Nachhallig: Brahms zum Zweiten

Brahms-Versteher*innen

Nachhalligkeitssiegel für die Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati: Kommt man aus diesem und jenem Grund erst zwei Tage nach dem zweiten Konzert dazu, drüber zu schreiben, klingt und schwingt einem die Zweite Sinfonie D-Dur immer noch im Kopf. Das bestätigt den vortrefflichen Eindruck, den man schon Montagabend in der Philharmonie hatte. Auch und gerade, was die Koppelung mit zwei Stücken von Henri Dutilleux angeht.

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Entstrickend: Brahms zum Ersten

Brahms-Versteher (1)

Ein besonderer, und nicht der geringste, Reiz an der Reihe Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters sind die raffinierten Programmkonstruktionen rund um die vier Sinfonien. Nur der Vorlauf zur 1. Sinfonie wäre mit Robert Schumann (und Igor Levit) fast standardiger als die Wiener Originalithäts-Policey erlaubt – gäbe es nicht zuvor eine exquisite Heinrich Schütz-Psalmodie mit dem RIAS Kammerchor. Erfreulicherweise wird sich aber zeigen, dass der Abend selbst ohne diese originelle (und sehr willkommene) Prä-Exquise, allein mit SchuBra, imposant wäre. Für den Konzertgänger wirds das beste Konzert, das er bisher mit dem DSO-Chef Robin Ticciati erlebt hat.

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Nebenhäuptig: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Cattaneo

Auch ganz schön, mal ein Abend mit Beethoven-Streichquartetten ohne Spätwerk darunter. Stehen die nicht mittlerweile derart höher in der Publikumsgunst, fast als wäre alles davor nur Nebensache gewesen? Seltsamer Gang der Dinge, das enigmatischste ist zum populärsten geworden. Im allererstrangigen Beethoven-Zyklus des katalanischen Cuarteto Casals, der sich allmählich seinem Ende zuneigt, gibt es nun im Kammermusiksaal zwei sogenannte frühe Quartette und ein mittleres (sprich Rasumowsky), an dem natürlich gar nichts mittel ist. Und schon gar nicht neben, sondern alles haupt.

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Teutönend: Berliner Philharmoniker und Janowski arbeiten Bruckner

Es gibt Kombinationen, die passen einem normalerweise einfach. Eine Kombination, die dem Konzertgänger normalerweise sehr passt, ist Marek Janowski mit Anton Bruckner: Kohäsion statt Schnickschnack, Elaboration statt Ekstase. Die sich dann freilich ereignen kann, aber eben nicht, weil sie einem vorgetanzt und eingebläut würde.

Manchmal ereignet sie sich aber auch nicht. Weiterlesen

Klingonisch: Víkingur Ólafsson spielt Bach und Beethoven

Der isländische Ludwig van Bach, by Kelapstick

Angesichts der Tatsache, dass weltweit mehr Menschen Klingonisch als Isländisch beherrschen, ist es doch erstaunlich, dass es erheblich mehr isländische als klingonische Literaturnobelpreisträger, Fußball-WM-Teilnehmer, Pop-Ikonen, Neue-Musik-Ensembles und eben auch rising Klavierstars gibt: etwa Víkingur Ólafsson im Kammermusiksaal. Im ersten Teil steht Bach von verwirrender Unübersichtlichkeit auf dem Programm, über mehr als zwei Seiten erstreckt sich die Auflistung der Stücke. Der Beethoven im zweiten Teil ist dagegen von dubioser Stringenz: die allererste und die allerletzte Sonate.

Aber so allerletzt, wie die 32. Sonate c-Moll opus 111 noch immer oft gemacht wird, ist sie ja vielleicht gar nicht. Weiterlesen

Nice, nicht lappig: Kirill Petrenko paukt das Bundesjugendorchester

Andere Teenager hören sich vielleicht (wenn sie einen offenen Geist, ordentlichen Musiklehrer oder nervige Eltern haben) Le Sacre du Printemps mal an – diese hier spielen ihn! Dabei sind sie nur paar Jährchen älter als das größte Konzertgängerkind, das momentan mit genau zwei Adjektiven auskommt: nice oder lappig. Nun, dieses Bundesjugendorchester, das seit 50 Jahren bestehende nationale Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn für Personen zwischen 14 und 19 Jahren, ist überaus nice. Wenn dann noch Kirill Petrenko dirigiert, bei dem man als Berliner jede Gelegenheit bei der Schopfhenne packen muss: nix wie hin. Das Programm ist ziemlich paukig, mit einem Paukenkonzert eines gewissen William Kraft sowie Strawinskys Sacre du Printemps. Weiterlesen

Hej! Weselmy się!

Für Weihnachtskonzerte gelten eigene Gesetze. Wie voll wäre die Philharmonie bei einem normalen Abokonzert mit Zemlinsky, Pärt, Lutosławski, Honegger und (na gut) Bach? Bei dem originellen Weihnachtskonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters und mehrerer Chöre mit Vladimir Jurowski aber ist sie rappel. Reuelose musikalische Völlerei, mit einigen Prisen Askese, quer durch Europa.

Alexander Zemlinskys 1910 entstandene Vertonung des lebensbegleitenden, allerschönsten Psalms 23 Der Herr ist mein Hirte scheint mit Gebimmel und Harfnerei doch eine ästhetische Verirrung. Aber wie außerordentlich schön bimmelt und harft das RSB! Und die Berliner Singakademie, Laienchor der gehobenen Klasse, macht ihre Sache auch gut. Für den Psalm 121 hat Arvo Pärt einen adäquateren Klang gefunden, Beschränkung auf Streichorchester, der warme Countertenor von Andreas Scholl wiederholt lange immer denselben Ton und wechselt insgesamt viermal von mittel nach hoch und umgekehrt; während Pärts Vaterunser bedenklicher auf dem Kitschgrad balanciert. Weiterlesen

Beherzt: Berliner Philharmoniker, Fischer, Gerhaher mit Dvořák, Wolf, Schubert

Für den Weltklasse-Orchester-Freund in Berlin ist bereits zwischen drittem und viertem Advent Bescherungsbrimborium: Dienstag und Freitag die Wiener Philharmoniker im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Donnerstag die Berliner Philharmoniker in ihrem eigenen Haus. Ein herzensvolles Konzert, Iván Fischer dirigiert, Christian Gerhaher singt: auf dem Gabentisch liegen Dvořák, Lieder von Hugo Wolf und Schuberts große C-Dur-Sinfonie.

Die Legenden op. 59 von Antonín Dvořák scheinen mit zwei Stück gerade richtig dosiert: Nummer 6 in cis-Moll und Nummer 10 in b-Moll, die letzte. Sie alle zu hören, würde vielleicht Überdruss bereiten. Weiterlesen

Doppelmessiast: RSB spielt „El Niño“ von John Adams, DSO „Messiah“ von Händel

Ja is denn heut schon Weihnachten – feinabgestimmte Programmplanung, wo gibts denn sowas? In Berlin sonst kaum, hier lief ja schon mal der Don Giovanni in der Staatsoper und gleichzeitig 600 Meter weiter in der Komischen Oper. Nun aber kann man an einem einzigen Wochenende überschneidungslos zwei wildwuchernde Heilands-Oratorien erleben: am Samstagnachmittag und Sonntagabend Händels Messiah in der Philharmonie, dazwischen am Samstagabend John Adams‘ El Niño im Konzerthaus. Ersteres mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem RIAS Kammerchor unter Robin Ticciati (mehr dazu unten); letzteres mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor unter Vladimir Jurowski. Weiterlesen

Pistolblumig: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Casablancas

Zugegeben eine Herausforderung, im 21. Jahrhundert ein Streichquartett zu schreiben, um es zwischen Beethoven-Streichquartetten spielen zu lassen. Man würde sich fast wünschen, dass mal ein verblendeter Komponist Beethoven tolldreist die Pistole auf die Brust setzte, um ihm zu zeigen, wer der Größte ist. Aber die meisten Komponisten, die das Cuarteto Casals im Rahmen seiner über mehrere Jahre laufenden Aufführung sämtlicher Beethovenquartette beauftragt hat, gehen behutsamer zu Werk, tastender – naja, nachvollziehbar. Da war im Kammermusiksaal schon manches Interessante zu hören, aber auch allzu Zurückhaltendes. Bei dem spanischen Komponisten Benet Casablancas liegt der Fall jetzt etwas anders: Sein neues 4. Streichquartett ist trotz des beiläufig scheinenden Titels Widmung keine Petitesse, sondern ein Werk. Weiterlesen

Belesend: Gerhaher singt, Huber spielt Schubert, Wolf, Berg, Rihm

Doppel-Benikolausung in der Philharmonie: Während im Großen Saal Teddy Currentzis (für manchen Traditionalinski eher ein Knecht Ruprecht) das großmahlersche Riesen-Schoko-Likör-Ei in den Stiefel batzt und dabei selbst eingeschworene Rezensissimi wie Krieger überzeugt, kredenzen der Sänger Christian Gerhaher und sein Pianistenpartner Gerold Huber im Kammermusiksaal 24 allerfeinste Preziosen. Edelste, nobelste Gäste sind da: Altbischof Huber etwa, Tabea Zimmermann; Thomas Quasthoff plaudert vor Konzertbeginn mit Max Raabe, der Fahrradfreundlichsten Persönlichkeit 2019. Ja, für solche Gaben hängt man die Seidenstrümpfe seiner Liebsten vor die Tür: 95 Minuten Liedkunst von Franz Schubert, Hugo Wolf, Alban Berg, Wolfgang Rihm. Weiterlesen

Heiligpanisch: Le Concert Olympique spielt Beethovens „Missa Solemnis“

Putzige Idee im Grunde, ein Spezialorchester zu gründen für die scheinbar unspeziellste Musik der Welt: die des meistgespielten Komponisten von Abba bis Zappa, Afghanistan bis Zypern – Ludwig van Beethoven! Aber Le Concert Olympique mit seinem Dirigenten Jan Caeyers überzeugte in Berlin schon mit Tripelistik und Prometheuismus. Zur Missa Solemnis nun ist in der Berliner Philharmonie toute la Belgique anwesend, inklusive des Königspaars Philippe und Mathilde (und von deutscher Seite u.a. Altbundespräsident Gauck). Die Bitte ans Publikum, sich zur Begrüßung der royalen Ehrengäste zu erheben, ist eine harte Prüfung für den insubordinationsgewohnten Berliner. Ob Beethoven aufgestanden wär? (Die Anekdote, dass Beethoven anders als Goethe dem kaiserlichen Hofstaat nicht ausweichen wollte, mag freilich dubios sein.) Aber was tut man nicht alles – zumal, da das Königspaar in der Stadt weilt, um der Opfer des Ersten Weltkriegs zu gedenken und so ein Zeichen fürs europäische Miteinander zu setzen. Dafür erheben wir uns gern.

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Jenrückend: Piotr Anderszewski spielt Bach und Beethoven

Welcher lebende Pianist kann Bach so schön romantisieren, ohne je ignorant zu wirken? Piotr-Anderszewski-Abende gehören mit dem gedimmten Licht und verinnerlichten Klavierspiel zu jenen unaufdringlich rituellen Ereignissen, von denen man sich wünscht, sie mögen einen am Ende des Lebens eben dieses ganze Leben begleitet haben. Hoffentlich wird Anderszewski nie im Großen Saal spielen. Darum: nicht bejubeln, nicht weiterempfehlen; und wenn doch, nur ganz unaufdringlich.

Im Kammermusiksaal spielt Anderszewski Bach und Beethoven. Im Publikum sitzen auch zwei ziemlich kleine, ziemlich blonde, ziemlich entzückende Mädchen. Ob sie wegen des Wohltemperiertes Klaviers II oder eher wegen der Diabelli-Variationen da sind? Weiterlesen

Naturgezartig: Staatskapelle und Rattle spielen Gabrieli, Haydn, Janáček

Stehen in der Berliner Philharmonie Haydn und Janáček auf dem Programm, muss man den Namen des Dirigenten gar nicht dazu sagen. Es sei denn, um zu streiten, ob man ihn Sir Simon nennen soll, wie laut Musiklehrer des Konzertgängersohns alle Berliner sagten (nein, ruft der Vater), oder eben Simon Rattle.

Beide Herzensstücke dirigiert er auswendig, nicht nur Haydns Pariser D-Dur Sinfonie Nr. 86, sondern auch Janáčeks gigantische Glagolitische Messe. Kurze Irritation, weil ihm das falsche Orchester gegenüber sitzt: nicht die Berliner Philharmoniker, sondern die Staatskapelle. Aber was heißt falsch, Rattle ist jetzt ein freier Mann, und das Orchester der Lindenoper dirigiert er ja schon seit langem immer wieder. Weiterlesen

Sehn(en)ziehend: DSO und Ticciati mit Berlioz‘ „Roméo et Juliette“

Berlioz, entfunkt, dafür bewischmopt

Merkwürdiger Fall eines Konzerts, an dem eigentlich nichts schlecht ist, aber sich der Funke nicht finden will, der das Ganze entzündet. Und wenn der fehlt, kann einem Hector Berlioz‘ Roméo et Juliette ganz schön lang werden. Selbst wenn das Deutsche Symphonie-Orchester unter seinem Chefdirigenten Robin Ticciati spielt. Liegts an den Musikern? Vielleicht am Hörer? Oder gar an … Berlioz?

Dabei ist das ja schon optisch eine Freude mit den dekadenten vier Harfen und dem massiven Blech auf dem Podium der Philharmonie. Und Roméo et Juliette von 1839 ist ein faszinierendes hypertrophes Dingsbums, ein bisschen das französische Gegenstück zur Neunten: Während es bei Beethoven die Instrumentalsinfonie in den Wortschwall sehnzieht, ziehsehnt sich die Oper bei Berlioz ins Sinfonische. Weiterlesen