„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

Am Berliner Marathon-Wochenende gelangt mit der GÖTTERDÄMMERUNG auch der Ring des Nibelungen nach circa 42,195 Stunden Gesamtdauer ans Ziel. Finish an der Staatsoper Unter den Linden: Michael Volles geradezu epochaler Wotan ist als Igel längst vor allen Hasen am Ziel und darum leider am letzten Abend schon nicht mehr dabei. Dafür haben Andreas Schagers Siegfried und Iréne Theorins Brünnhilde die dritte Lunge. Daniel Barenboim gewinnt den Günter-Hallas-Gedächtnispreis, es ist sein geschätzt viertausendster Wagner-Marathon, und da bleibt man zwischendurch auch mal stehen – nicht um zu trinken, sondern um Enkel zu begrüßen oder besonders liebe Leitmotive! Der Regisseur Guy Cassiers aber ist schon vor langem samt Kasse mit den Teilnehmergebühren durchgebrannt.

Wollte man noch etwas finden zugunsten dieser misslungenen Inszenierung, so könnte man anmerken, dass es in der ersten Gibichungenhallen-Szene mal so etwas wie Personenführung gibt. Auch das von Sidi Larbi Cherkaoui choreographierte Herumgetanze wirkt bei Brünnhildes Entführung und Ringraub schlüssiger als zuvor. Dennoch bleibt diese Inszenierung frühalt, fahl und bleich wie der olle Alberichowitsch Hagen, dürftig kaschiertes Rumstehtheater. Nicht allein die Schlussszene der Götterdämmerung ist völlig nichtssagend auf die Bühne gebracht, aber da tut es besonders weh. Und es ist fast ein Kunststück der Regie, bis zuletzt an dem hier allgegenwärtigem Marmorrelief Les Passions Humaines von Jef Lambeaux keinen Deut Interesse beim Publikum zu wecken.

Jetzt wird diese Inszenierung also nur sechseinhalb Jahre nach der Premiere der Götterdämmerung entsorgt. Der richtige Zeitpunkt, zu hemmen ein rollendes Rad, wäre damals wohl spätestens nach der vergurkten Walküre gewesen. Aber tja, die verdammten Verträge. Vielleicht streckt auch der stets bankrottierende Denkfehler der Sunk Cost Fallacy dahinter – also die

Tendenz, ein einmal angefangenes Projekt auch zu Ende zu bringen. Koste es, was es wolle. Und zwar deswegen, weil wir schon in das Projekt investiert haben.

https://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/leon-windscheid-buchauszug-das-geheimnis-der-psyche-a-1141091-2.htm

Da dieses Elend aber nun mal so elend ist, wie es ist, war es wohl das Beste, es einfach durch vorzügliche, teils herausragende musikalische Leistungen vergessen zu machen.

Auch die kleineren und mittelgroßen Rollen sind in dieser Götterdämmerung meist gut besetzt. Hervorzuhaben wäre Roman Trekels sehr pointierter Gunther. Es fällt Trekels Bariton zwar nicht immer leicht, durchzudringen gegenüber dem teils sehr kräftig aufspielenden Orchester und dem äußerst breitbrüstigen Sängerkollegium (beiderlei Geschlechts). Aber wie exakt in Wort und Seele dieser in stockgerader Haltung sich wurmwindende Gunther und Möchtegern-Brünnhildengatte vor uns lebendig wird, das ist schon stark.

Falk Struckmann ist ein Hagen von imposanter Schwärze, der freilich auch schon mal einen halben Vers vergisst. Facettenreicher und konzentrierter wirkt der Alberich von Jochen Schmeckenbecher, der auch schon in Rheingold und Siegfried begeisterte.

Aber natürlich gehört dieser Abend in erster Linie Andreas Schager und Iréne Theorin. Noch immer und selbst in dieser Rolle, als Siegfried, scheint das Stimmphänomen Schager öfter schlicht zu laut. Aber seine Gestaltung ist erstaunlich differenziert, von naivem Charme bis zu emotionaler Intensität. Die lange Wiedererinnerungsszene vor dem Mord und auch das Sterben gelingen Schager berührend, und dass dabei jeder Ton exakt getroffen und jedes Silblein genau zu verstehen ist, setzt man bei Schager schon voraus. Witz hat er erst recht; prima, wie er in der Tarnkappenszene, in Gunther verwandelt, Trekels Stimme nachäfft.

Iréne Theorin scheint, wie man sie hier im dritten Aufzug erlebt, die geborene Brünnhilde: Man glaubt ihr jedes Wort, auch wenn man keins versteht, sofern Worte aus mehr als Vokalen bestehen. Besonders einprägsam und etwas gedehnt beispielsweise ihr i-í-e-í-e-i-i (laut Textbuch: die Liebe ließe ich nie). Dennoch wirkt ihr Heldinnensopran kontrollierter als noch im Siegfried. Gellen Brünnhildes Rufe Betrug und Verrat, schaut man besorgt zum Dach der Staatsoper hoch. Aber wie Theorin die Ruhe, die sie dem untergehenden Gott wünscht, bis an den Rand des Verschwindens bringt, ist ebenso nachdrücklich.

Richard-Wagner-Medaille am regenbogenen Band für jeden, der den irre langen ersten Aufzug der Götterdämmerung ganz ohne Nickerchen durchsteht. Seinem beleibten Sitznachbarn fällt das Kinn auf die Brust, wie der Konzertgänger merkt, als er durch das Schnarchen einer Frau von hinten geweckt wird. An der Staatskapelle mit ihrem Dirigenten Daniel Barenboim liegt solche Rammdösigkeit gewiss nicht! Für die gilt das anlässlich von Rheingold und Walküre Geschriebene uneingeschränkt weiter: Temporückungskunst ohnegleichen zwischen Vollpulle und immer wieder mythischem Schildkrötenspeed – stehende Momente außer aller Zeit bei den Weißt du wie das wird-Versen der Nornen, endlose Anläufe in Siegfrieds Sterben und Trauermarsch. Während man letzteren von Barenboims Staatskapelle hört, meint man sich – Trauer hin oder her – in einem der glücklichsten Momente seines Lebens zu befinden. Zahllose klangmagische Momente gibt es ansonsten, den flirrenden Vergessenszauber etwa im ersten Aufzug; und Ohrenblicke, da man das Gefühl hat, dem perfekten Mischklang ganz nah zu sein.

Solche Wagnerkunst hat wirklich etwas anderes verdient als diese Inszenierung. Und so berechtigt die Kritik an der geldverbrennerischen Ring-Parallelaktion von Deutscher Oper und Staatsoper ist (und gewiss auch die an Barenboims künstlerischer Allzu-Alleinherrschaft Unter den Linden): Man freut sich trotzdem auf Dmitri Tcherniakovs Rheingold im Jahr 2022. Barenboim, derzeit 76, wird dann 73 sein, denn er wird bekanntlich jünger. Das neue Rheingold an der Deutschen Oper mit reiner Ensemble-Besetzung gibts übrigens schon im Juni 2020. (Runterscrollen und Blog abonnieren, dann können Sie in Zukunft hier alles über alle Ringe lesen, bis zum Jahr 2222 mindestens.)

Meine Berichte zu Rheingold und Walküre sowie zum Siegfried

Schlatz war sogar bei beiden Ring-Zyklen.

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2 Gedanken zu „„Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper: GÖTTERDÄMMERUNG

  1. Sie haben recht. Etwas seltsam ist es schon, wenn beide Berliner Häuser einen Ring starten, besonders wenn dies, wie Volker Blech in dem interessanten Artikel aus der Morgenpost berichtet, gegen internen Absprachen geht. Ob dabei Geld verbrannt wird, ist allerdings die Frage. Die Zyklen werden an beiden Häusern ausverkauft sein. Das Medienecho ist bei einem Ring deutlich höher. Im Übrigen hat Bayreuth auch sehr kurze Zyklen. Die Ring-Inszenierungen dort laufen so gut wie nie länger als 4, 5 Jahre. Es folgt ein Jahr Pause, dann kommt ein neuer Ring. Ist gut, man kann sagen, Bayern hat das Geld, Berlin nicht.

    • Na, Oper ist heutzutage ja immer ein Zuschussgeschäft, auch ausverkauft. Aber RING muss sein, klar. Und dafür ist das Geld ja gut angelegt. Man sollte in Berlin lieber diesen Unfug mit dem Flughafen lassen.

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