Verlichtert: Rameaus „Hippolyte et Aricie“ an der Staatsoper Unter den Linden

Prima la luce, poi la musica e le parole; und Gedanken überhaupt nicht. Mit der Premiere von Jean-Philippe Rameaus Hippolyte et Aricie kommen die Barocktage der Staatsoper an diesem Wochenende so richtig ins Rollen. Leider prägt Ólafur Elíassons Licht-, Leucht- und Lampenkunst die Inszenierung aufs Unbeste, das Fazit fällt düster aus. Dafür erflackert aus der Begegnung des Freiburger Barockorchesters mit Simon Rattle ein strahlender Rameau. Und auch was das in der Oper unvermeidliche Gesinge angeht, für das die Regie sich nicht so zu interessieren scheint, ist hier mehr Licht als Schatten.

An sich wäre einem ja jede Art von Lichtkunst willkommen am Totensonntag (nur Weichovale sagen Ewigkeit), im lichtlosen Berliner Spätnovember, mit dem verglichen das Parsifal-III-Vorspiel ein Festival of Lights ist. Auf den Fotos sehen Elíassons Bühnen-Installationen grandios aus. Aber das ist vielleicht schon Teil des Problems. Denn auf der lebenden Bühne werden sie dem Zuschauer rekordverdächtig schnell sterbenslangweilig. Schon in der ersten Szene würgen die kreuz und quer gehenden Laserlichtstäbe Drama und Emotion ab. Manches scheint auch nicht so zu funktionieren wie geplant, einige Strahlen wandern und wackeln erratisch; hinter dem ersten Vorhang wird dann laut diskutiert und gebohrt(!), und man hört einen Bühnenarbeiter schreien: Stop, stop, stop!

Doch auch was funzt, neigt zum Nerven. Die spacigen Kostüme: Männer in Star-Trek-Shirts, Frauen in Spiegel- und Glitzermonturen, die teils wirken wie Döner zum Mitnehmen, jede Menge Alufolie. Der Chor trägt Rasierspiegel auf den Köpfen, an den Händen kleben Taschenlampen, über Frauenköpfen Satellitenschüsseln. Zum Auftritt der Göttin Diana senkt sich eine Diskokugel vor die Übertitel, und Bühnennebel steigt eben nicht nur auf der Bühne auf, sondern auch mitten im Saal – äußerst unangenehm atemwegsbeklemmend. Vor allem aber blendet es permanent; als kämen einem drei Stunden lang Radfahrer mit falsch eingestelltem Licht entgegen.

Kopfweh, wenn dich der Gegenverkehr blendet

Klar gibt es auch starke Momente. Wenn sich im zweiten Akt, der im Hades spielt, große Spiegel entfalten, dann zittern darin die Lichter des Orchestergrabens wie flammenzuckendes Höllenfeuer. Wirklich staunen machende Farb- und Schatteneffekte gelingen erst im 4. Akt.

Elíasson ist freilich nur ein Teil des Regieteams, zumindest nominell die Hauptverantwortliche ist Aletta Collins. Sie ist keine Regisseurin, sondern Choreografin. Die ausgiebigen Tanzszenen scheinen in sich durchaus gelungen. Dennoch begreift man hier erst, wie stark Sasha Waltz selbst in ihren schwächeren Regie-Choreografien wie L’Orfeo (auch bei den Barocktagen zu erleben) ist: weil sie sich für das Stück interessiert. Bei Collins stehen die dramatis personae herum wie bestellt und nicht abgeholt. Eine Personenführung findet nicht statt. An keiner Stelle kommuniziert die Inszenierung mit Musik und/oder Drama. Und zur Klärung der nicht unkomplizierten Handlung trägt die Arbeit von Collins/Elíasson schon mal gar nichts bei.

Zum Glück gibt es Musik. Und Sänger, die sich selbst abholen, führen, Gefühl und Drama klären: Magdalena Kožená pumpt derart Leben in die unglücklich ihren Stiefsohn lebende Königin Phèdre (Phädra), dass es manchmal fast schon zu viel ist, zumal was das Vibrato eingeht. Übertitel scheinen eigens für Kožená erfunden. Aber packend ist das, anrührend. Gyula Orendt als König Thésée (Theseus) wirkt bei vergleichbarem Volumen ausgeglichener.

Dieses unglückliche, psychologisch differenziertere Paar würde man gern noch mehr hören als die beiden weniger interessanten Titelhelden, die freilich ebenfalls überzeugend gesungen sind: Reinoud Van Mechelen gibt den Theseussohn Hippolyte mit aristokratischer Nasalität und viriler Kehlizität, überhaupt sängerischer Risikofreude, nur manchmal unangenehm verengter Höhe. Und Anna Prohaska steigert sich von anfänglichem Schwirren (vielleicht irritiert durch die Leuchtstäbe) zu hervorragenden Nachtigallkoloraturen im Schlussakt.

Unter den kleineren Rollen ist viel Erfreuliches zu hören; ja Sarah Aristidous Hohepriesterin der Diana im ersten Akt mit ihren enormen Vokalblitzen könnte gar die barocktrefflichste Leistung des Abends sein. Und den Staatsopernchor hat Martin Wright bestens vorbereitet, eine Freude.

Dass der Chor über weite Strecken im Orchestergraben sitzt, kommt seinem Klang und seiner Kohärenz zugute. Allerdings bereitet es Platzprobleme für die Aufstellung des Freiburger Barockorchesters: Die hohen und tiefen Bläser sitzen an den äußersten Rändern links und rechts einfach zu weit auseinander; die Flöten und Oboen sind oft zu abseits. Abgehört von diesem Einwand ist das aber eine strahlende Orchesterleistung, die aus dem reizvollen Zusammentreffen mit Simon Rattle entsteht. Schon die Ouvertüre rast so blitzicht, dass man die Lullyaner entsetzt gegen ihre Sargdeckel hämmern zu hören meint. An mangelnder Dramatik im Graben liegts nun wirklich nicht, wenn bühnendramatisch nichts abgeht. Und Musik ist das, mon Dieu! Dieses Höllenballett mit seinem mysteriös inwendigen Tremolieren, das die Freiburger Streicher imposant hinkriegen; die Gewitter, das Meeresbrausen; oder die aufregenden Klangflächen in Chor und Orchester, wenn Phädra von Reue verzehrt wird. Und eine Musette, die ist nicht von dieser Welt.

Prima la musica, poi alles andere. Hélas, was hätte da gehen können bei diesem ersten Rameau an der Staatsoper seit, unfassbar, 275 Jahren. Nun gab es also in den letzten Jahren zwei Rameaus an der Komischen Oper, Castor und Pollux sowie Zoroastre, herrlich inszeniert, aber musikalisch eher nicht auf der nötigen Höhe; und jetzt einen an der Staatsoper, musikalisch gelungen, aber regissal rohrkrepiert. Das ist kein so befriedigender Befund für Berlin.

Fünf weitere Vorstellungen bis zum 8. Dezember.

Weitere Kritiken: Selbst die begeisterungswillige Maria Ossowski murrt. Schlatz hört Schönes, aber sieht einen „Untergang mit Pauken und Trompeten“. Käther hebt bedenkenswert hervor, dass hier das Ballett mal ernstgenommen werde, und erklärt dann in einer kühnen Volte die „rührende Verständnislosigkeit“ der Inszenierung für „legitim“. Amling verdammt. Jeff Brown fühlt sich einsam, weil er’s mochte.

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8 Gedanken zu „Verlichtert: Rameaus „Hippolyte et Aricie“ an der Staatsoper Unter den Linden

  1. Ich hatte ehrlich gesagt den Eindruck, dass Rameau nicht ganz so interessant war wie Monteverdi oder Händel, sprich Musik und Gesang etwas steifer und, ich wag es kaum zu sagen, langweiliger sind (fand ich übrigens auch bei Médée). Waren nicht die Instrumentalstücke bei Rameau am aufregendsten? So ganz fern war mein Eindruck manches Mal nicht von dem von Herrn Mohrmann… Aber bei Barockopern bin ich ein ziemliches Greenhorn und wahrscheinlich täusche ich mich da.

    • Haben wir ja noch etwas gemeinsam. Übrigens war ja ne „nette“ Diskussion zum Otello……Die eine macht ja auch ständig auf dem online Merker übertrieben Werbung für Herrn K. ist schon recht „amüsant“

    • Mag sein. Monteverdi und Händel hat man aber natürlich viel mehr im Ohr. Um so wichtiger wärs, mal einen Rameau in Berlin zu erleben, an dem alles stimmt. Vom Werk her gefiel mir am besten wohl „Castor & Pollux“ damals an der Komischen Oper, wunderschön inszeniert, aber musikalisch naja.
      In Hippolyte ist die Besetzung attraktiv, aber doch recht uneinheitlich, was Stilistik angeht und so, oder?

  2. Ich bewundere Menschen, die dieses Gefiedel über Stunden aushalten. Hatte die Tage zwei Mal Ausschnitte gesehen und gehört. Hatte danach das Gefühl zum Ohrenarzt zu müssen. Absolut nicht meine Welt…

  3. Ich muß gestehen, ich liebe es, wenn Ihnen eine Inszenierung nicht gefällt, das befördert Ihren Erzählstil mit Witz und Pfeffer. Complimenti!

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