KURZ UND KRYPTISCH (4): Schütz und Brahms-Requiem mit Jurowski, RSB, Cantus Domus

KURZ UND KRITISCH hieß einst eine Rubrik im Tagesspiegel, die es leider nicht mehr gibt. Da aber k & k immer fein ist, rezensiert der Konzertgänger, wenn er wenig Zeit hat, auch mal KURZ UND KRYPTISCH. Heute: Das Rundfunk-Sinfonieorchester und Cantus Domus führen Heinrich Schütz und Brahms‘ „Deutsches Requiem“ auf.

Ein Requiem zu hören, erst recht im November, kann eine sehr persönliche Sache sein. Vielleicht hat jeder Zuhörer in der vollen Philharmonie im Herzen einen speziellen, lieben Menschen dabei, an den er während des Konzerts denkt. Trotzdem soll nicht unnotiert bleiben, was für eine schöne Aufführung das ist mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) und seinem Dirigenten Vladimir Jurowski.

Und dem Cantus Domus, der zunächst a cappella Heinrich Schütz singt: den 8stimmigen Chor Wie lieblich sind deine Wohnungen und die 5stimmige Motette Die mit Tränen säen – Verse aus den Psalmen 84 und 126. Verse, die auch Johannes Brahms für sein Deutsches Requiem auswählte. Schütz‘ kunstvolle, feingliedrige Wortgestaltung klingt nach im brahmsschen Tränenzieher. Der Cantus Domus wurde 1996 als Laienchor gegründet, deutet den Text aber unter der Leitung von Ralf Sochaczewsky schnörkellos und glasklar verständlich – wunderbarer Chorklang! Ja, und sehr gern würde man öfter Schütz hören (wenn auch nicht in erster Linie im Großen Philharmoniesaal).

Bei Brahms tritt die von Vinzenz Weissenburger wohlpräparierte Vieldutzendschaft des Chors des Jungen Ensembles Berlin hinzu. Auch das RSB ist sehr groß besetzt – und klingt dennoch warm und persönlich. Denn Jurowski (verrückterweise 19 Stunden zuvor noch bei einer Aufführung von Henzes Bassariden am Komischen Opernpult) hält Maß auch in der Wucht, etwa im heftig niederschmetternden Denn alles Fleisch, es ist wie Gras. Matthias Goernes charismatischer Bariton ist ein uneingeschränkter Leidensmanngenuss, wenn man es als Hörer wie hier mit Texten zu tun hat, deren Wortlaut recht bekannt ist. Im Solo der Sopranistin Maria Bengtsson aber singt der Chor die Worte aus Jesaja, die den Konzertgänger an diesem zährenden Sonntagnachmittag am innigsten angehen: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

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