Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

Immer mal wieder die Lobcanzonetta auf den Kleinen Saal im Konzerthaus Berlin singen: flauschige Atmosphäre, behagliches Klima, moderate Preise – erstrangige Kammermusik zum Preis einer Kinokarte. Sitzt man auf den Seitenplätzen an der Wand, kann man die Füße ausstrecken. Verwunderung nur bei einigen südländischen Kulturtouristen darüber, dass man am Buffet schon 20 Minuten vor Konzertbeginn nichts mehr zu essen kaufen kann: Alles aus, tut uns leid. Kam das Konzert so überraschend, fiel ein Tasmanischer Vielfraß übers Buffet her, oder rechnete man einfach nicht mit Besuchern?

Das wäre schade. Im Großen Saal oder der Gethsemanekirche verhallt feinbesetzte Musik bald mal, im Kammermusiksaal hört man nur in Block A gut – im Kleinen Saal aber entfaltet die Kunst der Akademie für Alte Musik sich am feinsten, mag die Akustik auch etwas knochig sein und für die ausführenden Musiker schwierig.

Das Programm ist abwechslungsreich in Besetzung und Stimmungen. Man könnte ja fürchten, dass neun aufeinanderfolgende Sonaten aus dem 17. Jahrhundert, die Mehrzahl in C-Dur, einem nicht-alte-Musik-akademisierten Hörer des 21. Jahrhunderts langweilig werden könnten. So ab der sechsten oder siebten. Aber nein.

Denn es folgt, beispielsweise, auf eine innige und sinnige Violinsonate in g-Moll von Johann Heinrich Schmelzer ein populärer Evergreen, nämlich Heinrich Ignaz Franz Bibers Battalia. Erst also die Freude an Konzertmeister Georg Kallweits so herzvollem wie virtuosem Schmelzer-Strich und an diesem herrlich uneingeebneten Ton, den der gewölbte Barockbogen ins Leben ruft; aus Bernhard Schrammeks Einführung hat man erfahren, dass Schmelzer als erster Komponist im deutschsprachigen Raum Solo-Violinsonaten veröffentlichte. Dann Spaß und Befremden an Bibers Schlachtmusik, in der man die kriegerische Pauke, die die Lautten-Compagney jüngst hinzufügte, nur ein bisschen vermisst; da ja ohnedies die Streicher reichlich perkussivieren, so col legno und pipapo. In dem Abschnitt Die liederliche Gesellschaft von allerley Humor geht es katzenchorhaft durcheinander, weil jeder Soldat sein eigenes Lied singt: aleatorische Polyphonie wie von Lutosławski. Nach dem kurzen Tumult der Schlacht folgt mit dem Lamento der verwundeten Musquetirer der Katzenjammer. Zur Belustigung des Publikums eines höfischen Festes anno 1673 in Salzburg: eine ziemlich unbelustigende Vorstellung eigentlich, dieses Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden zur Gaudi der Teure-Perücken-Träger.

Biber schrieb eine Sammlung von Sonaten tam aris, quam aulis servientes, das heißt für den Altar wie für den Hof: im Gottesdienst ebenso wie an der Festtafel aufführbar. Zwei große achtstimmige Sonaten bildeten den Rahmen dieser Sammlung und tun es auch in diesem Konzert. Im Anhang der Altar-und-Hof-Sonaten gab es kurze Trompetenduette, die wohl wahlweise zum Beten oder Bechern riefen. Hier ertönen sie zwischen den Stücken von hinter der Bühne, um zum nächsten Stück überzuleiten.

Im klug durchkomponierten Binnenprogramm gibts, außer Bibers Battalia, sechsmal Schmelzer. Die h-Moll-Sonate zur Trauer um Kaiser Ferdinand III. ist besonders rührend. Die letzte von mehreren C-Dur-Sonaten ist mit ihrem punktierten Kick-off ein spezielles Highlight; wärs nicht so abgenudelt, könnte man von Groove schreiben. Am kuriosesten originell ist aber gewiss die C-Dur-Sonate al giorno delle (s)correggie: Furztag-Musik zu einem traditionellen Bohnenfest. Der Dulzian (altes Fagott) von Christian Beuse furzt ganz luzide. Da hofft man, das Geräusch möge nicht so anregend auf die Darmwindungen des Publikums wirken, wie es plätscherndes Wasser auf die Blase tut. Gerade hier in der Intimität des Kleinen Saals.

Zwei weitere Aufführungen am Dienstag und Mittwoch.

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Ein Gedanke zu „Katzenfurzheilig: Akademie für Alte Musik spielt Biber und Schmelzer

  1. Danke herzlichst für die Besprechung. Dadurch hatte ich mich ganz kurzfristig entschlossen, das letzte der drei Konterte zu besuchen und war begeistert. Barocktrompeten und Dulzian so hautnah zu erleben hat man selten die Gelegenheit. Welches Spielniveau es damals auf der Violine gab! Von innigen Momenten bis zur besoffenen Soldatenmeute – eine gewaltige Spanne an Gefühlen.

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