Zum Heulen gewaltig: RSB unter Weigle spielt Hans Rott

Müsste man mal nachzählen, aber was das Spielen von Werken angeht, die hier sonst keiner* spielt, dürfte unter Berlins großen Orchestern das Rundfunk-Sinfonieorchester vorn liegen – noch vor dem (auch sehr verdienten) DSO. Für Hans Rott gibts jedenfalls 60 von 60 möglichen Punkten: kein fünfminütiger Alibi-Gegenwarts-Appetizer, sondern das einstündige Monumentalwerk eines Verlorenen aus dem 19. Jahrhundert, die Sinfonie eines verfahrenen Gesellen. Hans Rotts 1. Sinfonie E-Dur (1878-1880) ist zugleich seine letzte. Ein unermessliches Unglück, wenn man dieses gewaltige, zum Heulen ergreifende RSB-Konzert in der Philharmonie unter Leitung von Sebastian Weigle gehört hat.

Denn nach der Zurückweisung durch Brahms tickte der 22jährige Rott völlig aus, bedrohte auf der Zugfahrt von Wien Richtung Elsass (die ihm wie der erzwungene Gang ins Exil vorgekommen sein muss) einen Zigarrenraucher mit der Pistole, aus Angst, Brahms habe den Zug mit Dynamit vermint. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen, wo es mit einem fürchterlichen Ausdruck Gewöhnung an Unterordnung galt, verübte dort mehrere Selbstmordversuche und krepierte mit 25 an Tuberkulose. Zum Heulen. Dies alles lässt sich ausführlich nachlesen in dem sehr guten Einführungstext von Steffen Georgi (PDF) und dem zugrundeliegenden, unbedingt lesenswerten Hans-Rott-Aufsatz von Eckhardt van den Hoogen.

Die erwähnten Texte warnen auch eindringlich davor, nicht zu viel und zu Schweres auf den Schultern dieses Verlorenen abzuladen: etwa die Anschuldigung, Brahms hätte Hans Rott auf dem Gewissen, wie sie Anton Bruckner am Grab seines Lieblingsschülers erhoben haben soll. (Brahms‘ Ablehnung dürfte ja eher der Anlass als die Ursache von Rotts Zusammenbruch gewesen sein.) Oder die Behauptung, Rotts Altersgenosse und Kompositions-Kommilitone Gustav Mahler, der Rott und sich selbst als zwei Früchte von demselben Baum bezeichnet haben soll, wäre im Grunde nur ein Rott-Plagiator gewesen. Wobei van den Hoogen sogar erwägt, ob Mahler nicht mit dem zeitweiligen Beinamen Titan seiner ersten Sinfonie auf Rott abgezielt habe – und ihm in der zweiten zur Auferstehung habe verhelfen wollen.

Grund genug also, das Rott-Konzert mit Gustav Mahler zu eröffnen. Der junge Frankfurter Bariton Björn Bürger ersetzt in den Liedern eines fahrenden Gesellen den erkrankten Michael Volle. Dankenswert nicht nur deshalb, weil dergestalt wirklich ein Sänger im Gesellenalter auf Fahrt geht – und nolens volens sogar ein Schüler Rio Reisers, dieses fahrenden Rebellen. (Müsste der deutsche Kunstliedgesang sich nicht überhaupt viel mehr mit Rio Reiser auseinandersetzen?) Bürger interpretiert Mahlers Wanderer in vorzüglicher Deutlichkeit als so eine Art traurigen Clown, grimassiert adäquat zum Ziküth! Ziküth!, wechselt in die Kopfstimme, wo sein Bariton an die Decke stößt, und legt ein schönes Zittern in die letzten Worte Welt und Traum. Denn von wegen alles wieder gut, Welt und Traum sind brüchige Dinge.

Zumal wenn man an einen Gesellen wie diesen Hans Rott denkt. Dessen 1. Sinfonie E-Dur ist ein Hörerlebnis, das niemand so bald vergessen wird, der dabei war. Es springt einen beileibe nicht nur vorweggenommener Gustav Mahler an, dies zunächst vielleicht sogar am wenigsten. Bruckner aber ist evident in registerartigen Passagen, die an eine sinfonische Weltorgel erinnern. Oder im unvermittelten Wechsel von zarter Ländlerei mit vertrackter Kontrapunktik. Wagner wallt gewaltig herum, das Rheingoldvorspiel, die Götterdämmerung. Und nicht auch Sibelius? In der intensiven, herzensinnigen Verwendung des Blechs – nicht nur im eröffnenden, zum Heulen schönen Sonnenaufgangs-Thema der Solo-Trompete (Florian Dörpholz)? Oder Tschaikowsky im Mittelteil des Adagio, der einen Abwärtssog wie die Pathétique entwickelt? Im Scherzo freilich springt einen Mahler dann heftig an. Und im Finale kurioserweise … Johannes Brahms! Dass der letzte Satz von dessen erster Sinfonie so deutlich durchklingt, dürfte ihn Rott nicht gewogener gemacht haben.

Was ist, wenn man so will, Rotts Eigenes – vom schieren, überwältigenden Klangreichtum abgesehen? Gewiss diese Tollkühnheit, aber auch alles verbinden zu wollen. Eine Synthese von Wagner, Bruckner, Brahms zu wagen anno 1880. Es handelt sich um eine Finalsinfonie, die aber einer ganz eigenen, fast schrulligen Proportionsidee folgt: Jeder Satz ist länger als der vorhergehende.  Von den etwa zehn Minuten des Kopfsatzes bis zur knappen halben Stunde des Finales. Dieses ist nun ein de profundis ad astra sondergleichen, das aus beklemmend dunklen Klangmischungen aufsteigt und sich über Streicherhymnen, Fugati und Gottweißwas hoch übers Sternenzelt katapultiert. Inklusive Rekapitulation der gewesenen Satzthemen, aber hier mal von hinten nach vorn.

Ein Meisterwerk, aber in keinem Sinn ein fertiges! Der vergleichsweise kurze erste Satz ist eine irritierend abrupte Klangballung. Man hält den Atem an, aber nicht alles, was irritiert und konsterniert, dürfte des Schöpfers Absicht gewesen sein. Wie auch bei einer solchen Entstehungsgeschichte? Das Größte und Erschütterndste ist ja gerade die Unfertigkeit dieses atemberaubenden Werkes. Die muss und soll ja gerade so stehenbleiben. (Allein in Sachen Dauerklingeln der Triangel, wie auf einem italienischen Provinzbahnhof, könnte man bei hoffenswerten künftigen Aufführungen einen Eingriff in die Partitur erwägen; einfach weil die Überdosierung manchmal den gesamten Klangeindruck zu überlagern droht.)

Das Schönste überhaupt? Vielleicht das Trio im dritten Satz, das betörend schön aus mysteriösem Brummnebel aufsteigt (hier ab Minute 3’00):

Der Konzertgänger durfte in diesem Konzert eine Bekanntschaft schließen, für die er dem RSB zutiefst dankbar ist. Und dem Dirigenten Sebastian Weigle, der das alles mit enormer Kompetenz und höchster Leidenschaft dirigiert. Berührende Geste, wenn er den obligatorischen Schluss-Blumenstrauß keiner noch so schönen Cellistin schenkt, sondern auf die Partitur legt. Den Grabstein dieses verlorenen Gesellen Hans Rott. Glanz und Gloria ihm, zum Heulen.

* Nachtrag: Die Sinfonie von Hans Rott war in Berlin bereits 2007 mit den Berliner Philharmonikern unter Neeme Järvi zu hören. (Nächste Aufführung hoffentlich vor 2029!)

Nächstes Konzert des RSB, wieder mit originellem Programm, am 4. März.

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3 Gedanken zu „Zum Heulen gewaltig: RSB unter Weigle spielt Hans Rott

  1. Lieber Herr Selge,

    haben Sie herzlichen Dank für diesen – wieder einmal – wunderbaren Text! Mir ging es bei meinem Erstkontakt mit Hans Rott und seiner Symphonie ganz genauso; das war vor ca. 10 Jahren mit dem Münchner Rundfunkorchester, auch damals dirigierte Weigle… Einfach ein atemberaubendes Werk aus einer ganz eigenen musikalisch-emotionalen Umlaufbahn! Herzliche Grüße nach Berlin!

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