Rattle-Abschieds-Countdown ⑤④❸②①: Krystian Zimerman, Robin Hood & Co.

Vorletztes Sir-Chefdirigent-Programm in der Philharmonie, sechs Tage vor dem letzten Konzert, zehn Tage vor der allerletzten Waldbühnen-Sause: Am Abend der WM-Eröffnung hat Simon Rattle, scheidender Trainer der Berliner Philharmoniker, eine wild wuchernde Kunterbunter-Garten-Taktik ausgetüftelt. Tick, Trick und Track sind als magisches Dreieck dabei, Tom & Jerry als Flügelflitzer und Robin Hood im unwiderstehlichen Sturm.

Der ersten Halbzeit drückt indes der Pianist Krystian Zimerman seinen Stempel auf. Seine souveräne Spielgestaltung stellt er gleich bei den ersten Tastenkontakten in Leonard Bernsteins 2. Sinfonie „The Age of Anxiety“ (1949, rev. 1965) unter Beweis, indem er durch charmantes, aber deutliches Zurückhusten jene beiden Röchelbronchien entspannt, die das Konzertpodium in die Zange zu nehmen drohten.

Bernsteins so interessantes wie fernes Werk scheint viel von der Stimmung der Nachkriegsjahre einzufangen,in sozialpsychologischer und in musikalischer Hinsicht. Es beginnt in abgetöntem Blau, mit einem Duett von zwei Klarinetten. Walter Seyfarths eher grundierende, echoende Stimme klingt fast schöner als Ottensamers voransingende. Aber leiser klingt ja fast immer inniger; eine Erkenntnis, die in der eindrucksvollen Rattle-Ära nicht immer unbestritten galt. Die so klangschöne wie sortierte Darbietung dieser Bernstein-Sinfonie scheint mustergültig. (Eine literarische Chronik aus Konzertgängers Feder zum Rattle-Abschied gibts im aktuellen Philharmoniker-Magazin.)

Bernsteins  Sinfonie orientiert sich an einem Gedicht von W.H. Auden voller depressiver Weltbetrachtung aus einer New Yorker Bar heraus. Das Herz ist leer, das Glas umso voller. Im Verlauf des ersten Teils steigen die beiden Klarinetten sowie zwei Flöten auf, während das Klavier Ton für Ton absteigt. Der neben dem Pianisten sitzende Konzertmeister Daniel Stabrawa schaut in amüsierter Strenge Zimermans langsam abwärtsgehenden Fingern zu. Als der letzte Finger unten ist, nickt er zufrieden.

Dieser erste Satz droht mit seiner Vielfalt von 14 Variationen (die das flüchtige Ohr nicht leicht aufeinander bezieht) zu zerfallen, aber diese Flüchtigkeit, dieser Zerfall mögen ihren stimmungsgemäßen Sinn haben. Pianistisch hört man Prokofjew, auch das Dies irae klingt immer wieder an, ergo Rachmaninow; zwischendurch taucht plötzlich so ein atonaler À-la-Schönberg-Abschnitt auf. Der zweite Satz fasst die Sätze 2 bis 4 einer klassischen Sinfonie zusammen, und zwar mit einer direkten emotionalen Wucht, die der erste Teil nicht unbedingt erwarten ließ: Ein verzweifeltes Largo voller schneidender Klänge löst sich in eine Art Jazzband-Scherzo auf (Masque), für das Paukist und Kontrabass an die Rampe treten. Krystian Zimerman entpuppt sich hier aufs Imposanteste als ein gescheiterter Jazzpianist; was, um Missverständnissen vorzubeugen, als hohes Lob gemeint ist. Schön, wie ein Pianino von der Orgelempore dazutritt, klirrend und klimpernd.

Im Verlöschen von Konzertflügel und himmlischem Klimperpianino verpasst Bernstein einen tollen Schluss. Denn leider folgt eine wenig überzeugende Apotheose, die für den wiedergefundenen Glauben stehen soll, aber laut und wahr zu verwechseln scheint: der Versuch des Komponisten, im Lärm eigene Zweifel und Verzweiflung zu übertönen? Da wäre er nun nicht der Erste.

Nach Zimermans Auswechslung gehts im zweiten Konzertteil nach der Pause herrlich durcheinander. Drei kurze Uraufführungen aus der berühmt-berüchtigten Tapas-Reihe folgen, eine bitte nicht durch Klatschen zu unterbrechende Bonsai-Sinfonie, wie Simon Rattle (auf Deutsch!) anmoderiert. Der mit Abstand Unbekannteste der drei Komponisten hat das mit Abstand beeindruckendste Stück geschrieben: So meisterlich die Orchesterbehandlung und Klangfarbendramaturgie in Magnus Lindbergs Agile und Brett Deans Notturno inquieto sind, so wenig zwingend wirken diese Stücke im Ganzen. Ganz anders Andrew Normans Spiral, wo der Klang sich im Orchester hin und her kratzt und schraubt, erst sehr geräuschig, dann deutlich terzig. Ein charismatisches Stück.

Nach dem Triple stehen die drei Komponisten wie Tick, Trick und Track im Applaus. Simon Rattle überzeugt als Onkel Donald. Dass er auch listige Maus kann, zeigt sich in der Tom and Jerry-Suite nach Scott Bradleys Cartoonmusik. Den Maître de Plaisir gibt allerdings Publikumsliebling Joaquín Riquelme García, der hier seine Bratsche Bratsche sein lässt und sich nach hinten zum Schlagwerk begibt: um dort allerlei Scherz, Satire, Ironie, aber keinerlei tiefere Bedeutung zu betreiben. Es wird effektvoll perkussioniert mit Wasser, Tonnen, Tellern, Ritschen und Ratschen. Riquelme García schnarcht auch mal laut an den Pauken, am Ende jagt man sich gegenseitig raus. Wem könnte das keinen Spaß machen?

Und wer könnte Erich Wolfgang Korngolds Filmmusik zu The Adventures of Robin Hood (1938) nicht gerne und lustvoll hören? In Robin Hood and His Merry Men erwartet man jeden Moment den Rächer der Enterbten hereingaloppieren zu sehen, in der Love Scene fiedelt Stabrawa Lady Marian herbei. Und spätestens, als die Flöte sich der Solovioline unterlegt, für wenige Töne nur: da verdrückt doch manche Dahlemer Dame eine Träne beim Gedanken an ein wahres Leben, nämlich mit Errol Flynn im Sherwood Forest. Nur würde es da nicht nach Korngold klingen, schon gar nicht nach Korngold von den Berliner Philharmonikern gespielt, sondern die schnarrenden Schnaken bissen einen. Träumen ist besser als Erleben. Das ist doch eine glaubhaftere Apotheose als Bernstein: Alles ein Märchen. In Technicolor.

Möglichkeiten zur vertiefenden Nachbereitung: Statt sich von Schnaken beißen zu lassen, sollte die Dahlemer Dame lieber am nächsten Dienstag, den 19. Juni, ihre Korngold-Kenntnis im Kammermusiksaal erweitern. Am 21. Juni kann man indes die Musica reanimata besuchen, die für Korngolds Wiederheraufbeförderung Pionierarbeit geleistet hat und sich jetzt dem 90jährigen Exilanten Samuel Adler widmet.

Rattles prima Kraut-und-Rüben-Programm gibts indes am Freitag und Samstag nochmal, der letzte Termin mit anschließendem Late-Night-Farewell. Am 19. und 20. dann das letzte Philharmonie-Konzert mit Rattle als Chefdirigent und am 24. dann Zapfenstreich in der Waldbühne.

Kritik zum Samstagskonzert: Stage And Screen

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