Resonanz und Hygiene

Was wird nicht alles bekakelt, wenn es um die Klassik geht! Unsterbliche und vergessene Werke, spektakuläre und enttäuschende Aufführungen, Weltstars, Blender, geheime Sandrart-cupidMeister ihres Fachs – keine unwichtigen Dinge, gewiss. Doch wer spricht von den Toiletten? Dabei kann niemand bestreiten, dass der Konzertbesucher dort Minuten von hoher Dringlichkeit verbringt. Nicht nur, weil es innerste Bedürfnisse gilt, sondern auch, weil Musik nachklingen will und muss.

Doch hält das stille Örtchen, was sein Name verheißt? Dieser Frage gehe ich im neuen VAN-Magazin nach. Ein investigativer Blick in die Eingeweide der Klassik.

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Ewiglächelnd: „Götterdämmerung“ an der Deutschen Oper

„Vivat Götz!“ schallt es aus Reihe 16 oder 17, nachdem der letzte Ton der Götterdämmerung verklungen ist und damit der erste von zwei Abschiedszyklen des Rings des Nibelungen vorbei. Aber genau mit dieser Götzdämmerung lässt die Deutsche Oper ja ihren Götz Friedrich hochleben, indem sie sich, wie er es schon zu Lebzeiten wollte, ab 2020 an einen neuen 800px-Siegfried_and_the_Twilight_of_the_Gods_p_130Ring macht. Für diesmal aber kommt der Konzertgänger mit guter Kunde zurück aus dem alten Ring. Noch einmal – zum letzten Mal – lächelte ewig der Gott.

Nur kaltschnäuzige Opernfreunde und, zugegeben, auch die ächzende Bühnenapparatur ersehnen schon lange das Ende der ewigen Qual. Fataler Hörfehler, denn Waltraute singt ja vom Ende der Ewigen Qual! (Wie macht man beim Singen Groß- und Kleinschreibung hinreichend deutlich?)

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Entflammend: „Siegfried“ beim vorletzten Tunnel-Ring an der Deutschen Oper

Im Siegfried möchte der Konzertgänger normalerweise immer vorspulen. Nicht so in dieser Aufführung an der Deutschen Oper, mit der der vorletzte Zyklus von Götz Ring45Friedrichs legendärer Ring-Inszenierung seinem Ende zu eilt. Es ist, als wollte alles die Zeit anhalten.

Auf fast sechs Stunden dehnt sich der Mittwochabend, nicht nur wegen der ausgedehnten Pausen, sondern auch weil das Orchester (Sonderpunkte für Klarinette und Horn im zweiten Aufzug) unter Donald Runnicles, ohne Bummelei zwar, den Abschied weidlich zelebriert. Der Nachbar des Konzertgängers, der Urväter-Ring-Weisheit mit Löffeln gefressen hat, kann den Unterschied zu Böhms und Karajans Zeiten minutiös, ja sekundös belegen. Weiterlesen

Zeittunnelsausend: Erster letzter „Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper

Tube Shelter Perspective 1941 by Henry Moore OM, CH 1898-1986

Henry Moore, Tube Shelter Perspective 1941, Copyright Tate

Hojotoho, Abschiedssause im Zeittunnel! Mit Rheingold und Walküre begann am Wochenende der erste der beiden letzten Zyklen, den die Deutsche Oper ihrem Ring des Nibelungen gewährt. In der legendären Götz-Friedrich-Inszenierung, die gefühlt älter ist als der Ring selbst. Ein düst`rer Tag dämmert dem Tunnel, in zwei Wochen geht’s mit Alba ab zum Recyclinghof.

Schon wieder eine Unendlichkeit vorbei also. Zu End‘ ewiges Wissen, wie Wilhelm Busch dichtete, hinab zur Mutter, hinab! Oder in Richard Wagners unsterblichen Versen: Eins, zwei, drei im Sauseschritt saust die Zeit, wir sausen mitWeiterlesen

Sterbensschön: Brittens „Tod in Venedig“ an der Deutschen Oper Berlin

Vor der Schönheit dieser Musik werden auch geringere Schriftsteller als Gustav von Aschenbach krank: Zwar nicht mit Cholera, aber doch gesundheitlich angegriffen wohnt der Konzertgänger der Premiere des Tod in Venedig bei, mit dem die Deutsche Oper Berlin ihren Benjamin-Britten-Zyklus nicht vollendet, aber beschließt – nach vier von zwölf The_grand_canal_of_Venice_(Blue_Venice)_-_Edouard_ManetOpernVorläufig sei dieser Abschluss, orakelt Dirigent Donald Runnicles im Programmheft.

Im Tod in Venedig, Brittens letzter Oper von 1973, ist alles endgültig. Das Pendel, das bekanntlich schon in Thomas Manns Erzählung zwischen schwulem (genauer: päderastischem) Begehren und Todesvision hin und herschwingt, schlägt hier stärker in die letale Richtung aus. Weiterlesen

19.2.2017 – Sprachlos: Scartazzinis „Edward II.“ an der Deutschen Oper

king_edward_ii_of_englandUm mal mit einer Äußerlichkeit anzufangen: Warum machen sich neue Opern gerne klein, indem sie auf eine Pause verzichten? Nun befinden wir uns im zweiten Jahr, da die Deutsche Oper Berlin höchst löblich beschlossen hat, alljährlich eine große Uraufführung zu stemmen. Und wie im letzten Jahr bei G. F. Haas‘ Morgen und Abend vergehen auch heuer bei Andrea Lorenzo Scartazzinis Edward II. neunzig ununterbrochene Minuten wie im Fluge.

Aber dass sie wie im Fluge vergehe, ist ein zwiespältiges Lob für eine Oper, zumal wenn der Regisseur Christof Loy sie im Interview gar mit Giacomo Meyerbeers Grand Opéra Die Hugenotten vergleicht. Weiterlesen

Taststörung

Zu den unangenehmsten Kindheitserfahrungen gehören Erwachsene, die einen ungefragt anfassen.

pompeo_batoni_-_dido_and_aeneas_1747Auch im Konzert und in der Oper kann man, nebst Hörstörungen und Sehstörungen, solche Taststörungen erleben. Nur dass die Taststörung nicht unbedingt vom Nachbarn ausgeht, mit dem in Körperkontakt zu treten man genötigt ist, sondern von den Künstlern verschuldet wird: Etwa wenn das Publikum im Radialsystem beim Rameau-Gastspiel von Teodor Currentzis‘ MusicAeterna (2015) Ringelpiez mit Anfassen spielen soll.

Etwas Ähnliches war nun in der Tischlerei der Deutschen Oper zu erleben: bei Dido, Henry Purcells Meisterwerk reloaded beziehungsweise bruchgelandet. Weiterlesen

23.12.2016 – Weihnachtsbrätlich: Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mit RSB und Janowski

Richard Wagner,  Richard Strauss … was kann danach noch kommen?

Humperdinck.

Nach dem schon legendären Wagnerzyklus und zweimal Strauss wagt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski sich wieder an eine konzertante Opernaufführung. Auf den Tag genau 123 Jahre nach der Uraufführung durch die Staatskapelle Weimar unter Richard Strauss gibt es in der Philharmonie Engelbert Humperdincks Kinderstuben-Weihfestspiel Hänsel und Gretel.

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18.12.2016 – Adventsknusprig: Humperdincks „Hänsel und Gretel“ an der Deutschen Oper

Am vierten Advent geht’s mit Opa in die Oper! Und selbstverständlich auch mit den Kindern.

hansel_und_gretel2Dass Donald Runnicles seinen Vertrag als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin kürzlich bis 2022 verlängert hat, ist schon deshalb erfreulich, weil er nicht nur interessante Premieren macht, sondern auch regelmäßig angejahrte Repertoire-Ware entstaubt und musikalisch aufpoliert. Am vierten Advent nun passenderweise einen vorweihnachtlichen Klassiker: Andreas Homokis phantasiereiche tannengrün-kerzenrote Inszenierung von Engelbert Humperdincks Kinderstubenweihfestspiel Hänsel und Gretel, in der die Engel wie Roncalli-Clowns aussehen.

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23.11.2016 – Stilbruchreich: Meyerbeers „Hugenotten“ an der Deutschen Oper

Gut, das Ding muss, wer sich nur einen Deut um die liebe Oper schert, gehört haben. Schon die Ouvertüre. Nicht nur weil die Anklänge ans Tannhäuser-Vorspiel direkt ins Ohr springen. (Nein, liebes Ohr, es ist umgekehrt: die zehn Jahre später geschriebene Tannhäuser-Ouvertüre erinnert an die Hugenotten.) Sondern auch weil Meyerbeer sich Luthers Ein feste Burg ist unser Gott zum Thema seiner Ouvertüre gewählt hat. Der Choral begegnet dann im Verlauf der Oper immer wieder, auch wenn leitmotivisch etwas viel gesagt wäre.

francois_dubois_001In katholischen Ländern stieß man sich heftig am Sujet von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots (1836), dem Protestantenmassaker der Bartholomäusnacht im Jahr 1572. In Wien und Mailand etwa wurde kreativ umgedichtet (Die Ghibellinen in Pisa).

Aber was sollen dann erst die Protestanten sagen? Weiterlesen