Urklänge, chorphisch: Monteverdis „L’Orfeo“ mit John Eliot Gardiner

Belcanto? Belrecitando! Aufbruch zu einer Reise in die Urgründe der Oper mit Sir John Eliot Gardiner und seinen Musikern, die zu Claudio Monteverdis 450. Geburtstag mit dessen drei erhaltenen Opern durch die Weltgeschichte tingeln, beginnend mit L’Orfeo. Sollte das den Beteiligten schon zum Hals heraushängen, lassen sie sich auf ihrer einzigen Station in Deutschland, beim Musikfest in der Philharmonie, nichts anmerken.

Keine Ermüdungserscheinungen?

Nicht bei Sir John Eliot Gardiner, der kaum wie 74 wirkt, eher wie 47. Musik hält jung, ausführend wie hörend (am Vorabend war er nach der eigenen Probe noch bei Isabelle Faust im Kammermusiksaal). Er leitet die Musiker so präzis wie unauffällig. In die Partitur, zu seiner Rechten auf dem Cembalo liegend, wirft er kaum einen Blick, greift nur in den Aktpausen nach der Wasserflasche, die unter dem Cembalo steht. Schnaps wirds ja wohl nicht sein. Denn an den sehr flexiblen, manchmal fast rubatösen Tempi und der abwechslungsreichen Dynamik ist nichts Zielloses, nichts Trunkenes; ein grandioser Spannungsbogen zieht sich über die zwei Stunden der Aufführung. Wahrhaft gewaltig (aber nicht in Dezibeln!) ist das Crescendo, das zum Lasciate ogni speranza am Eingang zur Totenwelt führt. Da springt einen das Grauen an.

Ermüdungserscheinungen auch nicht bei den Instrumentalisten der English Baroque Soloists. Wunderbar gestaffelt der Streicherklang; und wie geschmeidig doch die ollen Zinken und Barockposaunen zu klingen vermögen, hätte sich in den Pioniertagen der historischen Aufführungspraxis wohl kaum einer ausgemalt.

Und nicht bei den vorzüglichen Sängern: Krystian Adam als Orfeo barock-agil und koloraturesk und doch mit einer Prise Puccini-Schmelz, immer einer Träne im Kehlkopf, die aber auch im größten Jammer nie herausgepresst wird. Nicht durch Tenorpower bezaubert er das Reich des Todes, sondern durch kunst- und seelenvolle Melismatik. Und wenn Hana Blažíková (La Musica / Euridice) wirklich, wie vom Intendanten angedroht, bronchitisgeplagt war: wie hauchzart müssen ihre Pianissimi erst klingen, wenn sie gesund ist? Auch über die Euridice-Freundin Lucile Richardot, die Proserpina Francesca Boncompagni, den Caronte und Plutone Gianluca Buratto und Furio Zanasis Apollo (fast) nur Gutes; und auf den hibbeligen Countertenor Kangmin Justin Kim, hier als Personifikation der Hoffnung, darf man sich am Dienstag als Nero dekadent freuen.

Und schon gar nicht beim Monteverdi Choir. Treten die Sänger in einzelnen Rollen hervor, hört man technisch gute, sehr bewegliche Sänger, aber keine weltbewegenden Stimmen. Doch sobald nur zwei Stimmen zusammenfinden, wie im Hirtenduett im zweiten Akt, merkt man gleich auf. Wenn fünf Nymphen und Hirten Ahi caso acerbo klagen, erleben wir hohe Madrigalkunst. Und hört man nun den ganzen Chor: fragt man sich, wann man Vergleichbares gehört hat. Jeder Akkord klingt wie ein lebendes, atmendes Wesen, eine Stimmgruppe geht hinter der anderen auf wie die Morgensonne im Gebirge.

Orpheus ist ein Chor. Urklänge, chorphisch.

Doch was einem wirklich den Atem verschlägt, ist der Umstand, dass diese Favola in musica (Hirtenschnickschnack hin oder her) nach über 400 Jahren zero traccia von Ermüdungserscheinungen zeigt. Tief berührend von A bis Z, selbst der brutal jubilierende Schluss mit der abrupten Entrückung des Orpheus durch Vater Apollo zu den Sternen; eine nachträgliche Überarbeitung Monteverdis, lernen wir im Kommentar, ursprünglich wurde der verbitterte Orpheus von den Bacchantinnen zerfetzt.

Gibt es in der Welt der Barockoper ein anderes Werk, das einen so unmittelbar packt wie diese firlefanzfreie musikdramatische Schöpfungstat? Dass L’Orfeo noch keine starre, handlungshemmende Einteilung in Rezitative und Arien kennt, sondern jede ariose Insel dramatisch herbeiführt, trägt sicher zu dieser Modernität bei.

Die wäre auch spürbar ohne die Elemente von Inszenierung (Gardiner und Elsa Rooke): requisitenfrei, dafür mit viel Bewegung auf dem Podium, einigen Auftritten auf und von den Rängen sowie diskreten Lichteffekten (Rick Fisher). Das ist recht anregend und belebend, auch wenn das Hin- und Hergehen manchmal ein wenig steif wirkt und die schmachtenden Blicke etwas pauschal. Stark hingegen, wie der gescheiterte Orpheus am Ende des vierten Aktes vor dem Tribunal der Höllengeister steht.

Insgesamt aber ist das Dezente die Stärke dieser halbszenischen Einrichtung, die die Musik unmittelbar zu uns sprechen lässt: als spräche sie zum ersten Mal.

Die Monteverdi-Opern Il ritorno d’Ulisse in patria und L’incoronazione di Poppea folgen am 3. und 5. September, außerdem die Marienvesper mit dem RIAS Kammerchor am 15. und 16. (Schade aber, dass ein Madrigal-Abend fehlt.) Alles überrannt, Berlin im Monteverdi-Fieber, hoffentlich hälts an. Ein paar Restkarten wirds schon noch geben, und Alternativen sowieso: Wer statt „Monteverdi 450“ lieber „Isang Yun 100“ sagt, tut sich auch was Gutes.

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2 Gedanken zu „Urklänge, chorphisch: Monteverdis „L’Orfeo“ mit John Eliot Gardiner

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