Fishy: Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Deutschen Oper

Letzte Gelegenheit, in verkommener Gesellschaft im Trüben zu fischen: Am kommenden Freitag gibts den allerletzten fischblutfleischroten Vorhang für Ole Anders Tandbergs Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk an der Deutschen Oper Berlin. Beim vorletzten Vorhang, erst der siebten Aufführung seit der Premiere 2015, war der Konzertgänger dabei. Aus Herzensneigung zur armen Lady Macbeth alias Katerina Lwowna, dieser kämpferischen Schwester der Katja Kabanowa, deren Mordbereitschaft sie am Ende doch auch nur ins Wasser führt (Handlung).

Tandbergs Regie hat gewiss ihre Schwächen, etwa die teils unbeholfene Personenführung (man beachte nur den allerletzten Laufweg von Katerinas Nebenbuhlerin Sonjetka vor dem Sturz in den eisigen Fluss). Aber den Weg dieser eigenartigen Oper vom ätzenden Sarkasmus in die totale Trostlosigkeit zeichnet die Inszenierung einigermaßen prägnant. Das halbe Haus, das anfangs auf einem fischerinselhaften Felsen thront, wird nach und nach abgebaut, bis die Welt sich in einen splitternackten Felsen verwandelt hat, auf der die Menschheit als Sträflingskarawane dem Nichts entgegenlungert. In diesem erschütternden Schlussakt, in dem auch Schostakowitschs Musik völlig umkippt.

Schwiegervater (Symbolbild)

Schostakowitschs andere Seite, die ätzende Komik, springt einen oft genug an. Und fliegt herum in Gestalt dieser allgegenwärtigen ekligen Riesenfische, die der Inszenierung enorm hohen Erinnerungswert verleihen. Kurios natürlich, in einer solchen Fischfressergesellschaft den tyrannischen Schwiegervater ausgerechnet mit rattenvergifteten Pilzen um die Ecke zu bringen. Fishy griby. Höhepunkt dann, als Katerinas schlappschwänziger Gatte im Moment seiner Erdrosselung (dem zweiten Mord) nach einem Popen ruft und subito einen Riesenfisch in die Fresse geklatscht kriegt. Wer kennt nicht dieses Gefühl?

Ehemann (Symbolbild)

Die 14köpfige Bühnenbanda aus Blechbläsern ist sehr effektvoll, auch wenn sie als Personifikation des Schicksals halbgar wirkt. Das gilt erst recht für Katerinas herumscharwenzelndes Alter Ego mit hängender Trompete. Sinn ist nicht immer da, aber Schwung jederzeit, und das ist nicht wenig.

Mehr als nur Schwung hat das Orchester unter Donald Runnicles zu bieten. Es ist spektakulär spektakelig; nur wenns ganz wüst wird, wünschte man sich gelegentlich weniger Lärm und mehr Schärfe. An den solistischen Stellen blühts fein, dito diese mahlerischen Phasen, wenn das mörderische Paar, das keines ist, von einer Zukunft träumt, die es nicht gibt. Die wiederkehrenden Abschlapp-Glissandi amüsieren bis zum Schluss. Der von Jeremy Bines einstudierte Chor entfaltet im Schlussakt nach der vorhergehenden Dauerwucht unerwartet zarte Nuancen.

Schwiegervater und Ehemann, nachher

Vor allem aber Evelyn Herlitzius. Die ist Katerina Lwowna. Ihr Mega-Vibrato und das metallische Timbre können einen schon nervös machen. Aber eine Lady Macbeth soll den Hörer ja auch nicht beruhigen. Mit ihrer unerhörten Intensität klatscht Herlitzius den Rest der Staffage an die Wand wie tote Fische. Und doch zeigt sie Katerina als den (neben dem alten Sträfling im Finalakt) einzigen wahren Menschen in dieser Oper.

Wie viele große Opernheldinnen gibts eigentlich, die nicht nur von romantischem Wischiwaschi träumen, sondern von ihrem hand- und schwanzfesten sexuellen Begehren singen? Wunderbare erste Arie: Alles paart sich: Der Hengst läuft der Stute nach, dort der Kater das Kätzchen jagt, und hier drängt der Täubrich zur Taube. Warum aber kommt denn keiner zu mir?

Sergey Poljakov hat einen nicht so berauschenden Quetschtenor, aber viel Power und Herz und hätte auch mit einer Traumstimme nicht viel zu gewinnen, mangels prägnanter Musik für diesen lieblosen Liebhaber Sergej. Hat er auch gar nicht verdient, dieser falsche Fuffziger, ein Charmebolzen wie das Mopsgesicht Kollegah. Thomas Blondelle ist ein herrlich jammerjuchziger Losergatte, außerdem trägt er mit seiner Michelindaunenweste das dollste Kostüm des Abends (Charisma Jerry Lundegard zum Quadrat). Wolfgang Bankl ersetzt als Schwiegervater sehr solide den angekündigten Kurt Rydl.

Reine Freude macht das Ensemble der Deutschen Oper, das in den kleineren Rollen reich vertreten ist. Hervorheben könnte man Tobias Kehrer als stimmgewaltigen Gaga-Popen, der ein abstruses Diktum von Gogol über Pilze und kalte Suppen zitiert, den wie stets umwerfend witzigen Burkhard Ulrich als Besoffenen und den sehr berührenden alten Sträfling des Stephen Bronk.

Allerallerletzte Aufführung also, schade eigentlich, am kommenden Freitag, dem Geburtstag des kleinen Arschlochs.

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9 Gedanken zu „Fishy: Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ an der Deutschen Oper

  1. Irgendwie eine abnorme Oper, die beim Zuhören, mir jedenfalls, einige Mühe bereitet. Schon lustig, dass so was in der UdSSR noch 2 Jahre laufen durfte. Mandelstam hat für Ähnliches mit dem Leben gebüßt.

    • Mandelstam 1934, Мы живем, под собою не чуя страны:

      Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
      Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

      Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, –
      Betrifft’s den Gebirgler im Kreml.

      Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
      Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,

      Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
      Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.

      Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
      Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,

      Die pfeifen, miaun oder jammern.
      Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

      Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
      In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab.

      Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –
      Und breit schwillt die Brust des Osseten.

  2. Nicht, das Sie mir dann vorwerfen, ich hätte Sie nicht gewarnt…..
    Stimme Ihrer Einschätzung der Kritik zu, allerdings bei uns sang Alexej Kosarev und der war Klasse…..

  3. Ich habe heute noch die allerletzte Vorstellung gesehen, stimme im Großen und Ganzen zu. Mir sind die Schwächen der Regie etwas stärker aufgefallen, ziemlich fetzig, aber grob zusammengeschustert und das Fisch-Thema kam mir doch willkürlich vor. Erstaunlicherweise fand ich die gesamte Oper zu lang, was womöglich auf Tandbergs Kappe geht.

  4. Oh Herr Selge mal wieder in der Oper…
    Ich gehe am Freitag, verstehe auch nicht warum die aus dem Programm genommen wird. Na ja, sind ja so manch merkwürdige Entscheidungen, wie die Heliane nicht in der nächsten Spielzeit, aber dafür die gräßliche Salome, die kein Mensch sehen will.
    Apropo laut, am Freitag Cavalleria/Bajazzo, da sind mir vor allem in der Cavalleria fast die Ohren abgeflogen, na ja Ranzani….

    • Naja, Programmplanung ist langfristig, und der Erfolg der „Heliane“ war so wohl kaum absehbar.
      Die „Salome“ haben Sie jetzt so oft gemobbt, dass ich sie mir nächste Saison mal ansehen muss 😉

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