Labyrinthesk: Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden mit Daniel Barenboim und Maurizio Pollini

Vielleicht das Schönste: Das erste Abokonzert in der vortags mit Pomp & Schmackes wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden fühlt sich nicht an wie eine zweite Pomp & Schmackes-Wiedereröffnungs-Sause. Sondern wie ein Abokonzert. Gut so, Kunst als Alltag, nicht als Staatsaffäre.

Natürlich schaut man sich dennoch vorher neugierig um. Tritt vorsichtig auf und traut sich gar nicht, irgendwohin zu fassen, nachdem man das mit den 400 Millionen gelesen hat. Nicht dass man achtlos irgendwohin patscht, und schon ist sie wieder weg, diese halbe Sekunde Extra-Nachhall! Über die das halbe Land sich mokiert, die aber für einen Musikliebhaber die Welt bedeutet.

Das Gold funkelt frisch, der Apollo-Saal strahlt in neuem Glanz, im Treppenhaus ragen noch rosa Kabel aus der Wand. Der Saal selbst ist immer noch schnuckelig. Anscheinend kleiner als er früher war. Aber nicht nur, weil er in sieben Schließjahren in seinem Weltrang groß und größer geredet wurde und in der sich verschattenden Erinnerung allmählich die Dimensionen der Wiener Staatsoper annahm, der Scala, des Bolschoi. Sondern auch, weil er in Wahrheit im Gegenteil gewachsen ist: Die Decke ist ja hübsch nach oben gelupft, als hätte ein japanischer Koch ein Wachtel-Ei an der Spitze kunstvoll aufplatzen lassen. Die Streckung lässt den Raum schrumpfen. Über dem dritten Rang jetzt ein merkwürdiges Gitter, ein Stilbruch, aber stilecht wäre ja noch bedenklicher. Neben dem Rosettendingsbums an der Decke gewähren zwei kleine Dreiecke Einblicke ins Dachstübchen.

Der Konzertgänger mag und kann nicht, wie ein Sammler die Briefmarke, das große Ganze taxieren. Das bauliche Ergebnis ist harsch kritisiert worden (Uwe Friedrich im Deutschlandfunk), auch äußerst harsch (Manuel Brug ungerecht, aber witzig in der WELT). Der Tagesspiegel hat sich um Ausgewogenheit bemüht und auch die vielfach unterschlagene Leistung der Bauleute und Restauratoren gewürdigt. Und: Ästhetische und technische Kompromisse sind ja schnell kritisiert, aber dass es für Kompromisse oft gute Gründe gibt, ist ebenso schnell vergessen. Nicht der erste Eindruck ist entscheidend, sondern wie sich das Gesamtpaket auf Dauer bewährt.

Nachtrag: „Es wäre fahrlässig gewesen, diesen Erinnerungsraum auszuschaben und all jene zu kränken, denen er etwas bedeutet“, schreibt Jan Brachmann in der FAZ: „Das Geldausgeben hat sich gelohnt.“

Nur dass, bei allen noch zu sehenden Provisorien, der Brandschutz funktioniert – das hofft man doch. Denn die Saaltüren gehen von innen nicht auf. Eine gleichnishafte Szene ereignet sich vor Konzertbeginn: Eine Dame im Parkett, der vielleicht blümerant geworden ist, will den Saal verlassen, bekommt aber die Tür nicht auf. Da springt der alte Intendant Jürgen Flimm, der immer links am Rand sitzt, hilfsbereit auf. Aber auch er schafft es nicht, die Tür zu öffnen. Geht zur nächsten Tür, versucht sie zu öffnen, scheitert wieder, und zur nächsten, scheitert.

Der Intendant gefangen in seinem Labyrinth (ein vergessener Gemeinschaftsroman von Gabriel García Márquez und Jorge Luis Borges).

Schließlich aber kommt, wie Jupiter aus der Bühnenmechanik, ein rüstiger Rentner hinzu und wirft sich entschlossen mit der Schulter gegen die Saaltür: Befreiung! Und Flimm, der (bei aller künstlerischen Kritik der letzten Jahre) ein herzenswarmer Kümmerer zu sein scheint, begleitet die blümerante Dame noch nach draußen.

Und wie klingts nun, das erste Abokonzert?

Was die Interpretation angeht, bekommt man bei Daniel Barenboim, was man bei Daniel Barenboim erwarten darf: Grandezza und Spontaneität ohne übermäßige Detailversessenheit, vieles nicht gerade zu Tode geprobt, aber alles mit überwältigender Musikalität und unnachahmlichem Sinn für große Bögen.

Am Anfang Jörg Widmann, der lebende Komponist für alle Fälle (dennoch für manche hörfaule Festgäste zu starker Tobak). Zweites Labyrinth für Orchestergruppen stammt von 2006, also wohl noch aus der Phase vor Widmanns Richardstrausswerdung. Vor dem Dirigenten verläuft eine silberklingende Hauptachse mit je zwei Flügeln und Harfen, ungarischem und weißrussischem Cymbal (Preisfrage: welches ist ungarisch, welches weißrussisch?), Zither und mexikanischer Riesengitarre. Dahinter Sortierung nach Gruppen, keine tiefen Streicher, viele tiefe Bläser, dazu Piccoloflöten. Typischer Widmann-Eindruck fürs Konzertgängerohr: viele Klangzaubereien, wenig Magie. Toll wärs gewesen, für dieses erste Abokonzert mal einen Klopper von Zeitgenössisch zu bringen: Isang Yun etwa. Oder mal Ferneyhough!

Ein weiterer Einwand: Zweites Labyrinth ist eine Raumkomposition, die Orchestergruppen sollen das Publikum umzingeln, das sich dann im Labyrinth verlieren möge. Vielleicht hat der Pragmatiker Widmann die Aufführung vom Podium aus zugelassen, aber es wirkt doch schal, wenn man im Programmheft liest, der Hörer könne so das Labyrinth dafür aber von außen betrachten und belauschen.

Am Rande sei bemerkt, den Effekt des Verirrtseins und der Orientierungslosigkeit eines Labyrinths erlebt der gemeine Konzertgänger auch bei Brahms …

Maurizio Pollini spielt außer Konkurrenz. Denn nicht nur die Erinnerungen an Pollinis Lebensleistung rühren das Publikum, sondern auch seine würdevolle Erscheinung, wie er im mittlerweile etwas schlottrigen Frack zum Steinwayflügel hastet. Wacklig auf den Beinen, aber so eilig wie eh und je. Die technische Unfehlbarkeit von anno dunnemal ist fort, und Pollini spielt das Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann gewiss nicht ohne eine gewisse Routine. Aber hey, die Routine von Maurizio Pollini ist etwas anderes als die Routine von Albrecht Selge, Lieschen Müller oder Kevin Knautzke.

Umgekehrte Empfindung wie zuvor: keine Zaubereien, dafür Momente von Magie. Die Kadenz im ersten Satz, der grazile Beginn des Intermezzo. Die Staatskapelle begleitet und interagiert so bieg- wie achtsam, wenn auch (des gedachten wir schon) nicht gerade zu Tode geprobt. Manches läuft doch arg auseinander.

Aber niemand kratzt sich so schön wie Barenboim im lyrischsten Moment am Hinterkopf.

Und Donnerlüttchen, Barenboim dirigiert sogar ein ausuferndes, verschachteltes, oft scheinbar zusammenhangloses Werk wie Claude Debussys Images pour Orchestre auswendig. Bei diesem Farbenwunder ist die Staatskapelle in ihrem Element, die Solisten sind sowieso spitze, und eine kompetente Bekannte des Konzertgängers lobpreist die unvergleichliche Intensität plus Homogenität der Streicher. Hier also Zaubereien und Magie.

Mit einem Wermutströpflein: Der Saal klingt natürlich viel besser als früher, nach prima Opernhaus, aber nicht nach großem Konzertsaal. Die Holzbläser dringen aus der Tiefe des Bühnenraums manchmal zu leise heraus, Leises klingt allzu fern, während Forte-Stellen durchaus knallig wirken, manchmal sogar schrill.

Mag am Platz im zweiten Rang liegen (der eigentlich akustisch vorteilhaft sein müsste). Mag auch sein, dass das Orchester sich noch einspielen muss in den neuen Saal. Und mag sein, dass die Verbindung mit Singstimmen anders tönt, und die wird ja die Hauptsache sein.

Und vielleicht wird akustisch noch nachjustiert? Denn bald wird das Haus ja wieder dichtgemacht, Samstagnacht, wenn Mehta und die Wiener Philharmoniker da gewesen sein werden. Das erste Abokonzert indes gibts heute Abend nochmal in der Philharmonie. Ab Dezember gehts dann regulär los, der Vorverkauf beginnt am Samstag.

Weitere Kritiken des Konzerts: Ehrw. Schlatz, Dr. mult. Göbel, Tagesspiegel

Hörstoff: die Playlist zur Staatsopern-Wiedereröffnung

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