Musikfest 2018: Melnikov beginnt

Dialektik des Musikfests Berlin 2018: Es beginnt, bevor es sich eröffnet. Letzteres am Samstag mit Daniel Barenboims Staatskapelle, Ersteres bereits am Freitag mit Alexander Melnikov am Klavier und Claude Debussy im Klavier. Debussy ist dieses Jahr einer der gefühlt 120 Themenstränge, die Musikfest-Leiter Winrich Hopp ohne Themenstrenge, aber desto raffinös-sinniglicher ineinanderknüpft.

Der Beginn ist exzeptioneller und zugleich entspannter als die Eröffnung, das wagt der Konzertgänger schon vor letzterer zu behaupten. Der Kammermusiksaal ist gutbesucht, aber nicht überfüllt, wenig Prominenz, dafür viel Fachverstand und Fachgefühl. Melnikov spielt an seinem eigenen Érard-Flügel Grand Modèle, gebaut um 1885, restauriert 2013 von Markus Fischinger. Sitzt auf einem schwarzen Lederstuhl mit Lehne. Liest Debussys Préludes vom Tablet, oder könnte lesen, wenn er wollte. Das Licht ist gedimmt. Der Stuhl knarzt.

Doch bevor er den ersten Ton anschlägt, sitzt Melnikov einen Moment in Denkerpose, die Hand am Kinn. Das Publikum nutzt die Bedenkzeit so töricht wie möglich, nämlich für ein Handybimmeln und ein Geröchel.

Was dann kommt, verblüfft und irritiert, wenn man Melnikov nicht schon kennt. Man darf sich von seiner betulichen Körpersprache nicht täuschen lassen. Sein Debussy scheint extravagant bis bizarr.

Bei den stärker stimmungsbildlichen Stücken aus dem 1909/10 komponierten Livre I der Préludes (etwa Des pas sur la neige oder La Cathédrale engloutie) wirkt Melnikov introvertiert. Er taucht tief in die Musik ein, sein Spiel wirkt warm und weich, ohne diese demonstrative Kühle und Klarheit, mit der manche Pianisten bei Debussy das „Impressionistische“ und „Verschwommene“ zu vermeiden suchen wie der Abstinenzler das Geistwasser. Dennoch hat Melnikovs Spiel nichts Klischeehaftes, zu eigensinnig und tief ist es dafür. Kontraste können als plötzliche, manchmal erschreckende Ausbrüche auftauchen.

Sébastien Érard

Und dann ist da dieser extrem reizvolle Klang des Érardflügels. Wäre es nicht unzulässig gegenüber einem Pianisten von Melnikovs Format, würde man den Érardklang die größte Attraktion des Abends nennen wollen. Das Ding ist mit seinem Holzkorpus (für weitergehende Informationen befragen Sie den Klavierfex Ihres Vertrauens) traumhaft resonanzreich. Tönt fast zu schön für diese Welt. Dabei ist es grundsätzlich leiser als ein moderner Konzertflügel. Doch die Unterschiede schlagen stärker aus, jede Nuance scheint ein anderes Register. Die Mittellage dominiert, und Melnikov lässt das Instrument in dieser Gegend aus voller Kehle singen. Die hohen Töne sind hingegen so silbrig, dass neuere Instrumente vergleichsweise aseptisch wirken. Im Bass aber ist immer etwas Dissonantes beigemischt, das, ohne dass der Pianist laut oder gar dröhnend spielen müsste, sehr harsch wirken kann. Oder auch, wenn leise getupft, unvergleichlich lakonisch. Diese „schiefen“ Töne sind in den Minstrels dämonisch charmant. Und sumpfig mysteriös, wenn die Kathedrale wieder in ihrer undurchsichtigen Tiefe versinkt.

Allfällige Bedenken in Sachen Verschwommenheit versinken ihrerseits im Livre II (1911-13), dem pianistisch anspruchsvolleren späteren Teil der Préludes, der orchestral und teils stravinskynky ist. Die Brouillards sind äußerst deutlich, ohne kühl zu wirken. La Puerta del vino brodelt, immer dicht vor der Explosion. Melnikovs Abstufungen wirken riskant und doch perfekt, man spürt seine Vertrautheit mit dem Instrument. Die Töne scheinen bald aus großer Ferne zu kommen, bald springen sie dem Hörer direkt an die Kehle. Aber immer ist das kontrolliert, nie fällt es auseinander. Beim exzentrischen General Lavine brennt die Bude. In La Terrasse des audiences du clair de lune rieselt der Mondschein aus dem Nichts herab.

Die Husterei möchte man in diesem Stück ja gern als historisch authentisch nehmen. Zu Debussys Zeit saßen gewiss viele Schwindsüchtige und Tuberkulöse um den Érard herum. Doch insgesamt ist schon zu konstatieren, dass das Publikum ungezogen ist. Namentlich das Kommen und Gehen ist eine Zumutung.

Melnikov trägts mit Fassung. Als Zugabe spielt er The Little Shepherd aus Children’s Corner, und dieses Hirtlein flötet so extravagant spannungsgeladen, mit solch bizarr scharfen Punktierungen – ja, das ist nun wirklich nicht der Flügel, das ist der Pianist. Ein Charakter.

Der Beginn ist vorbei, am Samstag eröffnet Barenboim mit einem Stravinsky-Ritual und Boulez, zwei weiteren Themensträngen des Musikfests.

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