Eingerockt: Pekka Kuusistos „Reddress“ im Boulezsaal

Der finnische Geiger Pekka Kuusisto rockt den Pierre-Boulez-Saal, und zwar ein: indem er das Publikum in die Taschen eines riesigen roten Kleids steckt. Das Einkuscheln in Wolle, Filz und Satin ist bei Tageshöchsttemperaturen von 33°C zwar nur mäßig verlockend, aber was tut man nicht alles. Und man muss auch die wetteradäquaten Alternativen wägen: Es könnte ja auch ein FKK-Konzert ausgerufen werden.

Dann lieber Reddress.

Entworfen hat dieses Kleid die ausgesprochen sympathische Designerin Aamu Song, die die klassische Konzertsituation Hörstuhl vs Musikerbühne allzu distanziert und künstlich gefunden habe. Noch sympathischer die Idee, missliche Künstlichkeit einfach durch Künstlichkeit zum Quadrat auszutreiben: mittels 550 Meter zurechtgeschneiderten Stoffs. Ein erhöhtes Kleid in der Mitte, in dem der Musiker (oder ursprünglich: die Musikerin) steckt und diverse sich ausbreitende Stoffbahnen, in die sich der Hörer mummelt. Da ist man irgendwie verbunden. Das liegt auf der Skala der Seltsames-Konzept-Konzerte im roten Bereich. Aber man lauscht im Liegen, was immer schön ist. Die unter dem Kleid ausgebreiteten Schaumstoffmatten sind von angenehmer Härte. Zu kühl wird es erwartungsgemäß nicht. Die Gefahr des Konzertschlafs wird zur Verlockung.

Es grübeln sich einem aber auch so Gedanken durch den Kopf. Der pubertäre Geistesblitz „unter den Rock gucken“ ereilt den Konzertgänger nicht unerwartet, er kennt sich ja selbst; in welchem klassischen Roman lässt sich nochmal ein alter Lüstling mit dem Kopf Richtung Friedhofsgehweg begraben, um auch nach dem Tode noch den Frauen unter den Rock zu lugen? Egal.

Aber beim Wort Gesamtkunstwerk, mit dem der Boulezsaal die Chose promotet, bimmeln bei einem reflektierten Erztoitonen, wie der Konzertgänger einer zu sein sich müht, doch die Alarmglöcklein. Und wenn Aamu Song, die auch im Publikum sitzt (sie legt sich nicht hin), vom Musiker als einem Schamanen spricht, wie im Programmheft zu lesen: Dann wirft das doch Fragen auf. Denn zum Glück ist in dieser künstlichen und distanzierten Welt, in der einfach jemand auf der Bühne was vormusiziert, längst nicht mehr die Rede vom Hohepriester der Musik und dergleichen. Entstaubung mit Vokabular aus der allerhintersten Mottenkiste, muss das sein? Und dem Musiker zu Füßen liegen, ist das wirklich zu Ende gedacht?

Aber nix gegen Experimente. Dass nun aus Reddress keine Eso-Schwiemelei wird, ist dem grandiosen Pekka Kuusisto zu verdanken. Schon dass er seit zehn Jahren dieses Kleid anzieht nach dem Motto Ich kenne keine Männer und Frauen, nur Kunst, nimmt ein. Mehr noch tut es die spürbare kindliche Freude, mit der er pfeifend hereinkommt, herumgeht, lächelt und winkt und sich dabei gelegentlich aufs Schlüsselbein klopft, um die Live-Elektronik von Teemu Korpipää zu füttern.

So pfeift und klopft es sphärisch rundum, wenn Kuusisto das Kleid schließlich angelegt hat und, sich langsam im Kreise drehend, als The Village Musician schwedische und finnische Volksmusik spielt: umrundend, betrachtend und betastend und achtsam bekratzend, befühlend und gefühlig. Sogar dass er zum Mitsingen und -summen animiert, nimmt man wohlwollend hin; so lange hier keine Feuerzeuge angezündet werden (bei den Temperaturen und bei so viel Textil).

Dass der Abend dennoch letztlich zum Rockkrepierer wird, liegt weder am Klima noch am Kleid, sondern hat akustische Gründe. Kuusisto singt und redet viel, nur versteht man kaum etwas. Zumindest wenn man im Kleid sitzt oder liegt; die Zuhörer auf den Rängen hoch oben lachen während der Moderationen öfter mal. Wirklich schlimm aber ist das Missverhältnis zwischen dem leisen, nur in Fetzen zu vernehmenden Gesangsnuscheln und der sehr verstärkten Geige. Ist das in den Proben tatsächlich niemandem aufgefallen?

Für sich allein klingt die verstärkte Geige  ja durchaus in Ordnung, und auch im Zusammenspiel mit der Elektronik. Etwa im Nachklang eines rührend-sentimentalen finnischen Nonsens-Ohrwurms, wenn die zuvor nur zupfgeigenhanselnd gesangsbegleitende Geige tastend-kratzig-flageolettierend improvisiert, während die Elektronik sich im Raum vor sich hin erinnerungsspinnt. Diese Möglichkeiten werden vielleicht mehr Gewinn abwerfen, wenn Kuusisto in zwei weiteren Programmen am 30. und 31. Mai statt der Volksmusik die Live-Elektronik ins Zentrum stellt.

Zum kindlichen Höhepunkt des Village Musician-Abends (den es nochmal am 1. Juni gibt) wird indes jene Passage, in der Kuusisto seine Geige von aller Verstärkung entkoppelt. Hier bewahrheitet sich doch das alte Musikmysterium: Je leiser es ist, desto mehr hört man. Zehn nicht enden wollende, nicht enden sollende Minuten sind das. Da, endlich, trägt das Ohr ein rotes Kleid und will es niemals mehr ablegen.

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6 Gedanken zu „Eingerockt: Pekka Kuusistos „Reddress“ im Boulezsaal

  1. Ich war gestern abend da, zur Volksmusik. Es wurde nicht gesungen und nicht gesprochen, ich saß im Rang, hatte einen guten Überblick – liegend in einer Tasche wäre ich vermutlich eingedöst – und war fasziniert von der Feierlichkeit und Würde des Geigers. Aber das Konzert hätte mich viel mehr beeindruckt, wenn wirklich nur die schlichten alten Lieder gespielt worden wären, das elektronische Drumherum fand ich weitgehend überflüssig.
    Den Blog kannte ich nicht, die Kritik hat mir sehr gut gefallen! Danke!

    • Ohne Singen und Reden? Dann hat er das Programm nach dem ersten Abend komplett umgekrempelt.
      Kuusisto ist ein ganz außerordentlicher Musiker und eine tolle Persönlichkeit, keine Frage. Deshalb gehe ich auch gern mit ihm, wenn mal was schiefgeht. Wenn es beim 2. Mal besser läuft, um so schöner.
      Das elektronische Drumrum fand ich an sich schon okay.

  2. Die Stelle mit dem Kopf am Weg kenne ich aus Tuchoslkys „Schloß Gripsholm“:

    »Lebt der Herr Müller noch?« fragte ich. – »Ach Gott, neien – he is all lang dod. Er hat sich giewünscht, er wollt an Weg begraben sein, mit dem Kopf grade an Weg.« – »Warum?« – »Dscha … daß er den Mächens so lange als möchlich untere Röck … Der Zoll!« Der Zoll.

    Wie immer Danke für diesen wunderbaren Blog.

  3. Also ich habe das 2.Programm erlebt und das war eine zauberhafte Stunde mit dem Herrn! Die Verstärkeranlage schien mir ideal eingestellt, so dass es im ganzen Saal ausgeglichen schallte. Der Pekka hat nicht gequatscht, sondern einfach eine volle Stunde gefiedelt. Diese Stunde hat sich wie 15 Minuten angefühlt und ich hätte ihm noch lange zuhören können. Mir hat auch die Optik gut gefallen, obwohl das auch gut und gerne ohne Petersilie angehört hätte. Aber bei ihm ist das eigentlich wurscht, weil ich in der Regel nach wenigen Takten vergesse, dass er Geiger ist und eine Geige in der Hand hat. Da kommt einfach Musik raus…

  4. Es hat doch einen gewissen Sinn, dass die Kulturtechnik des Konzertbesuchs das Sitzen auf einem Stuhl und die freie Sicht auf den Ausführenden beinhaltet.

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