Lippenhängend: Rattle kehrt mit Bachs „Johannespassion“ wieder

Neuer Chef trifft den alten? So ein Quatsch.

Hoppla, gleich nach dem Neuen ist der Alte da – und er ist immer noch der Alte, will heißen junggeblieben: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker eine Woche, nachdem es sein Nachfolger Petrenko tat. Und siehe, das verträgt sich. Welt-Kritiker Manuel Brug, an dem sich die Geister scheiden, hielt kürzlich der Musikkritik das hysterische Japsen über die Petrenko-Ankunft vor (auch mit Zitaten von dieser Seite, einem davon allerdings missverstanden). Brugs wohl wichtigster Punkt: Eine ihrer verlorenen Bedeutung hinterherjagende Musikkritik macht aus Kirill Petrenko den Heiland schlechthin! Und verteufelt allen Ernstes bereits jetzt Simon Rattle, dem sie vorher noch ähnlich albern zugejubelt hat, macht ihn klein, und den aktuellen Nachschöpfer zum angehimmelten Gott. Offenbar wird das immer noch so gebraucht. Ein Ersatz-Christus muss sein.

Recht hat er. Dann lieber den richtigen Christus. Johannespassion. Bach.

Man könnte die Wiederkehr von Peter Sellars‘ Bach-„Ritualisierung“ von 2014 als Mitbringsel aus der Best-of-Rattle-Kiste betrachten, quasi Geschichtsschreibung. Aber für den Konzertgänger, der 2010 doch schwer beeindruckt die verpetersellarste Matthäuspassion sah, ist es die Erstbegegnung mit dieser Johannesversion. Die wirkt gerade anfangs ernüchternd, später doch stellenweise ergreifend.

Die philharmonische Combo (inklusive alten Instrumentariums mit Laute, Gambe usw) bildet einen Halbkreis zur Rechten, der Chor kommt von links und ist dauernd und überall in Bewegung. Dass auch je eine Oboe und Flöte sich zunächst hinter dem Chor platzieren, stärkt das dramatische Kreuz und Quer.

Ex-Chefdirigent über Krikerjapsen

Nur Simon Rattle wird noch mehr unterwegs sein als der Rest. Der Begrüßungsapplaus ist, zum Glück ohne zu hysterisieren, stark und spürbar herzlich. Sein Dirigat hat Rattle inszenierungsbedingt im 360°-Stil zu absolvieren, ohne dass ihn das zum Mittelpunkt machte, wie es in der Adventszeit Robin Ticciati beim Messiah (unwillentlich) passierte.

Freilich, dass der Rundfunkchor im Herr, unser Herrscher erstmal im Liegen zu singen hat und auch später quickmobil ist, führt zu gelegentlichen Kollateralturbae. Wenn er aber klassisch aufgestellt ist wie zu Beginn des Zweiten Teils, entfaltet sich das Können dieses grandiosen Chors in seiner herrlichsten Pracht (Einstudierung Simon Halsey): Das ist was, dieser ständige erzgenaue Wechsel von Chorälen, die so berührend schlicht sind, wie es schlichte Gemüter nie hinbekämen, und vertracktem Aufruhr. Das aufschießende töten, das geschmeidige Zischen von bist du nicht seiner Jünger einer oder Gesetze. Alles auswendig übrigens.

Ernüchternd sind zunächst die von Sellars vorgegebenen Trockenschwimm-Übungen und das arg beliebige Aufstehen und Hinlegen. Dass die Arme der Sänger manchmal ungeplant individuell herumrudern, ist ganz gut, so siehts weniger nach DSDS aus. Aber wenn später die angefochtnen Seelen auf die Ränge eilen und von dort ihr Wohin, wohin wispern, so dass es den Hörer aus allen Richtungen ereilt, verwirrt, verzweifeln lässt: Dann ist man doch heftig gepackt.

Vor allem aber wird die Showse, nebst der eindringlich gespaltenen Kollektivpersönlichkeit des Rundfunkchors, von den höchst individuellen Solo-Sängerpersönlichkeiten beseelt.

Tenor Mark Padmore agiert im 7200°-Stil, allerorten und nirgends, und gestaltet überdeutlich, aber nie manieriert. In langen, langen Pausen ringt er um Worte, erreicht Höhen wie unter heftigen Schmerzen und kann das alles, was er hier sieht und wovon er berichtet, nicht fassen. Man hängt an seinen Lippen und empfängt das ganz ausgebleichte Wort Schädelstätte und fast einen Schrei: Golgatha. Und wenn uns die Unfassbarkeit des Geschehens durch Mark und Bein geht, dann hat eine Bachpassion, wie sellars-ritualisiert auch immer, schon gewonnen. Padmore ist, man muss es sagen, der Evangelist aller Evangelisten.

Der Höhepunkt des Abends ereignet sich in der Verdichtung zwischen drei Gestalten und Stimmen im Zweiten Teil: neben Padmore die beiden Baritone Roderick Williams als Christus, ergreifend warm und von unaufdringlich vollkommener Diktion, und Georg Nigl, der für Christian Gerhaher eingesprungen ist. Nigl ist nicht Gerhaher, dafür Nigl: mit Tendenz zum Over-Acting in Gestalt und Stimme und doch je länger, desto unwiderstehlicher. Als Pilatus sitzt er zu Beginn des Zweiten Teils auf seinem Stuhl wie der wahre Angeklagte, ein weißes Hemd unter der schwarzen Jacke, während alle anderen Männer (Sänger, Choristen, Musiker, Dirigent) völlig schwarz gekleidet sind. Was ist Wahrheit, windet sich Pilatus von seinem Stuhl hinab zum am Boden liegenden, gefesselten Christus, dessen schwarz verbundene Augen ihn durchdringen. Schließlich fallen sie sogar halb ins Sprechen: redest du nicht mit mir, und Christus wispert mit ersterbender Stimme, du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben.

Ist diese dramatische Zuspitzung des Dialogs und zugleich seine Auslöschung ein unstatthafter Eingriff? Es stockt einem der Atem.

Der Vierte, Andrew Staples, ist bei dieser sängerischen Dreieinigkeit ein bisschen das fünfte Rad am Wagen. Aber während man in seiner Arie Ach, mein Sinn noch vor dem unverständlichen Stoß- und Schnappgesang zurückschrickt, ist Staples‘ Tenor danach, im Erwäge und dem Arioso Mein Herz, in dem die ganze Welt ausnehmend gut geführt und sehr befriedigend.

„Anbetung durch die Sängerinnen“ von Karlheinz Bottitschelli

Etwas Kummer der nicht beabsichtigten Art bereiten einem allerdings die Frauen. Dass Magdalena Koženás Figur den Christus derart sexuell begehrt, wie Sellars es sie in der Arie Von den Stricken meiner Sünden vorexerzieren lässt, ist durchaus kein Skandal: Es expliziert ja nur das Offensichtliche und Offenhörliche der ganzen Passion. Nur ob man das so flatterig singen sollte wie Kožená, ist die Frage. Ihr Es ist vollbracht wird dann, man muss es leider sagen, trotz wunderschöner Gambenbegleitung zu einem Tiefpunkt der Aufführung, mit Mega-Vibrato und Tiefen, die sich im Nirgendwo verlieren, sowie einem Held aus Juda-Mittelteil wie aus der Konfettikanone.

Freilich hat hier auch Sellars‘ Regie ihren Anteil, die die Sängerin allzu plakativ in ein knallrotes Kleid zwingt und maßlos herumhopsen lässt, als könnte intensives Begehren nicht auch anders Gestalt annehmen. Der Sopranistin Camilla Tilling zieht Sellars ein blaues Kleid an. Nun ja. Beide Sängerinnen sind barfuß, wie der Christus und diesem dadurch verbunden. Tilling, zwar ebenfalls nicht immer überzeugend, setzt ihr Vibrato durchdachter und flexibler ein (und verzichtet auch mal darauf). Abgeschmackt das Schluchzen im Ich folge dir. Enorm aber, wie sie dem Evangelisten schließlich das zerstückelte to-o-ot ins Gesicht spuckt.

Schon Padmore allein aber wäre ein Argument für diese Johannespassion. Der Rundfunkchor, Williams, Nigl sind weitere. Und wie hier einige Philharmoniker auf alten Instrumenten reüssieren, als kennten sie nichts anderes: die Bratscher Amihai Grosz und Ulrich Knörzer auf den Violen d’amore, der Kontrabassist Ulrich Wolff auf der Gambe oder Jonathan Kelly und Dominik Wollenweber auf Oboen d’amore und Oboen da caccia – das ist auch ein Ereignis.

Ob Rattle nächstes Jahr die Matthäuspassion wiederbringt? Die war, als Gesamtpaket, noch überzeugender. Gerade weil sie weniger dramatisch ist, lässt sich inszenatorisch Interessanteres mit ihr anstellen. Die Johannespassion gibts einstweilen am Samstagabend nochmal, auch in der Digital Concert Hall. Und wer sich in der Passionszeit richtig viel Johannespassion geben will, hat dazu Gelegenheit bei zwei experimentellen Terminen am 22. und 24.3. im Radialsystem und frei von Sellars-Schnickschnackschnuck am 25.3. im Konzerthaus mit der Akademie für Alte Musik und dem RIAS Kammerchor. Rattle aber dirigiert die Philharmoniker nächste Woche gleich nochmal, mit Robert Schumann und dem altersmelodisch gewordenen, junggebliebenen Helmut Lachenmann.

Dieser Bericht bezieht sich auf die Freitagsaufführung. Kritik zur Donnerstags-Aufführung: Stageandscreen. Tagesspiegel.

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