Rattle-Abschieds-Countdown ⑤❹③②①: Widmann, Lutosławski, Brahms

Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker am Abschiedsrotieren, einen Tag nach Bru folgt Bra. Vor der Philharmonie hört man noch immer das Wummern der Bässe, die der Afd gezeigt haben, was Berlin von ihr hält. In Block B sitzt ein junger Mann, der bis zum Konzertbeginn auf dem Smartphone Malen nach Zahlen spielt. Auf dem Programm stehen drei Tänze auf dem Vulkan: Ein Stück heißt so, zwei sind es.

Dass Jörg Widmanns 5minütiger Tanz auf dem Vulkan relativ leicht wiegt, ist kein Einwand, sondern erfüllt das Anforderungsprofil: ein kurzes Abschiedsstück für Sir Simon. Geistlos ist es darum noch lange nicht. Am Ende schlendert der Dirigent mit Händen in den Jacketttaschen hinaus, während das Orchester noch einen Jazz-Zuschlag spielt – Spiegelbild zum Hineinschlendern am Anfang, den das Publikum allerdings durch Reinklatschen verpfuscht. Im Abspann Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft sind wir schließlich noch nicht angekommen, bitte sehr.

Dazwischen großes Orchesterbrodeln, ein feuriger Tanz. Nichts daran ist schlecht, im Gegenteil: Es ist von einer so gediegenen Könnerschaft, dass Tanz auf dem Vulkan allzu hochgegriffen klänge, wollte das Stück mehr sein als ein Aperçu. Professioneller und routinierter gehts nicht (zum Phänomen Widmann hier noch eine hübsche Polemik von Jeff Brown). Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu sein sei ein Tanz auf dem Vulkan, sagt Widmann. Naja. Nähme man den Titel des Stückes ernst – was lägen für Implikationen in einem künstlerischen Tanz auf dem Vulkan!

Da käme am Ende sowas Ungeheures wie Witold Lutosławskis 3. Sinfonie (1972-83) heraus. Auf der Liste der bleibenden Rattle-Verdienste gehört der Einsatz für Lutosławski in die Kategorie 1A. Der erste Teil der Sinfonie, dieses lange Sich-Ausbreiten-und-Entfalten, ist ja ein subkutanes vulkanisches Gären, unerhört nervös und enervierend geduldig zugleich. Klangfarbenvermischungen und Motivversuche. Die mehrmals wiederkehrenden trockenen vier Schläge (die an das Hauptmotiv von Beethovens Fünfter erinnern, konsequent tonlos geworden) erscheinen als herausspritzende Glutgischt.

Dabei sind es ja die Start- und Stopp-Signale für die Passagen von begrenzter Aleatorik bei Lutosławski: Abschnitte, in denen den Musikern vorgeschrieben ist, was sie spielen müssen, aber freisteht, wie sie es spielen. Diese Freiheit ist bei einer Virtuosenvollversammlung wie den Berliner Philharmonikern natürlich ein extraterrestrischer Genuss. Am schönsten sind folgerichtig die Perioden, in denen Rattle das Einsatzzeichen gegeben hat und dann einfach zuhört, wie der Klang sich kaleidoskopisch sortiert. (Ein besonderer Reiz an den teil-aleatorischen Stücken von Lutosławski ist, dass es unbedingte Aufführungsmusik ist, denn es muss ja notwendig jedesmal sehr anders klingen. Einspielungen davon sind eigentlich ein Widerspruch in sich.)

Und gibt es sonst viel neue Musik der Güteklasse 1A, die derart unmittelbar mitreißt, sich aber auch so direkt mitverfolgen lässt? Wenn man denn will. Als die 4 Schläge sich vervielfachen, geht die Post ab, das ist mal hörrezeptiv evident.

Der Applaus am Ende der phänomenalen halben Stunde ist höflich, aber nicht enthusiastisch. Was beweist, dass Lutosławski mindestens viermal so häufig gespielt werden muss. Besser 40mal so häufig. Der junge Mann in Block B spielt auch in der Pause Malen nach Zahlen auf dem Smartphone, bis der zweite Konzertteil anfängt.

Und der gehört Johannes Brahms. Dessen Vulkan hieß Beethoven, x Jahre hatte er Angst, sich die Füße zu verbrennen, wenn er darauf tanzte. Vom 2006 aufgeflackerten Vorwurf, Rattle hätte Angst, sich am „deutschen Kernrepertoire“ die Finger zu verbrennen, ist längst nicht mehr die Rede. Den ersten Satz von Brahms‘ 1. Sinfonie c-Moll so fett und doch relativ transparent klingen zu lassen, ist Rattle-Kunst. Wer sich bei Brahms freilich nach Karlsruher/Meininger oder Mackerras-Textur sehnt, ist hier fehl am Hörplatz. Auch scheinen die massiven Rahmensätze nicht frei von Oberstimmenlastigkeit. Und plumpsen die rührenden Hörner im Finale nicht allzu direkt-triumphal herein? Wo ist die spezifische Brahmstrauer?

Im positiven Sinn ulkig aber, wie einen nach dem zuvor Gehörten die Bestandteile der Kopfsatz-Exposition an lutosławskische Mobiles erinnern. Dito die sich ausfaltenden Energiefelder zu Beginn des Finales.

Wer, der Brahms liebt, liebt die Binnensätze nicht inniger als die Rahmensätze? In dieser Aufführung gibt es dazu besonders viel Grund. Im Andante sostenuto wärmen die Streicher. Albrecht Mayers Oboe, Andreas Ottensamers Klarinette und Daniel Stabrawas Violine wecken Gefühle von großer Dankbarkeit. Und die Außenteile des Allegretto scheinen mit den zurückgenommenen Geigen nahezu ideal, was die Klangproportionen angeht; während der Mittelteil leicht übersteuert wirkt.

Der Konzertgänger kann es sich im Finale dennoch nicht verhehlen: insgesamt ein wohl brillanter Brahms (was für eine Coda!), aber auch einer, der ihn kaum berührt.

Aber ist es nicht geradezu übermenschlich, Samstag Bruckner und Sonntag Brahms zu dirigieren? Es bringt einen ja schon an die Grenze, das zu hören. Manchmal staunt man bloß noch, wie schnell bei Brahms alles geschieht.

Das Publikum ist bei Brahms sehr rücksichtsvoll, es hustet im Finale extra da, wo bloß gezupft wird, da stört es ja nicht so. Rattles Blumenstrauß geht diesmal an die Hornisse Sarah Willis.

Bru und Bra werden jetzt noch auf Europa-Tournee vorgeführt. Das nächste Konzert im Berliner Rattle-Countdown, das drittletzte, wird ein apartes Kraut-und-Rüben-Potpourri, in dem Krystian Zimmerman, Robin Hood und Tom & Jerry vorkommen. Danach noch Mahlern nach Zahlen (Nummer 6) und La Waldbühne.

Weitere Kritiken: Schlatz, Krieger, Peitz (Tagesspiegel)

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