Kurtágesk: „Kafka-Fragmente“ mit Anna Maria Pammer und Patricia Kopatchinskaja

Franz_Kafka_-_Mann_zwischen_GitternLate-Night-Formate sind die wahren Familienkonzerte: Wenn die braven Kinder schnarchen und auch die Ehefrau holdselig schlummert, dann huscht der unruhige Konzertgänger leise ins Konzerthaus zu György Kurtágs Kafka-Fragmenten. Hoch oben im gold- und glitzerfreien Werner-Otto-Saal, erst blau illuminiert wie ein Weg im Herbst oder ein hoher Traum, später rot wie die Süßigkeit der Trauer und der Liebe — oder aber wie die Jagdhunde im Hof.

Anna Maria Pammer singt, Patricia Kopatchinskaja geigt. Weiterlesen

Odysseus auf dem Fahrrad: Eröffnungswochenende der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

Theo_van_Rysselberghe_-_Springbrunnen_im_Park_Sanssouci_in_Potsdam,_1903,_Neue_Pinakothek_Muenchen-1Potsdam lohnt immer einen Ausflug, aber manchmal besonders. Zum Beispiel zu den Musikfestspielen, die am Wochenende eröffnet wurden: u.a. mit einem kontroversen südafrikanischen Puppen-Monteverdi-Ulisses und einer herrlichen Fahrradtour um 7 Seen durch 24 Konzerte.

IL RITORNO D’ULISSE NELL’OSPEDALE

Nicht aus der weiten mythischen Welt kehrt der Listenreiche, Vielgewandte zu seiner Penelope heim, sondern aus den hoffnungslosen medizinischen Irrfahrten im eigenen Körper: Das scheint der (oder ein) Ansatz zu sein, mit dem der listenreiche, vielgewandte William Kentridge der Oper Il ritorno d’Ulisse in patria von Claudio Monteverdi zu Leibe rückt.

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Verbindend: 100 Jahre Zerrissenheit – Isang Yun

672694694f29258383d257734c1c9943Nicht nur 50 Jahre 100 Jahre Einsamkeit heuer, sondern auch 100 Jahre Zerrissenheit: Unter diesen etwas kryptischen Titel stellt das ensemble unitedberlin sein Konzert zu Ehren des Komponisten Isang Yun oder auch Yun I-sang (1917-1995). In der durch Krieg und Entchristlichung entkernten, aber gerade in ihrer Kahlheit spirituell wirkenden Elisabethkirche mit nackter Apsis.

Oft von Isang Yun gelesen, aber noch nie Musik von ihm gehört. Und nie recht gewusst, ob der bloß eine (West-)Berliner Lokalgröße war oder ein bedeutender Komponist.

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Rotierend, schneidend: Mandelring Quartett spielt Brahms‘ Quintette und Sextette

e0180dbf5e83d76ed19b4b3b116e3641Was hatte Johannes Brahms eigentlich mit diesem albernen Symphonik-Ideal? Was er da noch zusetzen wollte, fragt man sich, wenn man seine Streichquintette und Sextette rotieren hört, die das Mandelring Quartett am zweiten Tag seines Brahms-Marathons im Radialsystem spielt.

Draußen bumpert die 1.-Mai-Vergnügung, diese eigenartige Kreuzhainer Loveparade. Ab und an dringen Polizei- oder Feuerwehrsirenen in die alte Abwasserpumpmaschinenhalle, die jetzt ein Konzertraum ist. Und zwar ein sehr schöner. Das Radialsystem nervt zwar bei jedem Besuch: überall Gedrängel – beim endlosen Warten auf einen Kaffee, am Einlass, beim Kampf um die besten der unnummerierten Plätze. Zwei ältere Damen stehen dicht vor einer Keilerei, weil die eine mehrere Plätze mit einem Seidenschal geblockt hat; die andere schwingt ihre Faust mit der alten Revolutionärs-Parole Freie Platzwahl! Weiterlesen

Sternspritzend: 5 Streichquartette im Konzerthaus

Scheme_of_things1475Wagner ist für Weicheier, Harteier gehen zum Streichquartett-Fest ins Berliner Konzerthaus. Acht Stunden dauert das. Gut, ein paar Pausen sind dabei, aber zwischen den Pausen: starker Tobak, kein Haydn oder Mozart, kein Ravel, sondern zweimal Spätes von Beethoven, dreimal Letztes von Schubert. Alles im Rahmen der Alfred-Brendel-Hommage.

Mag man in der Großen Fuge auch mal einen Hänger haben: Wenn man so viel Streichquartett hört, kommen einem Beethovens Klavierkonzerte, die hier ebenfalls zyklisch aufgeführt werden, wie der reine Kuddelmuddel vor. Weiterlesen

Levitierend: Aimard und Schuch spielen Klavier, Alfred Brendel nicht …

… der liest nämlich Gedichte vor: Brendels einziger Auftritt als ausdrückliche Bühnen-Hauptperson bei der zehntägigen Hommage, die das Konzerthaus Berlin ihm dieser Tage widmet. Daneben wird er Einführungen zu mehreren Streichquartetten geben (30. April, 19.30 & 21 Uhr) und über sein Leben sprechen (5. Mai, 18 Uhr). Das Konzerthaus richtet ihm überdies eine Ausstellung im Werner-Otto-Saal aus (Führungen ohne Konzertbesuch täglich um 15 Uhr), eine schnieke Festschrift gibt’s auch. Und sicher wird er im Publikum vieler Konzerte zu entdecken sein, die Schüler, Freunde, Weggefährten geben.

Rhode_island_red_1915_lithographBei der Late-Night-Lesung im Kleinen Saal tritt der Pianist Pierre-Laurent Aimard am Bechsteinflügel als Brendels Kompagnon auf. Oder sollte man besser Komplize sagen? Die beiden gäben ein herrlich verschrobenes Komikerpärchen ab, auch als Estragon und Wladimir könnte man sie sich gut vorstellen:

Als Godot endlich erschien, war die Enttäuschung groß, Weiterlesen

Brendelnd: Ausblick auf die Hommage im Konzerthaus

Wer Alfred Brendel nie live gehört hat, kann in den kommenden zehn Tagen im Konzerthaus Berlin wehmütig werden; wer ihn hörte, erst recht. Nur er selbst wird wahrscheinlich nicht wehmütig sein. Stattdessen wird er zu später Stunde Gedichte vorlesen, Klavier spielt er öffentlich schon seit fast zehn Jahren nicht mehr, das wird an diesem Abend Pierre-Laurent Aimard tun. Ansonsten von Alter Musik bis zum Streichquartett-Marathon alles dabei. Mehr51c2b97d0fa202f9106f6af39a4dc261 dazu in den kommenden Tagen auf diesem Blog.

Zur Einstimmung: Sechs Pianisten werden während der Brendel-Hommage Beethoven spielen, vier von ihnen (Francesco Piemontesi, Paul Lewis, Herbert Schuch, Kit Armstrong) habe ich mit einigen nicht zu tiefschürfenden Fragen behelligt: Antworten im neuen VAN-Magazin.

Auf Idagio habe ich indes eine kleine Brendel-Playlist zusammengestellt: mit Musikern, die bei der Hommage auftreten werden (u.a. Lisa Batiashvili, Doric String Quartet), sowie antiken Aufnahmen von Brendel selbst. Wer sich schon immer gefragt hat, ob Brendel je Balakirews Islamey gespielt hat, und wenn ja, wie das wohl klang, wird dort klüger.

Zur Brendel-Hommage  /  Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

Fernkammernd: Tetzlaff Quartett spielt Mozart, Berg, Schubert

Lange, allzu lange nicht bei Christian Tetzlaff gewesen … der trägt ja jetzt einen Zopf! Und der kann ihm nicht erst gestern gewachsen sein. Aber keine Spur von Verzopftheit, wenn das Tetzlaff Quartett im Kammermusiksaal Mozart spielt: das dritte der, aufgrund Vorbild und Widmung, sogenannten Haydn-Quartette, Streichquartett Es-Dur KV 428.

Notwendige Abschweifung:

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Erstlich: Michelangelo String Quartet im Boulez-Saal

Pompeii_-_Casa_dei_Vettii_-_PentheusZerreißen müsste der Konzertgänger sich können! An der Komischen Oper feierte eine Mussorgsky-Rarität Premiere, an der Deutschen Oper Götz Friedrichs legendärer Ring Derniere, zehn andere Köstlichkeiten nicht zu vergessen … ach, und im Pierre-Boulez-Saal gibt’s nichts Geringeres als ein Quartettfestival. Nach dem Staatskapellen-Streichquartett (da war der Konzertgänger im Rheingold) und einem Haydn-Marathon des famosen Hagen Quartetts (da war Walküre, seufz) spielt das Michelangelo String Quartet drei grundverschiedene Erstlinge. Beethoven, Bartók, Smetana. Am Abend zwischen Walküre und Siegfried. Weiterlesen

Klangvoll: Schumann und Brahms bei Spectrum Concerts

CHT165874Im Grunde ein Rätsel, warum der Kammermusiksaal nicht rappeldicht ist: Drei der klangvollsten Werke von Schumann und Brahms im Rahmen der interessantesten, abwechslungsreichsten Kammermusikreihe Berlins. Nur die Namen der Musiker, die bei Spectrum Concerts spielen, sind zwar klangvoll, bekannt, aber nicht berühmt. Nebolsin, Braunstein, Brovtsyn, Stumm, Andrianov.

Nachwuchs ist das nicht, sondern Crème de la crème. Weiterlesen