Rausmarschierend: Kurzbesuch beim DSO

Der Konzertgänger marschiert raus, vom erwachten Pan verfolgt.

Normalerweise geht der Konzertgänger kaum je vorzeitig nach Hause, schon gar nicht nach dem ersten Satz. Aber bei dieser Mahler-Dritten: Kaum ist Pan erwacht und der Sommer einmarschiert, marschiert der Konzertgänger raus. (Günstig, dass das Publikum nach dem ersten Satz stürmisch applaudiert, so stört der Konzertabgänger nicht durch Tapsen und Türenknallen.)

Aber der Tagesspiegel-Kritiker schreibt, der erste Satz habe frühlingshaft knospend geklungen, und der Tagesspiegel-Kritiker ist ein ehrenwerter Mann.

Vielleicht klang ja der erste Satz (nach einer vorhergehenden Meditation von Hosokawa, die ansprach, aber als Höröffner nicht recht schlüssig wirkte) wirklich frühlingshaft knospend, dann haben die Ohren des Konzertgängers an diesem Abend Hörschnupfen gehabt. Eine allergische Reaktion. Weiterlesen

Zartnagelnd: Mozarts Es-Dur-Sinfonie und Requiem mit Iván Fischer im Konzerthaus

Was spielt man so vor Mozarts Requiem? Beim Musikfest grundierte der teils vergötterte, teils verspötterte Teddy Currentzis es mit einem mystischen Overkill von Hildegard von Bingen bis Ligeti. Iván Fischer hingegen spiegelt und kontrastiert das Mozart-Requiem beim Konzerthausorchester Berlin mit — nun ja, mit Mozart. Eine helle, federnde Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 gibts vor der Pause. Höchste Lebensfreude, die durch ihre Momente von plötzlicher Eintrübung nur noch größer wird. Und durchs Bewusstsein, was danach kommen wird: Il Requiem. Weiterlesen

Lehrsinnlich: Le Concert Olympique mit Jan Caeyers spielt Haydn und Beethoven

Wer liebt schon das Tripelkonzert? Im Konzertbetrieb wirds meist gescheut, fast als wärs ein Tripperkonzert. Dass es dazu gar keinen Grund gibt, beweist das belgisch-weltumspannende Ad-Hoc-Orchester Le Concert Olympique unter seinem Gründer Jan Caeyers im Kammermusiksaal.

Der Appeal des scheinbar unspektakulären Programms mit zwischen 1795 und 1810 entstandenen Werken von Haydn und Beethoven zeigt sich nicht auf den ersten Blick, aber aufs erste Hören. Und dass man das im Zentrum stehende Tripelkonzert C-Dur op. 56 (1804) von Ludwig van Beethoven sogar zu lieben lernt, daran ist nicht zuletzt das Solistentripel schuld. Weiterlesen

Quer: Rundfunkchor, RSB, Hrůša mit Dvořáks „Stabat Mater“

O wunderbarer November, du Monat nicht enden wollender Lamenti, Requiems, Stabant Matres! Ebensogut in den Totenmonat November wie in die Karwoche passt auch Antonín Dvořáks Stabat Mater op. 58, das das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor Berlin unter Dirigent Jakub Hrůša in der Philharmonie aufführen. Ein Kindertoten-Oratorium möchte man es nennen, weil es nicht nur um den gekreuzigten Sohn Gottes geht, sondern auch um die drei kleinen Kinder des Künstlers, die vor und während der Komposition (1875-77) starben. Unvorstellbar, wie ein Mensch mit einem solchen Schmerz weiterleben kann.

Ist dieses Stabat Mater nicht ein seltsames Werk, in dem einiges quer steht? Weiterlesen

Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

Mal ein Lob dem ungebildeten Zwischenapplaus inmitten eines mehrsätzigen Werks: Sowieso die geringste aller denkbaren Hörstörungen, kann er auch eine befreiende und aufmunternde Wirkung haben. Zum Beispiel bei so einem Extrem-Einspringing, wie es der junge brasilianische Dirigent Eduardo Strausser beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Freitag hinlegt. Chefdirigent Robin Ticciati ist nämlich unpässlich geworden, offenbar äußerst kurzfristig: erst nach der Generalprobe, wie man hört, wieder der Rücken.

Johann Sebastian Bachs 4. Orchestersuite D-Dur BWV 1069 könnte das Orchester wohl auch dirigentenlos spielen, Konzertmeister Wei Lu würde das schaukeln, so wohlpräpariert ist das. Weiterlesen

Lacrimös: Michael Francis beim Rundfunk-Sinfonieorchester mit Haydn, Britten, Ives, Vaughan Williams

Zu den sieben Plagen der Musikkritik gehört (neben diesem Werthers-echte-farbenen Vokabular von konzis bis luzide und irisierend bis saftig) die ewige Herumkauerei, wie viel Publikum da war. Oder eben nicht da war. Da in diesem Blog mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik sein soll, hier nur so viel: Dieses tränenreiche englische Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Michael Francis hätte full house verdient. Oder wie Opa Werther sagen würde: fulminant! Weiterlesen

Dunkelrot: Sowjetrussisches vom DSO/Payare und Ensemble unitedberlin/Vladimir Jurowski

Reformationstag oder Halloween? Sowohl als auch: 100 Jahre Oktoberrevolution.

In zwei Berliner Konzerten kommt sie vor: Einmal als ferner Gast, aus Inferno-Tiefen betrachtet beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Rafael Payare. Einmal als Hauptperson, aus größter Nähe und unendlicher Weite zugleich in einem aufregenden Programm des Ensemble unitedberlin unter Vladimir Jurowski.

Weiterlesen

Kregelkompetent: Berliner Philharmoniker und Ton Koopman mit Bachs h-Moll-Messe

Champagnerschwaden statt Haschischrauch! Das stilgerechte Aufführen von alter Musik, über deren wilde Undergroundzeiten Ton Koopman lustig erzählen kann, ist längst philharmonabel geworden. Irgendwie nostalgisch also, dass vor der Berliner-Philharmoniker-Aufführung von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe BWV 232 ein pechschwarz gekleideter, schlohweißhaariger Herr sich auf der philharmonischen Toilette etwas Undefinierbares aus einem perlenbesetzten Hippiedöschen in die Nase zieht. Diese Soziologieprofessoren i.R. kennen da nix.

Koopmans so mitreißende wie ulkige Ganzkörper-Fuchteltechnik hat was von Ministry of Silly Conducting. Es wird geraunt, einige Sänger und Musiker mache das ganz wuschig. Aber die musikalische Gesamtsituation in der Philharmonie ist ausgesprochen kregel und die Aufführung hinreichend unfuchtelig-präzise. Weiterlesen

Scharfohrig: Berliner Philharmoniker, Rattle, Sellars mit Leoš Janáčeks „Příhody lišky bystroušky“

Leoš Janáčeks Wald webt nicht, sondern lebt. Hört man seine Oper Příhody lišky bystroušky (was man eher als Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf oder auch Scharfohr übersetzen müsste, nicht Das schlaue Füchslein), hat man den Eindruck, dass Janáček im Gegensatz zu Wagner und anderen teutschen Waldweberomantikern auch mal einen Wald betreten hat. Wie überwältigend und unangenehm zugleich es da flirrt, sirrt, sticht, funkelt, kratzt und knackt, zeigt die Aufführung der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und fantastischen Sängern (sowie einer endfaden Semi-Regie).
Weiterlesen

Schwön: Berliner Philharmoniker, Mitsuko Uchida, Amihai Grosz spielen Mozart, Walton, Kodály

William Walton (1902-83) / Quelle: Walton Trust

Das sei aber mal ein Bratschenkonzert, das alle Bratschenklischees vermeide, war neulich bei der Uraufführung eines (übrigens sehr schönen) modernen Bratschenkonzerts zu hören. Was aber sind eigentlich die Legionen von Bratschenkonzerten, die dem Bratschenklischee frönen?

Eine Antwort gibts bei den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, der sich gutgelaunt durch seine Abschiedssaison dirigiert. Und sehr schön ist William Waltons Violakonzert (1929, rev. 1962) übrigens auch. Um nicht zu sagen schwön. Weiterlesen