Walla! Walküren und andere Wale beim BAM!-Festival

Wagnerianer wagt sich an „zeitgenössisches Musiktheater“ heran

Endlich eine gelungene Inszenierung der Todesverkündigung! Leider nicht im milleschweren Regie-Murks an der Staatsoper Unter den Linden, wo der aktuelle Ring des Nibelungen (musikalisch famos) gerade zum letzten Mal läuft. Dafür, wer hätte das gedacht, beim BAM! Berliner Festival für aktuelles Musiktheater an der Volksbühne Berlin und ein paar anderen Berliner Spielstätten. The Whale Whale Song nennt sich da ein neues Stück eines Kollektivs mit dem feinen Namen Hauen und Stechen, das in freier Assoziation durch alle Walgeschichten der Welthistorie flukt – inklusive Wagners Wal-Küre.

Und da hört man, dass die wirklich gut singen können, allen voran die Sopranistin Angela Braun als Brünnhilde – aber sie tun es so, wie sie wollen, von einem Klavier begleitet, schlüssig durchrhythmisiert und immer im Kreis um eine Art Mehrzweck-Seeigel. Und während sich die ausgesprochen komische Performerin Gina-Lisa Maiwald schließlich noch als beleidigter Siegmund in den Seeigelstacheln windet, verwandelt sie sich schon in den fluchenden Pinocchio. Schließlich landet der auch mal im Bauch eines Wals.

Im ausgesprochen kurzweiligen Schweinswalgalopp geht es in The Whale Whale Song quer durch die Best of Whales: die biblische Mär von Jona natürlich zuallererst und den Plot vom Pottwal Moby Dick. Und quer durch die Gänge und Foyers der Volksbühne: Wie bei guten alten Avantgarde-Komponisten wie Helmut Lachenmann Instrumente auf jede erdenkliche Weise benutzt werden, außer wie gedacht, so bespielen Hauen und Stechen jeden Winkel des Theaters, auch Garderoben und Schränke, nur nicht die Bühne. Das verbogene Blechgebläse hallt in den Treppenhäusern aber auch zu schön! Und durch rot verglaste Fenster sieht man das olle Park-Inn-Hotel am Alex im Abendlicht, als würde es endlich verbrennen.

Und kreuz und quer gehts eben auch durch die Musikgeschichte: Neben improvisierten Klängen hören wir klassisches Opernrepertoire, aber in einer ganz eigenwilligen Mischung aus spürbarer Professionalität und gaudispritzendem Avanti dilettanti. Eine Händel-Arie ist dabei und der Frost aus Henry Purcells King Arthur und auch die geheimnisvolle Grottenszene aus Pelléas et Mélisande. Dass einem dann auch noch beglückende Wortkreationen wie taghell erloschen begegnen, macht die theatralische Ernte wirklich reich.

Denn man weiß bei so einem Festival ja nie so recht, ob man da an Wichtigtuer oder Junggeniüsse geraten wird. (Aber gut, es dürfen ja auch Stümper einen Staatsopern-Ring inszenieren.) Das BAM!-Festival dauert vom 26. bis zum 29. September und dürfte einen der Höhepunkte des Monats der zeitgenössischen Musik darstellen, den nicht zu verpassen nur noch kurz Gelegenheit ist. Vom guten alten Orpheus bis zu einer niederländischen Pornopera erstreckt sich das Programm, und ausgetragen wird das Ganze – yep, es gibt auch gute Lobbyisten – vom Verband „Zeitgenössisches Musiktheater Berlin“. Das verdient gewiss nicht weniger Aufmerksamkeit als die fette Wagner-Sause Unter den Linden.

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