Pistolblumig: Cuarteto Casals spielt Beethoven und Casablancas

Zugegeben eine Herausforderung, im 21. Jahrhundert ein Streichquartett zu schreiben, um es zwischen Beethoven-Streichquartetten spielen zu lassen. Man würde sich fast wünschen, dass mal ein verblendeter Komponist Beethoven tolldreist die Pistole auf die Brust setzte, um ihm zu zeigen, wer der Größte ist. Aber die meisten Komponisten, die das Cuarteto Casals im Rahmen seiner über mehrere Jahre laufenden Aufführung sämtlicher Beethovenquartette beauftragt hat, gehen behutsamer zu Werk, tastender – naja, nachvollziehbar. Da war im Kammermusiksaal schon manches Interessante zu hören, aber auch allzu Zurückhaltendes. Bei dem spanischen Komponisten Benet Casablancas liegt der Fall jetzt etwas anders: Sein neues 4. Streichquartett ist trotz des beiläufig scheinenden Titels Widmung keine Petitesse, sondern ein Werk.

Zu Beginn treffen da kurzatmige Zittertöne auf lange Striche, dann geht es mit unermüdlicher Energie und großem Farbenreichtum weiter, oft schrill, aber nicht destruktiv: Wenn es kratzt, dann nie an der Oberfläche. Unmöglich, das Ganze bei einmaligem Hören zu erfassen. Darum die Konzertchecker-Fragen: Erlahmt das Interesse beim Hören? Nein, beim Konzertgänger nicht. Möchte man es wiederhören? Ja, der Konzertgänger sehr gern.

Man könnte den Titel Widmung auf die missglückte Reaktion des Beethoven-Freundes Zmeskall auf dessen Widmung des f-Moll-Streichquartetts opus 95 beziehen: eine Kiste Wein als Dankeschön für das, was von gebrochenem Herzen kommt. Dass dieses letzte der mittleren Quartette serioso ist, hört man auch ohne den albernen, fast verharmlosenden Beinamen. Den harschen Unisono-Beginn knallt das Casalsquartett wie aus der Pistole geschossen dahin. Man versteht schon, dass die Wiener anfingen, Beethoven rau, bärbeißig, unzugänglich zu finden. Aber, im Kontrast zur Italienermode, ein unmelodischer Pedant? Da ist ja etwa dieses Fugato, das im zweiten Satz von der Bratsche ausgeht, voller Dissonanzen und doch so eine Art Obertonbelcanto. Der jubelsausende Schluss des düsteren Werks verstört noch heute.

Mutig, sagt ein Herr nach dem ersten Satz. Er meint jedoch nicht den Herrn Beethoven und auch nicht das Cuarteto Casals, das sowohl im Kantigen als auch im Zerbrechlichen volles Risiko geht – sondern eine Besucherin, die ihr Baby im Tragetuch mitgebracht hat. Ungehörig sei das, brummelt ein anderer Herr und plappert und klappert auch sonst reichlich, alles während der Musik; während andere Erwachsene stundenlang Bonbons aus Knisterpapier wickeln. Aber die Babies!

Was hätte Beethoven denen wohl gehustet? Denn die hohe Bonbonauswickelfrequenz hätte der Taube noch bis an den Rand des Währinger Grabes vernehmen können.

Da schrieb er die letzten Quartette, vieles auf Hochknisterfrequenz, so auch im sechssätzigen B-Dur-Quartett opus 130. Melodischer Unpedantismus auch hier in der betörenden Cavatina (Satz 5), freilich großteils im Tonumfang der menschlichen Stimme, die Beethoven nicht mehr hören konnte. Aber schon der Kopfsatz beginnt ja wie aus der Herzblumenpistole gesummt. Immer wieder blüht der Gesang in diesem unübersichtlichen Satz, dem das extrem kurze, sehr witzige Presto folgt: Der beste Geniestreichemacher der Welt, ratet mal, wer das ist. Die Wärme, ja Güte des beglückenden dritten Satzes wirkt so einfach und natürlich, dass man die darin steckende Kunst fast vergisst.

Immer etwas Bammel vor der Großen Fuge – denn dieses legendär-gefürchtete Originalfinale spielen Los Casalsos. Auch dem Baby wirds jetzt zu bunt, es verlässt mitsamt Mutter den Saal. Wahrscheinlich wäre ihm das gefälligere, das Werk weniger erdrückende Rondo-Finale lieber, mit dem Beethoven kurz vor Exit das Fugenfinale ersetzte. Aber hier muss der Konzertgänger dem Baby widersprechen: Da würde dem Werk was fehlen – eine Welt.

Die vier Casalsi spielen den Satz als eine Art großen, universalen, grenzenlosen, dabei aber ungeheuer durchhörbaren Roman. Kein kontrapunktisches Monstrum ist das und ohne diese demonstrative Schroffheit, mit der man sonst manchmal niederkartätscht wird, als wärs die Hammerkanonenstreichsonate. Der berührenden Schönheiten und überraschenden Klangfarben ist hier kein Ende. Der späte Beethoven war eben doch kein Kinderschreck.

Und auch kein Seniorenschreck. Ich habe in der Homogenität gebadet, sagt eine Dame im besten Alter beim Hinausgehen. Die Beethoven-Interpretationen des Cuarteto Casals sind von sanfter, fast untertreibender, im besten Sinn bescheidener Autorität. Wiederzuhören am 13. Februar und am 9. Mai nächstes Jahr.

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