Naturgezartig: Staatskapelle und Rattle spielen Gabrieli, Haydn, Janáček

Stehen in der Berliner Philharmonie Haydn und Janáček auf dem Programm, muss man den Namen des Dirigenten gar nicht dazu sagen. Es sei denn, um zu streiten, ob man ihn Sir Simon nennen soll, wie laut Musiklehrer des Konzertgängersohns alle Berliner sagten (nein, ruft der Vater), oder eben Simon Rattle.

Beide Herzensstücke dirigiert er auswendig, nicht nur Haydns Pariser D-Dur Sinfonie Nr. 86, sondern auch Janáčeks gigantische Glagolitische Messe. Kurze Irritation, weil ihm das falsche Orchester gegenüber sitzt: nicht die Berliner Philharmoniker, sondern die Staatskapelle. Aber was heißt falsch, Rattle ist jetzt ein freier Mann, und das Orchester der Lindenoper dirigiert er ja schon seit langem immer wieder. Weiterlesen

Schattendinglich: „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper

E.M. on the isle of the living

Drei, zwei, eins – keins, nevermore, nie wieder: Wiederaufnahme der Sache Makropulos von Leoš Janáček an der Deutschen Oper Berlin, noch zwei Vorstellungen gibts bis zur Derniere am 22. November. Dreieinhalb Jahre waren das seit der Premiere, ein Hundertstel der Zeitspanne, die diese Oper umspannt: ein packendes Werk über das Entsetzen der Unsterblichkeit oder, denk pink, übers Glück der Sterblichkeit.

Eigentlich aber dürfte man, bevor man reingeht, gar nichts wissen über die Handlung von Věc Makropulos. Das findet jedenfalls Michael Füting in seiner kleinen Biographie von Leoš Janáček (Transit-Verlag). Denn diese Oper von 1926 ist ja ein Thriller, der erst am Ende aufgelöst wird. Nur dass wir Heutigen, bevor wir ins Opernmuseum gehen, mittels Opernführer oder Wikipedia eigenmächtig Surprise durch Suspense ersetzen, um mit Hitchcock zu sprechen. Ob man am Ende alles durchblicken würde, wenn man sich das Stück ganz unvorbereitet anschaute?  Man sollte schon ausgeschlafen sein, denn die Personenkonstellation ist verwickelt. Einen Versuch wärs aber wert, wenn man das Stück nicht kennt. In dem Fall hier nicht weiterlesen, sondern eine Karte kaufen, ohne die Inhaltsangabe zu lesen. Wer dagegen bis zum Schluss des Krimis vorblättern will (denn die Auflösung besteht in der Vorgeschichte): bitte sehr.

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Sehn(en)ziehend: DSO und Ticciati mit Berlioz‘ „Roméo et Juliette“

Berlioz, entfunkt, dafür bewischmopt

Merkwürdiger Fall eines Konzerts, an dem eigentlich nichts schlecht ist, aber sich der Funke nicht finden will, der das Ganze entzündet. Und wenn der fehlt, kann einem Hector Berlioz‘ Roméo et Juliette ganz schön lang werden. Selbst wenn das Deutsche Symphonie-Orchester unter seinem Chefdirigenten Robin Ticciati spielt. Liegts an den Musikern? Vielleicht am Hörer? Oder gar an … Berlioz?

Dabei ist das ja schon optisch eine Freude mit den dekadenten vier Harfen und dem massiven Blech auf dem Podium der Philharmonie. Und Roméo et Juliette von 1839 ist ein faszinierendes hypertrophes Dingsbums, ein bisschen das französische Gegenstück zur Neunten: Während es bei Beethoven die Instrumentalsinfonie in den Wortschwall sehnzieht, ziehsehnt sich die Oper bei Berlioz ins Sinfonische. Weiterlesen

Geisterweinend: RSB, Slobodeniouk, Widmann spielen Schumann, Reimann, Beethoven

Solistin mit Orchester

Auch wenn man eigentlich gern im 19. Jahrhundert gelebt hätte, manchmal ist es gut, dass es nicht so ist. So kann man sich heute Robert Schumanns Violinkonzert anhören, ohne sich an dessen Abweichungen oder auch Unzulänglichkeiten zu stoßen. Wie es die Hörer im 19. Jahrhundert vielleicht getan hätten, wenn das 19. Jahrhundert sie dieses Werk denn hätte hören lassen; genauer gesagt die Schumannfamilie und die Freunde Brahms und Joseph Joachim, die es unter Verschluss hielten. Bis es 1937 zur vernazigifteten Uraufführung kam. Kein Wunder also, dass die Zeit dieses Werks jetzt erst gekommen zu sein scheint. Statistisches Faktum oder nur Berliner Konzertgangszufall, dass es in letzter Zeit immer häufiger zu hören ist? Mit der Geigerin Carolin Widmann bildet es den Mittelpunkt des vergeisterten, tränenreichen Konzerts, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie unter Leitung von Dima Slobodeniouk spielt. Weiterlesen

Aktivstruppverdichtend: JACK Quartet im Kammermusiksaal

Lost and found im dichten Aktivitätsgestrüpp

Kontrastprogramm in der Philharmonie: Während in der Großen Halle des Musikvolkes Herr Lang und Frau Mutter zu Ehren von Tausendzweihundert Jahre Deutsche Grammophon festkonzertieren, setzt es im Hinterhaus eine bunte Mischung Neues, Modernes, Zeitgenössisches. Am Eingang zu jenem Querhörgebäude steht sicherheitshalber eine freundliche Mitarbeiterin, die jeden Herantröpfelnden besorgt fragt, ob er wirklich zum JACK Quartet wolle.

Keine Ahnung, antwortet ein älterer Herr im feinen Zwirn, muss ich meine Frau fragen. Weiterlesen

Hörstörung (24): Notwehr-Exzesse im Konzertsaal

Sinfoniekonzert (Symbolbild)

Dass vor wenigen Wochen ein Malmöer Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters unter Andris Nelsons in einer Schlägerei endete, lag weder an aufführungstechnischen Unzulänglichkeiten noch an der generell aufwühlenden Wirkung von Gustav Mahlers Fünfter, sondern war die Eskalation eines Konflikts, der von der Hörstörung durch ein sich auswickelndes Kaugummi (oder doch eher ein Hustenbonbon?) ausging. Das Parlando über solche notorischen Hörstörungen ist nicht nur ein beliebtes, manchmal leider an die Stelle der Reflexion über die gehörte Musik tretendes Pausengesprächsthema unter Konzertgängern, sondern seit jeher eine der erfolgreichsten Rubriken in diesem Blog. Aus Gründen. Und Anflüge von Körperverletzung sind da tatsächlich nichts Neues. Auf einen anderen Aspekt machte jedoch anlässlich des Malmöer Exzesses die, oft selbst von Hustern und Raschlern gestörte, Musikkritikerin Julia Ruth Spinola bei Facebook aufmerksam: Weiterlesen

Schmelzverfallend: Medtner-Festival in Berlin

Berlin drängt zu Medtner

Auf Nikolaj Medtner hat Berlin gewartet. Zumindest der klavieristisch interessierte Teil der Stadt. Der ist, wie sich zeigt, groß genug, dass schon die Eröffnungsveranstaltung in der Schwartzschen Villa heftig überlaufen ist. Da niemand abgewiesen werden soll, drängt man sich so innig, dass bald Temperaturen herrschen wie in der berlinweit berüchtigten Tropenlinie U9, an deren südlicher Endstation die Villa liegt. Dass der Andrang gerechtfertigt ist, daran hat der Konzertgänger keinen Zweifel, auch wenn er aus Zeitgründen nur die ersten beiden Konzerte des am Samstag zu Ende gegangenen Festivals medtner classics besuchen konnte. Weiterlesen

Ausbalancierend: Wiener Philharmoniker im falschen Konzerthaus

„Klassik hautnah“ ist ja eine zwiespältige Verheißung in Zeiten von Levine, Dutoit, Gatti & Co. Aber wenn die Wiener Philharmoniker auf Tuchfühlung kommen, geht alles ganz manierlich zu. Grab them by the Trommelfell, zart, nicht hart. Das Publikum sitzt ringsum und dicht dran im aus Wiener Sicht falschen Konzerthaus, dem berlinischen nämlich. Hier ist man ja, dank Iván Fischer, solche durcheinander gewürfelten mittendrin-Formate gewohnt. Das Programm 360 Grad Wiener Philharmoniker ohne Dirigent, dafür mit Johannes Maria Staud, John Cage und Arnold Schönberg ist mehr als ein Appetizer für den Konzerthaus-Schwerpunkt Hommage an die Wiener Philharmoniker im Dezember. Weiterlesen

Hirnherzmutheimwärts: Valtinonis „Zauberer von Oz“ an der Komischen Oper

Kein anderes Berliner Opernhaus macht sich so viel Mühe mit dem Kinderkram wie das Komische – und wirkt dabei so freudevoll. Das gilt nicht nur für die große Bühne, sondern auch für Foyer und Prachttreppe der Komischen Oper: Die Stimmung ist bereits vor der deutschen Erstaufführung von Pierangelo Valtinonis Der Zauberer von Oz ganz eminent. Da wird einem schlagartig klar, dass es bei sogenannten Erwachsenen-Opern viel zu selten vorkommt, dass Premierengäste auf dem roten Teppich Purzelbäume schlagen und elegante Abendkleidträgerinnen sich gackernd auf dem Boden herumwälzen. Die Oper ist ab 6 Jahren empfohlen, es sind aber etliche Jüngere da, die weder Schaden nehmen noch anrichten. Ältere dito. Weiterlesen

Divertierend: Dudamel und Berliner Philharmoniker spielen Bernstein und Mahler

Die Berliner Feierlichkeiten zum Leonard-Bernstein-Zentenarium erreichen ihren Höhepunkt: Vier Wochen vor dem Bernstein-Festival der Komischen Oper koppeln die Berliner Philharmoniker in zwei Programmen große Symphonik des 20. Jahrhunderts mit Werken von Bernstein. Nächste Woche Schostakowitschs Fünfte mit Bernsteins Jeremiah, aber erstmal Gustav Mahlers Fünfte mit dem Divertimento for Orchestra, das Bernstein 1980 füs Zentenarium der Bostoner schrieb. Alles mit Gustavo Dudamel. Weiterlesen

Praeminiszierend: Medtner-Festival in Berlin vom 29. Oktober bis 3. November

Uralter weißer Mann, trotzdem näherer Betrachtung und Behörung wert: Nikolaj Karlowitsch Medtner (1879-1951) dürfte ein Kandidat für jenen wichtigen Nebenhauptgipfel des Piano-Olymps sein, auf dem die unbekanntesten unter den bedeutendsten Klavierkomponisten Nektar schlürfen, Ambrosia knabbern und darüber lächeln, wie sie hilflos als Geistesbrüder von Rachmaninow oder russische Brahmse beschrieben werden. Am halbgöttlichsten unter den unbekannten Olympischen dürfte freilich der sein, nach dem ein Asteroid benannt wurde, wie es Medtner von sich sagen darf. Eins der bekanntesten Werke aus Medtners umfangreichem Schaffen ist wohl die Sonata reminiscenza aus der Zeit nach dem Ersten Welttkrieg, die manch einer in seiner Emil-Gilels-Box stecken hat. Um aus Reminiszenz Praeminiszenz zu machen und die Ohren, Herzen und Köpfe der Zukunft für diesen Komponisten zu öffnen, veranstaltet die (was es nicht alles gibt) Internationale Nikolaj Medtner Gesellschaft das schickobello medtner classics benamte erste deutsche Medtner-Festival. Das findet vom 29. Oktober bis zum 3. November in Berlin statt, mit Ausstellung, Diskussionen, Medtner-Café und vor allem viel Kammer- und Klaviermusik. Und zwar alles bei freiem Eintritt; nur den Kaffee wird man wohl selbst zahlen müssen. Weiterlesen

Komplex wohlig: Berliner Symphoniker spielen „Verfemte Meister“

Erich J. Wolff schaut uns von ferne an

Staunenswertes gibts im Berliner Konzertleben zu vermelden: Mit das aufregendste, jedenfalls das verdienstvollste und mutigste Konzert der neuen Saison spielen die Berliner Symphoniker, für den ignoranten Konzertgänger bisher bloß so ein Peter-und-der-Wolf-Orchester. Von wegen. Denn zwei von drei Namen sind fast völlig unbekannt in dem Programm Verfemte Meister, das sich am Sonntagnachmittag in der Philharmonie jüdischen bzw jüdischstämmigen und im „Dritten Reich“ unhörbar gemachten Komponisten widmet.

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