Wollmilchig: Eröffnung von Young Euro Classic

Eierlegende Wollmilchsäue

Morgens Friday for Future mit Greta T. am Invalidenpark, abends Pastorale mit Ludwig van B. im Konzerthaus: Zu letzterer nimmt der Sohn des Konzertgängers seinen Vater mit – Eröffnung von YOUNG EURO CLASSIC, dem großen Klassikfestival der Sommerferienschwänzer! Zwanzig Jahre wird das heuer alt und setzt einen van B.-Schwerpunkt, weil der nächstes Jahr bekanntlich putzmuntere 250 Jahre alt geworden wäre und immer noch in Wien leben würde, wenn, ja wenn er sich damals nicht so schlimm erkältet hätte bei der Kutschfahrt im Winterregen. Es wird nicht der letzte Beethoven-Zyklus bleiben in den kommenden 18 Monaten.

Es eröffnet das Polska Orkiestra Sinfonia Iuventus imienia Jerzego Semkowa.

Ein klangschönes Ensemble ist dieses nationale polnische Jugendorchester, homogen in jeder Hinsicht. Nun ist es immer etwas unfair, wenn man von Jugendlichen einerseits technische Höchstleistungen erwartet, die ja gar nicht anders als durch persönlichen Verzicht, wenn nicht gar Drill erbracht werden können; andererseits sich über Angepasstheit mokiert und das fehlende Junge, Wilde moniert. Punks sollen sie sein, bitteschön, aber halt auch intonationssicher, eierlegende Wollmilchsäue sozusagen.

Eine Tendenz zeigt schon der Blick aufs Podium: Mag die Welt auch immer unbinärer werden, das Gebläse der Jugendorchester ist binärer denn je – das Holz fest in weiblicher, das Blech in männlicher Hand (mit je einer einzigen Ausnahme hier). Was die Streicher angeht, werden Männer im 22. Jahrhundert vielleicht nur noch bei den Kontrabässen zu finden sein.

Der Punkfaktor jedenfalls ist gering beim Orkiestra Iuventus. Beethovens 6. Sinfonie F-Dur, die Pastorale, ist für ein Jugend- und vielleicht überhaupt jedes Orchester besonders gefährlich, nicht weil es die schwierigste Sinfonie wäre, sondern weil das Leierrisiko am höchsten ist. Zumal der Kopfsatz ist hier nicht frei von dieser Gefahr, man wünschte sich das alles freier und ausgelassener. Dass zugleich spannende Phrasierung und überhaupt größere Bögen eben die hohe Schule sind, merkt man besonders, wenn man sie vermisst. Das hat dann aber auch mit dem Dirigenten Jakub Chrenowicz zu tun. Das Orchester selbst gefällt mit gepflegtem Streichersound und sehr guten Soli der Holzbläserinnen und des Hornisten. Wolle und Milch sind also da, fehlt das Eierlegen, oder eher noch die Flügel.

In die 5. Sinfonie c-Moll geht es dann mit mehr Risiko, in den Kopfsatz mit schön scharfem Tempo. Die Scheu vor dem Extrem und der Entfesselung wird aber auch in diesem Werk spürbar, und man wünscht sich, der gewiss verantwortungsvolle Dirigent möge seine jungen Musiker nicht gar so sicherheitsbewusst führen. Man hat diese Stücke auch von Jugendorchestern schon wagemutiger gehört, weniger brav.

Dennoch ist es natürlich auch von Vorteil, wenn man nicht nur ganz so bekannte Stücke hört, die man am Ende vielleicht doch ungerechterweise an maßstäblichen Meister-Interpretationen misst. Zum Glück gibt es, neben Iván Fischers immer gespielter Festival-Hymne (hier mal von den Streichern aufgeführt), die so zackige wie abwechslungsreiche Toccata für kleines Orchester des Penderecki-Lehrers Artur Malawski von 1947, ein paar packende Minuten dauert diese ansprechende Unbekannte.

Manchmal werden Musik und Musiker zur Nebensache bei solchen Eröffnungsveranstaltungen mit all ihren vorhergehenden Grußworten und Danksagungen. Das ist hier zum Glück anders – auch, weil die jungen Musiker nicht rumsitzen wie bestellt und nicht abgeholt, sondern die Redner selbst ankündigen. Willi Steul vom Freundeskreis Europäischer Jugendorchester wird auf Polnisch hereingebeten, Kulturministerin Monika Grütters mit Handkuss begrüßt, als erster aber tritt Michael Müller auf. Kommt dem Konzertgänger immer etwas ungerecht vor, dass der in Berlin so unbeliebt ist. Klar, er hat das Charisma eines Parkverbotsschilds, aber darum ist er doch kein schlechter Bürgermeister. Und ja nebenher auch Wissenschaftssenator! Und so weist er ganz verständlich nicht nur auf den 75. Jahrestag des gescheiterten Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 hin, sondern auch auf den Erfolg der Berliner Universitäten bei der deutschlandweiten Exzellenz-Besiegelung.

Das Exzellenz-Cluster Young Euro Classic läuft zweieinhalb Wochen lang im Konzerthaus, bis zum 6. August. Orchester von Portugal über Rumänien und Israel bis nach China und in die Dominikanische Republik sind dabei. Neben diversen van B.-Werken gibt es auch Großwerke von Brahms und Schostakowitsch, Prokofjew und Mahler – aber eben auch Mitbringsel wie Farid Yarullin, Füsun Köksal, Ondřej Kukal oder Xiaogang Ye. Hier das ganze Programm.

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Ein Gedanke zu „Wollmilchig: Eröffnung von Young Euro Classic

  1. Mir geht es mit Müller genau umgekehrt: Sein nicht vorhandenes Charisma ist mir egal, aber dass er eine so schlechte Regierung anführt, nehme ich ihm übel. Und wie könnte er so ein guter Bürgermeister sein?

    Den Gedanken über Punk und Perfektion finde ich sehr treffend. Mir bleibt immer noch oft der Mund darüber offen stehen, wie viele wie gut spielende junge Leute es gibt. Sollen sie dabei aussehen und wirken, wie sie wollen.

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