Für Mieczysław Weinberg: Gidon Kremer musiziert mit Martha Argerich und Yulianna Avdeeva

Die Hommage, welche das Konzerthaus am Gendarmenmarkt ihm dieser Tage widmet, hat der Geiger Gidon Kremer einfach zu einer Hommage an den Komponisten Mieczysław Weinberg umgepolt. In zwei Konzerten widmet er sich aufschlussreich Weinbergs Kammermusik. Zwei großartige Pianistinnen stehen ihm dabei zur Seite, übrigens die Chopin-Preisträgerinnen von 1965 und 2010 (Kinners, wie die Zeit vergeht): am Sonntagabend Martha Argerich, am Montagabend Yulianna Avdeeva.

Kann man auf Mieczysław Weinberg und seine Musik zu sprechen kommen, ohne mit Weinbergs fürchterlichen Schicksalen zu beginnen? Zwanzig war er, als er 1939 vor dem Einmarsch der Deutschen aus Polen in die Sowjetunion floh. Seine Eltern und seine Schwester wurden in der Shoah ermordet. Er selbst geriet wenige Jahre später in die Fänge des stalinistischen Antisemitismus, wurde 1953 verhaftet und kam nur durch Stalins Tod davon. Dass er Schostakowitsch nahestand, war ihm wohl Hilfe und Bürde zugleich; lange wurde er bei allem Ansehen offenbar eher als ein Schostakowitsch-Epigone betrachtet. Und nach dem Untergang der Sowjetunion verbrachte Weinberg, so erzählt Gidon Kremer, seine letzten Lebensjahre hungernd, bis zu seinem Tod 1996. (Bildergalerie von Weinberg)

Es braucht aber kein pflichtbewusstes Mitgefühl, um sich Weinberg anzuhören. Denn was man hier zu hören bekommt, ist hochinteressante, fesselnde Musik, berührend und von unmittelbarer emotionaler Wirkung. Aus westlich-avantgardebewusster Perspektive mag man ihre Mittel konventionell nennen, von expressiver Rhythmik und Harmonik und Klangfarbigkeit. Das Doppelbödige, Maskenspielerische von Schostakowitsch scheint Weinberg bei aller musikalischen Verwandtschaft eher fremd. Allerdings weist Gidon Kremer im Gespräch auf Verschlüsselungen in manchen Weinberg-Werken hin, etwa dem Violinkonzert, das er am 25., 26. und 27. Oktober spielen wird.

Das Gesprächskonzert-Format 2x hören im Werner-Otto-Saal, bei dem Kremer gemeinsam mit Yulianna Avdeeva Weinbergs 1982 entstandene 6. Sonate für Violine und Klavier vorstellt, wäre nun genau das Richtige, dieser Musik mit milder, aber konkreter Analyse auf den Grund zu gehen. Dem steht ein wenig der Moderator Christian Jost im Wege, der viel weiß, aber durch eitle Redseligkeit einiges vom Potenzial des Formats verschenkt. Immerhin erfahren wir, dass Gidon Kremer als Student von David Oistrach in den 1960er Jahren die Bedeutung von Weinberg noch nicht erkannte, sondern erst bei eingehender Beschäftigung vor etwa einem Jahrzehnt. Und so ist Kremers Engagement für Weinberg (das Wichtigste wohl neben der Internationalen Weinberg-Gesellschaft von Linus Roth und Thomas Sanderling) auch eine Art Wiedergutmachung. Der stilistischen Vieldimensionalität des Vielkomponisten Weinberg, der u.a. 7 Opern, 22 Sinfonien und eine kaum überschaubare Menge von Kammermusik schrieb, geht das Gespräch dagegen leider nicht wirklich nach.

Die sechste Sonate, ein gut viertelstündiges Spätwerk, zweimal zu hören ist aber einigermaßen erhellend – wenn auch stimmungsmäßig eher verdüsternd. Wie zwei getriebene Individuen klingen die beiden Instrumente: Die Geige beginnt allein, das Klavier setzt irgendwann nur mit der rechten Hand ein, voll klanglicher Härte und geradezu isoliert von seinem Partner. Wie aus heiterem Himmel kommt es zu einem harmonisch reichen Klaviersolo, pedalisiert und sehr melancholisch. (Wunderbar ist Avdeevas ansatzloses Umschaltspiel von eiskühl auf herzenswarm.) Schließlich kehrt die Geige zurück: Aber ihr nun immer zarter, lamentöser gewordener Strich gewinnt bald wieder an Dränglichkeit, der harsche Beginn kehrt zurück. Und als der Klang noch einmal final sanft wird, ist es wie ein resigniertes Verdämmern. Puh.

Hier der mittlere Abschnitt der 6. Sonate:

Dreißig Jahre vor dieser Sonate, im Jahr 1953, entstand Weinbergs 5. Sonate für Violine und Klavier, die Gidon Kremer einen Tag zuvor im Großen Saal des Konzerthauses gemeinsam mit Martha Argerich spielt. Müsste man entscheiden, ob La Argerich die Chopinsiegerin von vor 9 Jahren oder von vor 54 Jahren ist, könnte man zögern. Das ergraute Haar spricht für Option 54, aber die unerbittliche pianistische Sprungkatzigkeit für 9. Doch hier gilts nicht Argerich und Kremer, sondern Weinberg, dem die Pianistin mit stabilem Handgelenk und nach wie vor unendlich spannungsvoller Phrasierung, der Geiger mit niemals auftrumpfendem Ton dienen. Auch diese klassisch viersätzige Sonate ist von ernster, unmittelbar ansprechender Direktheit: sei es in ihren tief melancholischen Partien oder den sinistren Zügen, der gespenstischen Flageoletterie.

Zum Höhepunkt des Abends aber wird – wer hätte das gedacht bei einem Argerichkonzert – Weinbergs 1. Sonate für Solovioline von 1964, die Kremer allein mit atemberaubend klarer Tongebung auch im atemlosen Gehetztsein spielt. Ein Werk von beklemmender Bedrängtheit auch dies, eingeklammert durch markante Vorschlag-Sprünge am Beginn und Schluss, dazwischen sich steigernde Doppelgriff-Gewitter, die schließlich in einen ergreifenden Klagegesang führen. Aber das verängstigte Wispern, das man hier auch hört, wird man nicht leicht wieder los.

Damit das Publikum sich das anhört, werfen Argerich und Kremer nicht nur ihre eigene hohe Kunst und ihre großen Namen in die Werbeschale, sondern auch bewährte Publikumsgünstlinge: Mögen bis kurz vors Konzert Dvořák und Bartók angekündigt gewesen sein, eröffnet man nun mit Sergej Prokofjews 2. Sonate für Violine und Klavier D-Dur von 1942/43, einem durchaus fordernden Werk, das hier nur gelegentlich ein ganz klein bisschen wie eben vom Blatt gespielt klingt. Wer kann, der kann. In der 1817 entstandenen A-Dur-Sonate D 574 hingegen von Franz Schubert (einem Nebenschwerpunkt der Kremer-Hommage) verbinden Argerich und Kremer völlig mühelos wirkende Natürlichkeit mit höchster Gemütsglut.

Eine Milonga von Astor Piazzolla und der Finalsatz von Beethovens Kreutzersonate lassen dann keine Wünsche offen. Oder doch: den Wunsch nach noch mehr Mieczysław Weinberg. Am Donnerstag, den 24. gibt es Weinbergs 2. Sinfonie mit Kremers Orchester Kremerata Baltica und einer Dirigentin, die gerade in aller Munde ist, der Litauerin Mirga Gražinyte-Tyla, vom 25. bis 27. das erwähnte Violinkonzert, außerdem zwei reizvolle Termine in kleiner Runde: Weinberg und Schostakowitsch am späten Samstagabend und Weinberg pur am Sonntag.

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4 Gedanken zu „Für Mieczysław Weinberg: Gidon Kremer musiziert mit Martha Argerich und Yulianna Avdeeva

  1. Die Gesprächsrunde bei diesem „2mal Hören zeitgenössisch“ war, wenn es ums konkrete Werk des Abends ging, sicherlich eine der schlechteren.

    Was für mich nicht unbedingt an Jost lag, der hier weniger Zeit hatte als sonst.
    Sondern vielleicht auch daran, dass Kremer die Gelegenheit wohl nutzen wollte, die Neugier auf Weinberg insgesamt zu wecken. Angesichts eines Publikums, bei dem doch möglicherweise der ein oder andere eher wegen ihm kam, weniger wegen der Komposition, vielleicht verständlich.

    Dass und wie das anders geht zeigt Jost regelmässig, bei einem entsprechenden Partner kommen da einzigartige Abende zustande (Kit Armstrong mit Ligeti zB. war eine Sternstunde).

    Bemerkenswert gestern war für mich, wie unterschiedlich Kremer das Stück anging. Der erste Durchlauf so zögerlich, rau zu Beginn. Wie geriebenes Glas.
    Fand ich sehr mutig und intensiv.

    Ein wenig bedauerlich, dass man unterlassen hat eine Weinberg-Sinfonie in dieser Woche mit ins Programm zu nehmen. Die hätte ich, statt Schuberts C-Dur oder DSCH 5 auch ganz gut vertragen – beide Werken begegnet man nun wirklich nicht selten im Konzertsaal.

    • Mit den Sinfonien haben Sie Recht, auch wenn die Kremarata Baltica am 24. die Zweite spielt. Die Zehnte war fürs Late Night Konzert am 26. angekündigt, aber jetzt wird ein Concertino gespielt. Eine „große“ Weinbergsinfonie wäre hier wohl die Aufgabe für den Chefdirigenten Eschenbach gewesen, und insbesondere Schostakowitschs Fünfte, die derart oft gespielt wird, finde ich hier verzichtbar.
      Thomas Sanderling hat ja mal Weinberg beim Konzerthausorchester dirigiert.
      Ich habe Jost ein paarmal erlebt. Was mich stört, sind seine weitschweifigen Fragen mit Antwort-Optionen für den Gesprächspartner statt offener Fragen. Zugleich würde ich mir die Beschäftigung manchmal konkreter wünschen. Josts Vorgänger Arno Lücker war auch selbstverliebt und seine pubertären Witzchen sicher nicht jedermanns Sache, aber es hat mir immer gefallen, wie es auch mal – allgemein verständlich – in eine projizierte Partiturseite hineinging.
      Bei Armstrong – Ligeti wär ich sehr gern gewesen, György & Kit ist natürlich ein Traumpaar.

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