Divertierend: Dudamel und Berliner Philharmoniker spielen Bernstein und Mahler

Die Berliner Feierlichkeiten zum Leonard-Bernstein-Zentenarium erreichen ihren Höhepunkt: Vier Wochen vor dem Bernstein-Festival der Komischen Oper koppeln die Berliner Philharmoniker in zwei Programmen große Symphonik des 20. Jahrhunderts mit Werken von Bernstein. Nächste Woche Schostakowitschs Fünfte mit Bernsteins Jeremiah, aber erstmal Gustav Mahlers Fünfte mit dem Divertimento for Orchestra, das Bernstein 1980 füs Zentenarium der Bostoner schrieb. Alles mit Gustavo Dudamel. Weiterlesen

Komplex wohlig: Berliner Symphoniker spielen „Verfemte Meister“

Erich J. Wolff schaut uns von ferne an

Staunenswertes gibts im Berliner Konzertleben zu vermelden: Mit das aufregendste, jedenfalls das verdienstvollste und mutigste Konzert der neuen Saison spielen die Berliner Symphoniker, für den ignoranten Konzertgänger bisher bloß so ein Peter-und-der-Wolf-Orchester. Von wegen. Denn zwei von drei Namen sind fast völlig unbekannt in dem Programm Verfemte Meister, das sich am Sonntagnachmittag in der Philharmonie jüdischen bzw jüdischstämmigen und im „Dritten Reich“ unhörbar gemachten Komponisten widmet.

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Heiter luguber: Berliner Philharmoniker mit Paavo Järvi spielen Lutosławski und Brahms

Brahms‘ Wolkenzeichen beachten!

Man muss nicht immer was hineingeheimnissen oder hineinabgrunden, oft ist das Überwölken wichtiger. Und Überwölkung wirkt umso berührender, je glänzender die überwölkte Schönheit strahlt. Das zeigen der Dirigent Paavo Järvi und die Berliner Philharmoniker bei dieser herrlichen Aufführung von Johannes Brahms‘ sonnenwolkiger 2. Sinfonie D-Dur.

Denn die Musiker lassen den Hörer jederzeit spüren, wie Brahms diese Zweite nach der Mühsal der Ersten aus der Seele geflutscht ist. Kunstvolle Natürlichkeit. Der Streicherklang bringt viel Sonne in den Saal, die nie brennt, sondern wärmt. Und die Bläser, allen voran der im Lauf der Sinfonie immer wieder herzbewegend hervortretende Hornist Stefan Dohr, sind eine Klasse für sich. Das große Ganze, um das es hier jederzeit geht, ist dabei so flüssig und frei von allem klanglichen Gründerzeitfett, dass man hier glatt die Berliner Kammerphilharmoniker zu hören meint – bis zur völlig polterfreien Streicherfreude im Finalsatz. Weiterlesen

Vogelerdig: NABU führt durch den Tiergarten, Jurowski durchs „Lied von der Erde“

Das Lied von der Erde singen in der Sonntagabenddämmerung erstmal die Vögel im Tiergarten. Denn vor dem Konzert mit Schubert und Mahler bietet der altehrwürdige Naturschutzbund NABU einen vogelkundlichen Spaziergang in der Nähe der Philharmonie an – als Kooperationspartner des Rundfunk-Sinfonieorchesters, dessen aktuelle Saison Chefdirigent Vladimir Jurowski unter das Motto Der Mensch und sein Lebensraum gestellt hat.

Der Herbst ist im Konzertbetrieb beginnende Hauptsaison, im Vogelbetrieb Gesangsnebensaison. Weiterlesen

Spinnredlich: Berliner Philharmoniker, Hrůša, Zimmermann spielen Dvořák, Martinů, Janáček

Das Repertoire wird besichtigt.

Das 20. Jahrhundert ist rappelvoll von interessanten Violinkonzerten, die Alternativen und Abwechslungen zu den sechs immergleichen Repertoire-Schlachtrössern der berühmten Komponisten B1, B2, B3, M.-B., T. und S. bieten. Die Berliner Philharmoniker machten sich bereits beim Musikfest mit dem selten zu hörenden Werk des Komponisten Z um Repertoire-Erweiterung verdient. Nun ist der mit Bernd Alois weder verwandte noch verschwägerte Geiger Frank Peter Z. zu Gast und spielt das hörenswerte 1. Violinkonzert von Bohuslav M. An einem sehr tschechischen Abend, dessen Protagonisten die Sonderzeichen á, č, í, ř, š, ů auf die Zungenwaage werfen, dass dem schwerfälligen deutschen Pronunziationsvermögen ganz flatterzungig wird.

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Schwesterlich: Berliner Philharmoniker, Bychkov und Katia & Marielle Labèque

Die große Schwester Brahms trägt dich

Das einzige, was hinreißender ist als eine hinreißende Pianistin, sind zwei hinreißende Pianistinnen. Und wie Aristoteles schrieb, Platon sei sein Freund, die Wahrheit aber noch mehr, so muss der Konzertgänger bekennen, dass strikte Neutralität gegenüber äußerlichen Reizen seine Freundin ist, aber mehr noch die unwiderstehliche Attraktivität der klavierspielenden Schwestern Katia & Marielle Labèque. Die sind so hinreißend, da wird er ganz hirnrissig. Noch hinreißender aber, dass die Kunst der Schwestern sich am äußerst selten gespielten Doppelklavierkonzert von Max Bruch bewährt. Semyon Bychkov stellt es bei den Berliner Philharmonikern zwischen Detlev Glanert und Antonín Dvořák, in eine Drillingsreihe von Werken, die in gewisser Weise alle kleine Schwestern von Johannes Brahms sind. Die große Schwester Brahms ist die allgegenwärtige Abwesende in diesem Konzert, das als Ganzes dann aber nicht ganz so hinreißend ist wie die Labèque-Sœurs.
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Musikfest 2018: Stockhausen führt durch

Karlheinz ist nach wie vor nicht nur die beliebteste Unterhose des deutschen Mannes, sondern auch der Deutschen kontroversester Lieblingsavantgardist, verehrt und geschmäht. Insofern schlüssig, dass das bundeshauptstädtische Saisoneröffnungs-Musikfest mit einer exuberanten Stockhausen-Coda schließt. Das beweist Mut zur Anti-Klimax, so rein saalfüllungs- und ein bisschen auch stimmungsmäßig. Zwei Abende Stockhausen pur also nach zuvor drei Bruckner-Sinfonien, einmal Mahler, so viel aufwühlendem Zimmermann, erlesenem Boulez, Debussy, Ligeti etc pp. Weiterlesen

Musikfest 2018: Berliner Philharmoniker lichten, Rundfunkchor nachtklart

Ist ja auch mal ein schönes Faktum, dass von allen hiesigen Orchestern ausgerechnet die Berliner Philharmoniker als gute Gastgeber die Musikfest-Themen am intensivsten beleuchten: gleich zweieinhalb von dessen Schwerpunkten kommen im Konzert mit François-Xavier Roth vor. Bernd Alois Zimmermann und Debussy sind die zwei, Ligeti der halbe. Der Konzertgänger geht mal wieder zu einer dritten Aufführung, dritte Abende sind spielkulturell immer erhellt. (Gingen mehr Kritiker am dritten statt am ersten Abend, gäbs weniger Verrisse.) Außerdem kann man am Samstag noch zum anschließenden Late Night-Konzert des Rundfunkchors in die dunkle St. Matthäus-Kirche rübermachen.

Vermatscht sich das nicht in deinem Kopf, fragt seine Frau den Konzertgänger, noch ein Konzert gleich hintendran? Weiterlesen

Musikfest 2018: Aimard stockhaust

Nach Bernd Alois Zimmermann jetzt ein Kalle Stockhausen-Schwerpunkt beim Musikfest. Schön, weil die beiden einst als Antipoden galten. Stockhausen hatte wohl den Längeren damals (Hebel natürlich), so rein musikmachtpolitisch. Aber der Wind scheint sich gedreht zu haben, wie die Tendenz einer aktuell noch laufenden repräsentativen Twitter-Umfrage des Konzertgängers zeigt: Weiterlesen

Musikfest 2018: Isabelle Faust & Friends verklären, Benjamin fängt nicht so recht

Gibt es irgendein Stück, das in nachgeschobener Orchesterfassung schöner ist als im Kammer-Original?

Arnold Schönbergs Verklärte Nacht jedenfalls nicht. Selbst wenn die ursprüngliche Sextettfassung nicht in solcher Luxusbesetzung aufgeführt würde wie im Kammermusiksaal beim Musikfest Berlin. Dass Isabelle Faust sich hier als prima inter pares gerierte, steht nur auf dem Programmzettel (Isabelle Faust & Friends), tatsächlich ist sie pars inter primas et primos. Prima Verklärung, die den Hörer fängt. Diesen Fängern folgt man gern, da ertrinkt keine Nuance.

Der unvergleichliche Wert der Streichsextettfassung zeigt sich schon in den ersten, wie aus dem Nichts sich herausdämpfenden Bratschentönen von Danusha Waskiewicz. Weiterlesen

Musikfest 2018: Boffard und Berliner Philharmoniker schattenspiegeln George Benjamin

Beim Musikfest rückt nach Bernd Alois Zimmermann (und Bruckner, aber der war wohl eher Orchester-Tourneeprogramm-Zufall) nun der englische Komponist George Benjamin in den Fokus, diesjähriger Composer in residence der Berliner Philharmoniker. Zwischen zwei von ihrem Ehrengast dirigierten Philharmonikerkonzerten (mehr dazu unten) stellt am Sonntagvormittag der Pianist Florent Boffard im Kammermusiksaal den Klavierkomponisten George Benjamin vor. Und zwar mit einem herrlich weitgefächerten Programm, in dem gar nicht so viel Benjamin vorkommt. Dafür aber lauter Stücke, in denen er sich gespiegelt oder beschattet fühlt: Weiterlesen

Musikfest 2018: Gergiev ekklesiastiziert

Vierfalt berührender Kenntnisnahmen in diesem Konzert mit zwei letzten Werken, das dennoch eine Fallhöhe sondergleichen erlebt, und zwar nicht im göttlichen  Sinn eines brucknerschen Oktavsturzes. Von Bruckner stammt das zweite letzte Werk an diesem Abend.

Erste berührende Kenntnisnahme aber: Valery Gergiev wagt sich mit seinen Münchner Philharmonikern an Bernd Alois Zimmermann. Spielt ihn nicht nur mit beim Berliner Musikfest, wo Zimmermann dieses Jahr ein Schwerpunkt ist, sondern will ihn auch nach Russland bringen, erfuhr man, wo er völlig unbekannt sei. Weiterlesen