Zäh packend: Monteverdis „Ulisse“ und „Poppea“ mit John Eliot Gardiner

Disparate Vollendung beim Musikfest Berlin: Nach dem Startschuss mit L’Orfeo führt John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists in der Philharmonie die beiden anderen erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi auf, die 35 Jahre nach dem Urknall am Fürstenhof von Mantua fürs neue Opernhaus in Venedig entstanden. Und der Konzertgänger fragt sich: Woran liegt es, dass ihm – bei allem Respekt vor der imposanten musikalischen Leistung – Il ritorno d’Ulisse in patria (1641) gelegentlich etwas zäh wurde, während er L’incoronazione di Poppea (1643) als Krönung der Trias erlebte?

Liegt es an der eigenen Tagesform? An manchen Tagen ziehen musikalische Sternstunden spurlos an einem vorbei, an anderen Tagen erscheint einem biederer Durchschnitt wie das dreizehnte Weltwunder. Oder gar am Tageswetter? Denn den Ulisse hörte der Konzertgänger durchnässt, die Poppea durchsonnt. Beinharte rezeptionsästhetische Faktoren.

Oder liegts an den Libretti? Ein klein wenig weitschweifig ist Giacomo Badoaros Ulisse-Vorlage schon. Die Nebenfiguren sind nicht gleichermaßen ergiebig, die Dialoge oft umständlich. Zwar ist auch Francesco Busenellos Poppea gelegentlich etwas langwierig. Wieso etwa wird dem ollen Seneca gleich zweimal der nahende Tod verkündigt, einmal von Pallas Athene, einmal von Merkur? Aber Busenellos rabenschwarzer Zynismus entzündet sich gerade durch die Kombination mit Monteverdis ein- und nachfühlender Musik, die bei aller Schärfe voller Menschenliebe ist. Lauter böse Menschen, die zuckersüß von ihren Sehnsüchten singen, darin kann man sich doch wiedererkennen. L’Abgrund, c’est nous.

Poppea (Symbolbild)

Liegt es an der Musik? Der Ulisse wirkt trotz zerfaserter Handlung musikalisch geschlossener, was das Fachherz und den Rezitativliebhaber erfreuen wird, aber das Laienohr schon mal ausleiern kann. Von der Poppea existieren nur zwei Partituren aus der Zeit nach Monteverdis Tod, die sich stark voneinander unterscheiden. Dass das überirdisch schöne Schlussduett Pur ti miro überhaupt nicht von Monteverdi stammt, sondern vermutlich von Benedetto Ferrari angeklebt wurde, meint man ganz deutlich zu hören — nachdem man es in der hervorragenden Einführung von Silke Leopold gelesen hat.

Liegt es also an der Instrumentierung? Von beiden Opern sind ja, anders als bei L’Orfeo, neben den Gesangspartien nur meist unbezifferte Basslinien überliefert, das heißt Instrumentierung und Harmonik müssen großteils ergänzt werden. So sach- und fachgerecht der Ulisse in Gardiners Fassung klingt, so direkt und packend die Poppea, voller Witz und Spannung. Die ätzenden Tiraden der Amme werden colla parte begleitet, der nervige Philosoph Seneca von der Tugend-Orgel, die zornbebende Kaiserin Ottavia von heftigen Barockgitarrenriffs usw.

Diesen Bogen spannt nur Odysseus.

Liegt es vielleicht an der halbszenischen Aufführung? Ist etwa die eine halbleer, die andere halbvoll? Kaum. Zwar sorgen die kuriosen Kostüme vor allem im Ulisse für unfreiwillige Komik: Der ohnehin etwas müde wirkende Odysseus scheint einen Pyjama zu tragen, und das unelegante Schuhwerk ist ein Thema für sich, nicht nur die Espandrillas an den Füßen Telemachs und der Phäaken. Dafür hat der Ulisse aber auch den aufregendsten Inszenierungsmoment aller drei Abende: als der Körper der Penelope selbst zum Bogen wird, den die Freier vergeblich zu spannen versuchen. Come intrattabile, come indomabile l’arco si fa, wie unbeugsam sträubt sich der Bogen! In der Poppea wiederum brechen Gardiner und seine Mit-Regisseurin Elsa Rooke mit ihrem Prinzip, auf Requisiten konsequent zu verzichten. Am Ende wird die Kaiserkrone auf einem Samtkissen hereingetragen.

Aber das ist alles nicht so wichtig, denn die Inszenierung drängt sich nie in den Vordergrund, sondern hält nur das Personal auf dem Podium diskret in Bewegung, was der Aufmerksamkeit schon hilft.

Woran liegt es dann? Etwa an der Sängerbesetzung? An allen drei Abenden singen dieselben Sänger, das technische Niveau scheint durchgehend hoch, die Rollenverteilung jedoch nicht immer gleich überzeugend. Furio Zanasi ist ein nobler, aber nicht gerade aufregender Ulisse. Allerdings fehlt auch der ebenfalls gut gesungenen Poppea von Hana Blažíková das abgrundtief Durchtriebene. Das hat dafür der infernalisch-infantile Nero von Kangmin Justin Kim, von dem man den Eindruck hat, dass er höher als jede Frau singen kann.

Zwei herausragende Frauenfiguren machen zudem die Poppea aufregend: Marianna Pizzolato, die als einzige Sängerin nur an einem Abend auftritt, hat als verschmähte Ottavia ein Format, vor dem ganz Rom in Staub sinken müsste. Dieser Nero kann kein Stimmenfetischist sein. Ottavias Abschiedsarie, in der ihr der Atem stockt, so dass das A-a-a des Addio zu den ersten Schlägen eines Trauermarschs wird, stellt das berühmte Schlussduett von Nero und Poppea glatt in den Schatten.

Begeisternd ist auch Lucile Richardot als Poppeas Amme Arnalta, eine gehässige, dabei tiefsinnig schillernde Gestalt in Tenorlage. Sie klingt fast wie eine Dragqueen. Im Ulisse nun singt Richardot sogar die Penelope. Da wirkt nicht nur der männliche Klang ihrer Stimme irritierend. Diese Penelope hat tief bewegende Momente, klingt aber manchmal auch so bewegt, dass es unkontrolliert und hektisch scheint und die Stimme heftig ausschlägt. Was während der Aufführung wie eine Hypothek wirkt, wird im Nachklang zu einer besonderen Stärke: Diese Penelope, nicht nobel leidend, sondern so stark wie zerrissen, lässt einen nicht los.

Und so hinterlässt das Zähe am Ende einen besonders nachhaltigen Eindruck. Der stille Schluss des Ulisse ist ja sowieso schöner als der falsche Jubel des Orfeo.

Schade nur angesichts des überragenden Niveaus des Monteverdi Choir, dass Monteverdi in der venezianischen Oper am Chor sparen musste. In Mantua, beim L‘Orfeo, musste er wohl nicht auf die Dukate schauen. Die wenigen Ensemble-Momente in Ulisse und Poppea sind das reine Glück, etwa die zwölf Männerstimmen, die vor dem Selbstmord des Seneca singen: Non morir Seneca — eine intensive madrigaleske Reflexion über die Todesangst des Menschen.

Fazit nach drei Abenden: L’Orfeo ist ein Urknall von unerreichter Wucht, Il ritorno d’Ulisse in patria scheint am sperrigsten, aber nicht am schwächsten, und L’incoronazione di Poppea ist gewiss das reichste und verstörendste Werk. Lohnend ist gar kein Ausdruck für diese drei Aufführungen.

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2 Gedanken zu „Zäh packend: Monteverdis „Ulisse“ und „Poppea“ mit John Eliot Gardiner

  1. Mein Laienohr fand den Ulisse ganz hervorragend und hat sich keine Minute gelangweilt. Auch empfand ich Furio Zanasi als Ulisse als den besten Sänger auf der „Bühne“, gerade weil er ganz unaufgeregt und unangestrengt gesungen und agiert hat. So unterschiedlich sind die Wahrnehmungen, und das ist auch gut so.

    • Das spricht für die Antwortmöglichkeit „Tagesform des Hörers“. Ja, mir war Zanasi etwas zu abgeklärt. Wie auch immer, zweifellos ist das alles Mäkeln auf höchstem Niveau.

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