Robbenpistolig

Hinreißender Liederabend mit Golda Schultz und Jonathan Ware im Boulezsaal

Liederabend im großen Konzertbetrieb (Symbolbild)

Was der Pierre-Boulez-Saal diese Woche an ausgefallenen (im Sinn von raren, nicht etwa von abgesagten) Programmen bietet, ist bemerkenswert: Den einen Tag spielen der Pianist Melnikov & Co an Hindemith-Sonaten, was niemals gespielt wird. Am Samstagabend wird ein hochbesetztes Trio um die Komponistin Konstantia Gourzi nichts als Musik von Gourzi aufführen. Und dazwischen präsentiert die südafrikanische Sängerin Golda Schultz mit ihrem Klavierbegleiter Jonathan Ware ausschließlich von Frauen komponierte Lieder aus zweihundert Jahren; das Ganze zusätzlich auch als „Elternzeit-Konzert“ für Babys ab 0 Monaten, auf dass in Zukunft niemand mehr behaupten möge, er habe gar nicht gewusst, dass „auch Frauen komponiert haben“. Und wie gut Golda Schultz ist, Weltstar in spe.

Wobei nur in den letzten drei Liedern der 1977 geborenen Komponistin Kathleen Tagg (Südafrikanerin wie die Sängerin) die weibliche Perspektive ausdrücklich thematisiert wird. Auf durchaus heitere, eingängige Weise – ironisch, mal ganz persönlich, mal vielleicht auch ein bissl sehr anekdotisch. Der Pianist Ware, der hier zwecks Biegfähigkeit das Jackett ausziehen muss, greift öfter mal in den Klavierkorpus. Aber das Saitenratschen ist Teil der pochenden, pulsierenden, häufig gedämpften Begleitung, die manchmal was von Eighties-Sound hat, angenehme Mischung aus Pop-Akkorden und wirren Tonkaskaden. Die Gesangslinien sind auch direkt, recht musicalhaft, doch sehr wirkungsvoll und ehrlich. Und trotzdem ernst: Neben der Vanitas des endless talk of teething und der Proklamation des single bed (und Verpaarte/Verfamiliierte kennen dessen lebenswichtige Bedeutung) steht in Lila Palmers Texten das mehrfach wiederholte I am not afraid.

Zwischen 1812 und 1887 wurden die vier davor zu hörenden Komponistinnen geboren, zwei deutsche, eine französische, eine amerikanische. Nur der Text eines einzigen dieser 15 Lieder aber stammt ebenfalls von einer Frau. Helmina von Chézy dichtete Wenn der Abendstern die Rosen, das Emilie Mayer (1812-1883) vertonte: eine Komponistin, die zu Lebzeiten sogar als „weiblicher Beethoven“ bezeichnet wurde, nach ihrem Tod dann komplett der männlichen cancel culture anheimfiel und seit einigen Jahren wie manche Kolleginnen wiederentdeckt wird. Gut so, weiter so! Im Liederabend wirkt Mayer übrigens fast fehl am Platz, denn ihre Domäne war die große Form, die Sinfonie, und nicht die „weibliche Kleinigkeit“. Doch interessant zu hören sind ihre Lieder allemal, die verzierungs- und rankenreiche Chézy-Vertonung, ein einfaches Heine-Lied und erst recht ein kompletter Erlkönig, in der mehr der Wind rauscht als das Pferd trappelt, aber die Stimme des tödlichen Verführers handfest, fast jovial klingt.

Die Sopranistin Golda Schultz, geboren in Südafrika und ausgebildet in den USA, hat eine facettenreiche, wandlungsfähige, betörend schöne Stimme, mal ganz Gershwin-geradlinig, dann wieder zauberhaftes Mozart-Organ. Die großen Mozartrollen singt sie auch rund um die Welt, und himmlische Höhen, Leichtigkeit, Witz und Charme kommen in vier Liedern von Clara Schumann glücklich zur Geltung. Fast irritierend in seiner Bewegung, seinem durchgehend mächtigen Aufbrausen ist Schumanns Heine-Lorelei, ein aufwühlender Albtraum, den Schultz‘ Sopran albsicher durchschifft. Viel in hohen Regionen bewegen sich die Lieder von Nadia Boulanger. Das tut hier dem dunklen Schwulst eines Marien-Prière als Gegengewicht so gut, wie es dort Maeterlincks Cantique entspricht. Bald kristallin, bald kitschig erinnert dieses Lied momentweise an frühen Messiaen.

Klassisches keltisches Robben-Trauma (Foto: Colm O hAonghusa)

Die Entdeckung des Abends jedoch sind die Lieder der Amerikanerin Rebecca Clarke (1886-1979). Der texanische Pianist Jonathan Ware, ansonsten als zuverlässiger und hingebungsvoller Partner der Sängerin zu loben, setzt im fast hitverdächtigen Down by the Salley Gardens nach Yeats klare weiße Tupfer unter den melancholischen Text. Aber huch, wie er dann kratzt und rollt und grollt in Tiger, Tiger nach William Blake! Das ist ein Lied von aufregender, fast kurioser Drastik, die Schultz mit umwerfendem dramatischen Instinkt darbietet, hochkomisch und doch arg bedrohlich. Magisch, wie ihr Sopran am Ende lange ausschwingt im sinister-gelben Cradle Song, ebenfalls nach Blake. Und in The Sealman, das nach keltischer Sage von einem Seehund in Mannesgestalt handelt, der Frauen ins tiefe Meer verführt, gibt Schultz eine Bardin, die glaubhaft schockiert ist von der sagenhaften Räuberpistole bzw Robbenpistole, die sie uns da auftischt.

Amy Beachs I Send My Heart Up To Thee rundet als Zugabe den hinreißenden Liederabend ab. Das Publikum tobt begeistert, als wäre es um ein Vielfaches größer, als es ist. Der fast spärliche Besuch im Boulezsaal muss einem übrigens keine Sorge machen: Denn Golda Schultz‘ außerordentliche Kunst und enorme Ausstrahlung lassen nullerlei Zweifel zurück, dass sich nur noch ein wenig rumsprechen muss, dass da ein Weltstar ist. Hoffentlich wird sie, auch wenn es sich herumgesprochen hat, neben den großen Opernbühnen weiter solche besonderen Programme machen.

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2 Gedanken zu „Robbenpistolig

  1. Ich begleite Golda Schultz Karriere seit sie im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper war. Ich fühlte, dass sie eine ganz Große werden könne und zu meiner Freude bestätigt sich das jetzt.

    • Sie war mir ehrlich gesagt gar kein Begriff. Ich bin vor allem wegen des raren „Frauen-Programms“ hingegangen und war dann völlig baff. Offenbar haben Sie den richtigen Riecher gehabt!

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