie Mahler selbst Klavier spielte, ist er nun also gar als Dirigent zu erleben! Gewissermaßen.

Wobei Jurowski nur Mahlers Überdimensionierung des Orchesterapparats übernimmt, aber sich nicht zu einer dementsprechenden Blähung der Tempi verleiten lässt. Die dynamischen Kontraste explodieren zwischen acht Kontrabässen und fünf Fagotten (inklusive Kontrafagott), auch eine Bassklarinette ist an Bord, Solo-Oboen verdoppeln sich, im Finale kommen sechs Flöten zum Einsatz. Das klingt bizarr, brutal, faszinierend. Schade nur, dass die noch von Nono auf dem Podium stehenden Harfen und der Gong nicht auch noch dabei sind.

Zwischendurch fragt man sich mal, ob man dieses Ungetüm wirklich hören muss. Aber hey, es ist Gustav Mahler persönlich, der da Beethoven dirigiert! Historische Aufführungspraxis mal anders! Also Petersilie aus den Ohren und wegblasen lassen von Gustav Beethovens Fünfter! (Und sich danach Norringtons Beethoven-Box unters Kopfkissen legen.)

Und es ist ein echter Jurowski. Den nächsten gibts schon am Mittwoch (Schönberg und Mahlers Zweite). Und dieser Gustav Beethoven kommt auch wieder, die Eroica in Superheldenfassung am 22. Oktober.

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3 Gedanken zu „Fein- bis überdimensioniert: Vladimir Jurowski beim RSB mit Isang Yun, Schönberg, Nono und Gustav van Beethoven

  1. Die Kopplung Survivor und 9. gab’s erstaunlicherweise schon mit Leinsdorf auf Scheibe. Rattle hat’s schon mit der 2. Mahler zusammenbracht und Barenboim mit dem Requiem von Brahms.

    • Leinsdorf, echt? Aber auch attacca?
      Gielen hat es ja sogar in die Neunte eingeschoben.
      An Rattles Survivor + Auferstehungssinfonie erinnere ich mich, das fand ich geschmacklos.

      • Ich finde es meistens schade, wenn der Effekt des Chors schon vorher verpufft.
        Barenboim hat nach dem Survivor, mit Fischer-Dieskau eine Pause gemacht!

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