Zäh packend: Monteverdis „Ulisse“ und „Poppea“ mit John Eliot Gardiner

Disparate Vollendung beim Musikfest Berlin: Nach dem Startschuss mit L’Orfeo führt John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists in der Philharmonie die beiden anderen erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi auf, die 35 Jahre nach dem Urknall am Fürstenhof von Mantua fürs neue Opernhaus in Venedig entstanden. Und der Konzertgänger fragt sich: Woran liegt es, dass ihm – bei allem Respekt vor der imposanten musikalischen Leistung – Il ritorno d’Ulisse in patria (1641) gelegentlich etwas zäh wurde, während er L’incoronazione di Poppea (1643) als Krönung der Trias erlebte? Weiterlesen

Orpheen, anders: Ilya Gringolts und Sunhae Im beim Musikfest

Lohnende Abstecher während der dreiabendigen Monteverdi-Hochgebirgstour mit Gardiner: eine violinistische und eine gesangliche Gipfelbesteigung im Kammermusiksaal. Die Akademie für Alte Musik tritt mit der umwerfenden Sopranistin Sunhae Im auf, der russische Geiger Ilya Gringolts ganz allein mit seiner Guarneri „del Gesù“.  Weiterlesen

Urklänge, chorphisch: Monteverdis „L’Orfeo“ mit John Eliot Gardiner

Belcanto? Belrecitando! Aufbruch zu einer Reise in die Urgründe der Oper mit Sir John Eliot Gardiner und seinen Musikern, die zu Claudio Monteverdis 450. Geburtstag mit dessen drei erhaltenen Opern durch die Weltgeschichte tingeln, beginnend mit L’Orfeo. Sollte das den Beteiligten schon zum Hals heraushängen, lassen sie sich auf ihrer einzigen Station in Deutschland, beim Musikfest in der Philharmonie, nichts anmerken.

Keine Ermüdungserscheinungen? Weiterlesen

Nichtsnah, himmelwärts: Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout beim Musikfest

Zur Geigerin Isabelle Faust geht der Konzertgänger stets mit den höchsten Erwartungen. Aber dann werden sie doch jedesmal übertroffen.

Was für eine kunstvolle Programm-Architektur bei Faust und dem Cembalisten Kristian Bezuidenhout. Und das einen Tag, nachdem Barenboim und die Staatskapelle ihre Saison und nebenbei das Musikfest Berlin mit einem Programm eröffneten, wie man es sich schwerer (was das Werk selbst angeht) und zugleich unambitionierter (als Saison- und Festivaleröffnung) nicht vorstellen kann: nämlich Bruckner ohne alles (Tagesspiegel-Kritik).

Nun im Kammermusiksaal Bach plus Frühbarock, fast drei Stunden lang. Welche Zusammenhänge und Kontraste sich da hörend erschließen! Weiterlesen

Vorschau Musikfest

Den Sommer verbringt der Konzertgänger nicht als Festivalhopper, sondern als Hochgebirgssteiger und Konservenhörer. Live gehts ab September wieder los, mit Konzertmarathon beim Musikfest Berlin und Berichten in diesem Blog in neuem Gewand. Zur Einstimmung eine Konservenliste auf Idagio:

Claudio Monteverdi trifft auf Isang Yun, Renaissance-Avantgarde auf Zeitgenössisches, große Symphonik auf virtuose Kapricen: Die neue Konzertsaison wird in Berlin traditionell vom Musikfest eingeläutet. Der bescheidene Name (denn Musikfeste gibt es auch in Hinter-Posemuckel, und oft keine schlechten) mag untypisch sein für die gern großspurig daherkommende Hauptstadt der Superlative. Schließlich gibt es hier die meisten Spitzenorchester des Landes, die teuersten Opernrenovierungen und sogar mystische Flughafenbaustellen, die als Gleichnis der Unendlichkeit zu lesen sind. Weiterlesen und -hören

17.9.2016 – Verfilzt: Ensemble Resonanz und Tabea Zimmermann spielen Saunders, Poppe, Schubert

giovanni_folo_agostini_tofanelli_-_a_ninfa_ecoDas Musikfest Berlin bietet nicht nur großorchestrale Feuerwerke, sondern auch kammermusikalische Sternstunden. Eine fand am Samstag statt: Das Ensemble Resonanz (beheimatet in St. Pauli und bald, oho, erstes Residenzensemble im Kammermusiksaal der Elbphilharmonie, quasi als Resonanzresidenz) präsentierte ein Programm von zeitlicher wie ästhetischer Überlänge, in dem Franz Schubert, Enno Poppe und Rebecca Saunders einander resonierten und echoten. Und zwar in der klammerförmigen Anordnung Schubert/ Poppe/ Saunders/ Saunders/ Poppe/ Schubert, summa summarum etwas über 180 Minuten, keine zuviel. Weiterlesen

15.9.2016 – Veränderlich: John Adams bei den Berliner Philharmonikern

Für das Bekenntnis, dass mir der Klang von Zwölftonmusik überhaupt nicht gefällt, wird heutzutage zum Glück niemand mehr vor den Darmstädter Wohlfahrtsausschuss zitiert. So kann sich der amerikanische Komponist John Adams (der das 2008 in seiner Autobiografie schrieb) ohne Gefahr für Leib und Leben ins Alte Europa begeben, um hier ein Jahr als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker zu verbringen. 2012 war er bereits mit dem BBC Symphony Orchestra beim Musikfest zu Gast, um seine Oper Nixon in China konzertant aufzuführen.

Adams eröffnet sein erstes Konzert in der Philharmonie mit der dreiteiligen Harmonielehre (1985), deren Titel sich auf Arnold Schönbergs Buch von 1911 bezieht (hier eine lustige zeitgenössische Lobbuckelei des Schönbergianers Heinrich Jalowetz). Wunderbar, dieses berühmte Stück von Adams einmal live zu hören: nicht weniger als ein Hauptwerk des 20. Jahrhunderts, wenn man Alex Ross‘ Buch The Rest Is Noise folgt, Weiterlesen

14.9.2016 – Sorgfältig ekstatisch: Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann spielen Ligeti, Bartók, Strauss

anthony_van_dyck_-_family_portraitSelbst eingefleischte Richard-Strauss-Muffel wie der Konzertgänger können dieser Sinfonia Domestica nicht widerstehen, die das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters beim Musikfest Berlin in der Philharmonie beschließt. Die Kluft zwischen dem privaten Sujet und den musikalischen Mitteln des Werkes (womit nicht die Größe des Orchesters gemeint ist, sondern die pompöse Klangsprache) ist und bleibt zwar bizarr, ja lächerlich. Sinfonische Dichtung Ein Eheleben. Der Konzertgänger kann nie umhin, sich bei den instrumentalen Potenzierungen des dritten Themas ein 60 Meter großes Frankensteinbaby „Bubi“ vorzustellen.

Aber das Bayerische Staatsorchester zeichnet sich unter Kirill Petrenko durch eine so hinreißende Klangkultur aus, dass alles egal wird. Weiterlesen

11.9.2016 – Fraktal: Junge Deutsche Philharmonie, Nott, Kuusisto spielen Varèse, Ligeti, Beethoven

toffifee

Philharmonie (Detail)

Die Tochter des Konzertgängers kommt am Sonntagvormittag nicht nur deshalb mit in die Philharmonie, weil deren goldene Fassadenplatten sie an Toffifee erinnern, sondern auch weil der Geiger Pekka Kuusisto und die Streicher der Jungen Deutschen Philharmonie sich in György Ligetis Violinkonzert (1990) alles erlauben dürfen und müssen, was die Geigenlehrerin ihrer Schülerin auszutreiben versucht: Weiterlesen

9.9.2016 – Arkanisch: Berliner Philharmoniker mit Andris Nelsons spielen Debussy, Varèse, Berlioz

Scheinbar wohlig, weich, warm ist Edgar Varèse hier gebettet zwischen Debussy und Berlioz, trotzdem sind die Arcana (1927, rev. 1960) in diesem gelungenen Konzert alles andere als Alibi-Moderne. varese1-kleinMancher im Publikum stöhnt auf bei dieser bumpernden, schrillen, mitreißenden Attacke aufs Gehör. Dabei sollte auch der Varèse-Muffel froh sein, dass die Berliner Philharmoniker nicht Dieter Schnebels Ratschlag folgen und verlangen, diese Musik ohne Kleider zu vernehmen. (Ein Nackt-Konzert wäre vielleicht mal eine Idee fürs Radialsystem.)

In der Tat sind die Arcana eine unmittelbare leibliche Erfahrung, zugleich äußerst kurzweilig wegen der simpel wirkenden Kontrasttechnik von gewaltigem Anschwellen und abrupter Stille. Das wirkt keineswegs zerrissen, stattdessen entsteht ein Flow, der an das eingangs gehörte Prélude à lʼaprès-midi dʼun faune von Claude Debussy erinnert, aber alchemistisch verhexenküchelt: Weiterlesen