Musikfest 2018: Berliner Philharmoniker lichten, Rundfunkchor nachtklart

Ist ja auch mal ein schönes Faktum, dass von allen hiesigen Orchestern ausgerechnet die Berliner Philharmoniker als gute Gastgeber die Musikfest-Themen am intensivsten beleuchten: gleich zweieinhalb von dessen Schwerpunkten kommen im Konzert mit François-Xavier Roth vor. Bernd Alois Zimmermann und Debussy sind die zwei, Ligeti der halbe. Der Konzertgänger geht mal wieder zu einer dritten Aufführung, dritte Abende sind spielkulturell immer erhellt. (Gingen mehr Kritiker am dritten statt am ersten Abend, gäbs weniger Verrisse.) Außerdem kann man am Samstag noch zum anschließenden Late Night-Konzert des Rundfunkchors in die dunkle St. Matthäus-Kirche rübermachen.

Vermatscht sich das nicht in deinem Kopf, fragt seine Frau den Konzertgänger, noch ein Konzert gleich hintendran? Weiterlesen

Musikfest 2018: Aimard stockhaust

Nach Bernd Alois Zimmermann jetzt ein Kalle Stockhausen-Schwerpunkt beim Musikfest. Schön, weil die beiden einst als Antipoden galten. Stockhausen hatte wohl den Längeren damals (Hebel natürlich), so rein musikmachtpolitisch. Aber der Wind scheint sich gedreht zu haben, wie die Tendenz einer aktuell noch laufenden repräsentativen Twitter-Umfrage des Konzertgängers zeigt: Weiterlesen

Musikfest 2018: Isabelle Faust & Friends verklären, Benjamin fängt nicht so recht

Gibt es irgendein Stück, das in nachgeschobener Orchesterfassung schöner ist als im Kammer-Original?

Arnold Schönbergs Verklärte Nacht jedenfalls nicht. Selbst wenn die ursprüngliche Sextettfassung nicht in solcher Luxusbesetzung aufgeführt würde wie im Kammermusiksaal beim Musikfest Berlin. Dass Isabelle Faust sich hier als prima inter pares gerierte, steht nur auf dem Programmzettel (Isabelle Faust & Friends), tatsächlich ist sie pars inter primas et primos. Prima Verklärung, die den Hörer fängt. Diesen Fängern folgt man gern, da ertrinkt keine Nuance.

Der unvergleichliche Wert der Streichsextettfassung zeigt sich schon in den ersten, wie aus dem Nichts sich herausdämpfenden Bratschentönen von Danusha Waskiewicz. Weiterlesen

Musikfest 2018: Boffard und Berliner Philharmoniker schattenspiegeln George Benjamin

Beim Musikfest rückt nach Bernd Alois Zimmermann (und Bruckner, aber der war wohl eher Orchester-Tourneeprogramm-Zufall) nun der englische Komponist George Benjamin in den Fokus, diesjähriger Composer in residence der Berliner Philharmoniker. Zwischen zwei von ihrem Ehrengast dirigierten Philharmonikerkonzerten (mehr dazu unten) stellt am Sonntagvormittag der Pianist Florent Boffard im Kammermusiksaal den Klavierkomponisten George Benjamin vor. Und zwar mit einem herrlich weitgefächerten Programm, in dem gar nicht so viel Benjamin vorkommt. Dafür aber lauter Stücke, in denen er sich gespiegelt oder beschattet fühlt: Weiterlesen

Musikfest 2018: Gergiev ekklesiastiziert

Vierfalt berührender Kenntnisnahmen in diesem Konzert mit zwei letzten Werken, das dennoch eine Fallhöhe sondergleichen erlebt, und zwar nicht im göttlichen  Sinn eines brucknerschen Oktavsturzes. Von Bruckner stammt das zweite letzte Werk an diesem Abend.

Erste berührende Kenntnisnahme aber: Valery Gergiev wagt sich mit seinen Münchner Philharmonikern an Bernd Alois Zimmermann. Spielt ihn nicht nur mit beim Berliner Musikfest, wo Zimmermann dieses Jahr ein Schwerpunkt ist, sondern will ihn auch nach Russland bringen, erfuhr man, wo er völlig unbekannt sei. Weiterlesen

Musikfest 2018: Concertgebouw berührt, Boston zäunt

Zaungast, where art thou?

Was hat Boston, das das Concertgebouw nicht hat? Denn während die Philharmonie beim Boston Symphony Orchestra am Donnerstag gut gefüllt ist (und das trotz erheblich höherer Preise), war der Saal beim Concertgebouw-Orchester am Dienstag erschreckend leer. Bei einem weniger renommierten Orchester wie dem aus Rotterdam konnte man das befürchten, aber bei dem aus Amsterdam, das in (albernen) Orchester-Rankings regelmäßig zu den besten der Welt zählt? Ist der Berliner übersättigt oder einfach borniert? Wo er doch, wie Karlsson vom Dach, zu seinen Besuchern gerne sagt: Du kannst aber auch ein bißchen bekommen, denn ich bin ja so unerhört gastfrei. Weiterlesen

Musikfest 2018: Deutsche Oper zimmermannt

Zur Kugelgestalt wird hier die Zeit. Eins der apartesten Zusammentreffen beim Musikfest bietet das Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles in der Philharmonie: Richard Wagner meets Bernd Alois Zimmermann. Letzterer einer von mehreren Schwerpunkten im diesjährigen Programm. Während die wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Sinfonie in einem Satz, die die Rotterdamer am Sonntag spielten, ihren panischen Ausdruck geradezu herausschrie, stehen an diesem Mittwoch zwei der stilistisch gefinkelteren letzten Werke auf dem Programm: das kurz vor Zimmermanns Selbsttötung 1970 entstandene Stille und Umkehr und davor Photoptosis von 1968. Ein schwer erschütterndes Doppel ist das.

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Musikfest 2018: Poppe modernisiert (und Trio Catch knackt Ohren)

Zwischen zwei Bruckners sollst du was Modernes hören, so will es das Gesetz. Und für das Moderne ist beim Musikfest Berlin, so will es dessen Gesetz, Enno Poppe zuständig. Ziemlich oft jedenfalls, und künstlerisch aus gutem Grund. Allerdings gibt es an den regelmäßigen Geldströmen der Berliner Festspiele durchaus Kritik aus der Perspektive freier Ensembles, wie sie etwa der Musikmanager Sebastian Solte im VAN Magazin formulierte. Der Konzertgänger mag nicht in Hauptstadtkulturförderungsschlünden versinken, sondern einfach Musik hören. Da kann es aber nicht falsch sein, vor dem großen Musikfest-Konzert des Ensemble Modern mit Enno Poppe erstmal um 18 Uhr nach Friedrichshain zu rauschen: Dort eröffnet das von Solte betreute Trio Catch im Radialsystem eine neue Reihe von Gesprächskonzerten unter dem Titel Ohrknacker. Gefördert aus Mitteln der Spartenoffenen Förderung des Landes Berlin und immer am Folgetag auch im Resonanzraum Hamburg zu hören. Bei freiem Eintritt, aber mit Klingelbeutel am Ausgang. Weiterlesen

Musikfest 2018: Rotterdam romantisiert

Niederländische Niederbrüche beim Musikfest Berlin: zweimal Sinfonisches – einmal apokalyptisch, einmal romantisch. Bernd Alois Zimmermann und Anton Bruckner. 100 Jahre alt wird das Rotterdams Philharmonisch Orkest heuer. Seine Geburtstagstour ist zugleich die Abschiedsrunde des Dirigenten Yannick Nézet-Séguin, der zusätzlich zu seinen Chefstellen in Philadelphia und Montréal 2020 musikalischer Leiter der Met wird. Man muss auch loslassen können. Chefposten zumal. Die Gastspiele beim Musikfest Berlin haben indes immer das Schöne, viel die jeweilige Community zu hören; in dem Fall Exil-Niederländisch, das keineswegs nach Halskrankheit klingt. Noch schöner wärs, wenn mehr Berliner sich in die Philharmonie wagen würden, auch wenn nicht gerade das Concertgebouw oder die Bostoner spielen.

(Nachtrag: Pustekuchen, bei Boston ist es voll, aber beim Concertgebouw ebenfalls halbleer. Warum?) Weiterlesen

Musikfest 2018: Barenboim eröffnet

Einen Tag nach dem Beginn des Musikfests 2018 nun die offizielle Eröffnung: mit zwei Ritualen, einem hochkultiviert-feinsinnigen und einem grobschlächtigen, geradezu sittenwidrigen. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin spielen unter dem Motto Merci à Pierre Boulez erst desselbigen Rituel in memoriam Bruno Maderna, dann Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps.

Über die geradezu messianischen Kräfte, die jüngst Kirill Petrenko zugeschrieben wurden, verfügt in Wahrheit Daniel Barenboim. Er bittet das Publikum vor dem Konzert, nicht zu husten, und höre, das Publikum hustete nicht.  Weiterlesen

Musikfest 2018: Melnikov beginnt

Dialektik des Musikfests Berlin 2018: Es beginnt, bevor es sich eröffnet. Letzteres am Samstag mit Daniel Barenboims Staatskapelle, Ersteres bereits am Freitag mit Alexander Melnikov am Klavier und Claude Debussy im Klavier. Debussy ist dieses Jahr einer der gefühlt 120 Themenstränge, die Musikfest-Leiter Winrich Hopp ohne Themenstrenge, aber desto raffinös-sinniglicher ineinanderknüpft. Weiterlesen

Herzkernig: Saisonauftakt Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko

À la recherche du Herz und Kern

Zum Auftakt Galopp direkt in Kern und Herz. Denn da ist ja schon wieder dieses Kakeln im Walde: Die spätromantischen Schinken, ja, die seien gewiss Kirill Petrenkos Herzenssache, aber wie’s eigentlich um seinen Musikgeschmack stehe und zumal ums ominöse deutsche Kernschinkenrepertoire. Nun also Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit Louis van Beethoven, das ist unzweifellosfrei Kernschinkenrepertoire, und mit Richard Strauss, berlinerphilharmonischem Herzschinkenrepertoire. Weiterlesen