Prophetenmütterlich: Meyerbeers „Le Prophète“ an der Deutschen Oper

Sind die Täufer nicht slightly aktueller als der olle Luther? Nicht die Täufer im allgemeinen, sondern die von Münster, wie die Nachwelt (oder die Siegergeschichtsschreibung) sie darstellte: eschatologisch, apokalyptisch, menschheitserlösend, durchgeknallt, blutrünstig. Diese Art von Wiedertäufern gibts ja bis heute, sie führen Endzeitkämpfe aller Art. Sie haben das 20. Jahrhundert versaut, heute schneiden sie Ungläubigen die Köpfe ab oder wollen hierzulande unsere Kultur von Fremdkörpern reinigen.

Kein Wunder also, dass Giacomo Meyerbeers Le Prophète (uraufgeführt 1849, 14 Monate nach der Verfassung des Kommunistischen Manifests) derart knackt. Wenn die Aufführung so gut ist wie an der Deutschen Oper Berlin. Weiterlesen

23.11.2016 – Stilbruchreich: Meyerbeers „Hugenotten“ an der Deutschen Oper

Gut, das Ding muss, wer sich nur einen Deut um die liebe Oper schert, gehört haben. Schon die Ouvertüre. Nicht nur weil die Anklänge ans Tannhäuser-Vorspiel direkt ins Ohr springen. (Nein, liebes Ohr, es ist umgekehrt: die zehn Jahre später geschriebene Tannhäuser-Ouvertüre erinnert an die Hugenotten.) Sondern auch weil Meyerbeer sich Luthers Ein feste Burg ist unser Gott zum Thema seiner Ouvertüre gewählt hat. Der Choral begegnet dann im Verlauf der Oper immer wieder, auch wenn leitmotivisch etwas viel gesagt wäre.

francois_dubois_001In katholischen Ländern stieß man sich heftig am Sujet von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots (1836), dem Protestantenmassaker der Bartholomäusnacht im Jahr 1572. In Wien und Mailand etwa wurde kreativ umgedichtet (Die Ghibellinen in Pisa).

Aber was sollen dann erst die Protestanten sagen? Weiterlesen

18.10.2015 – Ruhmesnärrisch: Meyerbeers „Vasco da Gama“ an der Deutschen Oper

Giacomo Meyerbeer kehrt heim! Wenn auch nicht nach Rüdersdorf, wo er 1791 als Jakob Meyer Beer geboren wurde, sondern in die nächstgelegene größere Ortschaft, nach Berlin.

Auch wenn von den (grob geschätzt) acht Meyerbeer-Experten in deutschsprachigen sozialen Netzwerken drei stinksauer, drei zwiegespalten und nur zwei hellauf begeistert sind, weiß die Neu-Inszenierung des Vasco da Gama in der Deutschen Oper den Meyerbeer-Neuling einzunehmen. Man ist sowieso gut gestimmt, weil das Gesamterlebnis Deutsche Oper wieder mal rundum erfreulich ist: Unerschütterlich zuvorkommend gibt das Garderobenpersonal die olle Tüte mit den pappigen Käsebrötchen heraus, die der Konzertgänger und seine Frau für die wagnerlangen Pausen eingesteckt haben.

Aber schon vor dem ersten Brötchen, nach den ersten 120 Sekunden Musik, in denen Meyerbeer an Horn und Harfe nicht spart, ist die Frau des Konzertgängers (für die Berlioz‘ Trojaner der Höhepunkt der Operngeschichte sind) rundum verzückt. Zwar gibt es im Lauf der knapp fünf Stunden noch diese und jene Durststrecke zu überstehen, etwa das obligatorische Trinklied im 3. Akt. (Elende, öde Trinklieder in der Oper des 19. Jahrhunderts, bis zu Cavalleria rusticana! Ausgenommen natürlich das Brindisi in La Traviata.) Die Musik hat vielleicht nicht die Poesie der Trojaner, ist gelegentlich etwas behäbig und nicht gerade melodienselig, über weite Passagen geradezu rezitativisch. Aber das nimmt man gern in Kauf für göttliche Minuten wie das Finale des 2. Akts mit Septett, famosem Chor, Harfe und Englischhorn. Im 4. und 5. Akt nimmt die Musik dann endgültig Fahrt auf: Der Hörer bekommt nicht nur seine Bravour-Arien geliefert, sondern vor allem eine ungeheure musikalische Verdichtung, während sich das Geschehen vom Weltumsegelnd-Heroisch-Politischen zum Intim-Psychologisch-Erotischen zuspitzt. (Darf man das so verquast schreiben? Bei einem Libretto des berüchtigten Theatergroßindustriellen Eugène Scribe bestimmt.) Das Orchester der Deutschen Oper unter dem katalanischen Dirigenten Enrique Mazzola, einem Kusshände werfenden Meyerbeer-Spezialisten mit roter Brille und Krawatte, überzeugt auf ganzer Linie, vom breiten Klangpinsel über das trillernde Horn bis zum mitsingenden Englischhorn.

Featured imageVasco da Gama heißt erst seit 2013 so, vorher lief die Oper 150 Jahre lang unter dem Titel L’Africaine. Das mag philologisch falsch sein, aber wäre moralisch immer noch in Ordnung, denn Vasco ist einer der närrischsten Tenöre im an närrischen Tenören nicht armen 19. Jahrhundert, eine ruhmsüchtige Nervensäge, die die Wilden anfleht: Nehmt mir mein Leben, aber nicht meinen Ruhm! Am Ende verjagen ihn die liebenden Frauen von der Bühne, um die Sache unter sich auszumachen. Roberto Alagna singt diesen Nieselpriem mit bewährtem Schmettertenor und absolviert die Arie Pays merveilleux – O paradis tadellos.

Überhaupt machen in dieser Oper die Männer mit schönen Stimmen schlechte Figuren: Seth Carico gibt den boshaften Dummkopf Don Pedro, Dong Hwan-Lee den Großinquisitor mit Junta-Sonnenbrille, ähnlich fies, wenn auch nicht ganz so diabolisch wie sein Amtskollege in Don Carlo. Auf weiblicher Seite gibt Nino Machaidze mit artistischem, zunächst etwas schrillem, später strahlendem Sopran Vascos erste Geliebte Ines.

Zwei überragende Sänger stechen aus dem guten Ensemble deutlich hervor: Die großartige Sophie Koch mit wahrhaft königlichem Mezzosopran als Selica, die indische Afrikanerin im Hippiefummel, die zuerst als Sklavin gedemütigt und zwangschristianisiert wird, später als Herrscherin die grausame Rache abnickt und schließlich ihrer Liebe souverän entsagt und in den selbstgewählten Tod durch Manzanillobaumdüfte schreitet. Und der hauseigene Bariton Markus Brück in der Rolle des Nelusco, der interessantesten Figur des Stücks, trunken von Hass und übervoll von Liebe zugleich. Packend, wie er den todbringenden Sturmgott Adamastor besingt (man sollte einmal eine Abhandlung über diabolisches Lachen in der Oper schreiben), berührend, wie treu und hoffnungslos er seine Königin liebt. Nie wird er mit ihr die Rosenmatratze teilen, den Hauptschauplatz der letzten beiden Akte.

Dass dieses exotische Liebes-, Glaubens- und Herrschaftszentrum wie eine Riesenpizza aussieht, ist vielleicht ein kleiner Missgriff des soliden Regieteams um Vera Nemirova. Dass die vollständige Weltkarte als Bühnenbild einer Oper, in der es um unbekannte Welten geht, etwas widersinnig ist: geschenkt, ebenso wie die ziellos umherirrenden Flüchtlinge, deren Kostüme aus einem geplünderten Lageso-Sack zu stammen scheinen. Aktualisierung, die keinem wehtut. Der Grundgedanke der Inszenierung wirkt sehr schlüssig: dass hier eine DNA-tief gewalttätige Gesellschaft auftritt, die mit Fug und Recht ihr grausames Ende findet, als sie von Meyerbeer-Scribes obskuren afrikanisch-indisch-außerirdischen Wilden wegmassakriert wird. Nur die ruhmsüchtige Entdeckerpfeife geht unverdrossen ihrer Wege.

Vasco da Gama hat als unvollendetes, erst posthum aufgeführtes Werk sicher eine Sonderstellung in Meyerbeers Œuvre. Man kann gespannt sein auf die nächsten Jahre, in denen die Deutsche Oper die großen Schlager der Grand Opéra inszenieren wird, deren Titel man kennt und deren Musik man nie gehört hat.

Zur Deutschen Oper. Letzte Aufführung in dieser Saison am kommenden Samstag, 24.10.

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