15.7.2016 – Hörstörung (4): Plopp bei Stockhausen

Während der im Rahmen des heute endenden Festivals Infektion! vom Pianisten Adrian Heger in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater so beeindruckend kompetent wie spielfreudig dargebotenen Klavierstücke I bis IX (1952-61) von Karlheinz Stockhausen, die der Konzertgänger sich zwischen einem erneuten Besuch von Salvatore Sciarrinos zwar recht oberflächlich, mitunter rosenkavalierchargenhaft inszenierter, doch sagenhaft schön tönender Oper Luci mie traditrici (heute zum letzten Mal) und dem an Hegers Rezital anschließenden Gesang der Jünglinge, Stockhausens elektronischer Pioniertat, einer im Jahr 2016 historisch interessanten, wenngleich akustisch öden Hörerfahrung, mit wachsendem geistigen und seelischen Gewinn anhörte, kam es – und zwar im III. oder IV. Klavierstück, die im Gegensatz zu den späteren, aus dem und in den Klang entstehenden, figurationenreichen Stücken für Konzertgängers Ohren noch nach bloßer serialistischer Parameterware klingen – zu einem unerhörten Ereignis, als in der streng determinierten Abfolge von Dauern, Höhen und Farben plötzlich das aus jeder Ordnung schlagende Ploppen des Bügelverschlusses einer Bierflasche zu hören war.

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11.10.2015 – Gigantisch leicht: Francesco Piemontesi spielt Haydn, Mozart, Beethoven und… Stockhausen

Einen gewaltloseren Pianisten als den jungen Schweizer Francesco Piemontesi kann man sich nicht vorstellen. Trotzdem klagt ein älterer Herr in der Pause, er fühle sich erschlagen. Seine Begleiterin mutmaßt gar, in der Philharmonie würden Pianisten gezwungen, sowas zu spielen. Was ist passiert? Ein paar Minuten Stockhausen, vor immerhin 60 Jahren komponiert, inmitten von Haydn, Mozart, Beethoven.

Dabei ist es ein überaus durchdachtes Programm, von Provokation keine Spur: Nach den Haydn-Variationen klingt Karlheinz Stockhausens Klavierstück IX wie ein Thema mit Variationen, nach der Mozart-Fantasie das Klavierstück V wie eine völlig freie Fantasie. Piemontesi spielt die beiden Stücke im Kammermusiksaal an einem zweiten Steinway, der hinter dem Klassiker-Steinway steht, und dieser hallt vor allem in Stück IX wunderbar mit – so wie man umgekehrt bei den jeweils folgenden Beethoven-Sonaten stets Stockhausen mithört. Man glaubt kaum, dass das 50er-Jahre-Avantgarde ist, man braucht keinen Adorno, um diese sinnliche, ja romantische Klaviermusik zu hören.

In Stück IX gibt es erstmal lange dasselbe, nämlich 227mal den gleichen Akkord, aber er klingt jedesmal anders. Wenn dann in Beethovens 31. Sonate As-Dur op. 110 vor dem Klagenden Gesang vierzehnmal das A wiederholt wird, erst recht in den zehn Wiederholungen des G-Dur-Akkords, bevor die rettende Fuge nach u. nach sich neu belebt, staunt man ergriffen über die faszinierenden Zusammenhänge, die da hörbar werden.

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Noch bewundernswerter als die Programmgestaltung ist freilich Francesco Piemontesis Anschlag: Es muss wahnsinnig schwer sein, so leicht zu spielen. Joseph Haydns wunderbare Variationen f-Moll Hob. XVII,6 spielt er in nächtlicher Sanftmut, fast verhangen, aber nie verschwommen, mit sehr weichem Anschlag und perlenden Läufen. Das lange Pedal am Schluss weist schon auf die Nachhall-Effekte bei Stockhausen voraus. Wolfgang Amadeus Mozart scheint Piemontesis Herz besonders nah, in der Fantasie d-Moll KV 397 sind die sich wiederholenden Akkorde gebrochen, verflüssigt, und das abrupte Abbrechen der Gedanken weist ohnehin über jede klassische Stil-Einheit hinaus.

In Beethovens 30. Sonate E-Dur op. 109, die den ersten Teil des Abends krönt, liegen ihm natürlich besonders die bagatellenartigen Vivace-Passagen des ersten Satzes (piano, dolce); in den Kontrasten klingt für den Hörer das Stockhausen-Erlebnis mit. Den zweiten Satz, Prestissimo mit passacaglia-artigem Bass, spielt Piemontesi nicht bärbeißig oder grimmig, sondern auch im Fortissimo ganz fließend. Das große Variationenfinale Gesangvoll, mit innigster Empfindung geht er langsam, ja gedehnt an, aber der Konzertgänger hört es in atemloser Spannung – auch deshalb, weil er es so gesangvoll in der Tat kaum je gehört hat, selbst in den höchsten Regionen über dem gewaltigen Trillerrauschen in der letzten Variation. Klangschön wie Wilhelm Kempff, aber technisch natürlich viel perfekter. Der Konzertgänger hört die E-Dur-Sonate ziemlich oft, manchmal ist er etwas enttäuscht; bei Piemontesi aber denkt er: Darauf hast du die ganze Zeit gewartet.

Ebenso vollkommen die oben schon erwähnte As-Dur-Sonate, mit der der Abend endet: der schwerelose Mozarttonfall am seltsam klassizistischen Beginn, der ungeheuerlich fahle Ton der folgenden Moll-Wendung; die sanfte Wanderung des Fugenthemas in den Bass im Finale, schließlich höchste Lautstärke ohne jedes Fugenmeistergerummse – in nur 15 Minuten werden Welten durchschritten.

Es gehört nicht viel Mut dazu, Piemontesi eine große Pianistenkarriere vorherzusagen. Braucht es Mut, als Zugabe mal eben Debussys Feux d’artifice scheinbar locker aus dem Ärmel zu schütteln? Es klingt unfassbar leicht. Das muss, wie gesagt, ungeheuer schwer sein. Nach dem Konzert ist der gewaltlose Piemontesi durchgeschwitzt, abgekämpft; aber hoffentlich ebenso glücklich wie seine Hörer.

Nachtrag: Zweite Zugabe, vom Konzertgänger nicht erkannt, war die Etüde a-Moll opus 104 von Mendelssohn – herzlichen Dank an Francesco Piemontesi für die Auskunft!

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19.9.2015 – Blau: Stockhausens ‚Erzengel Michael‘

Bei Stockhausen ist es wie weiland bei Wagner, man muss vom Zirkus um die Person absehen, um die Musik wahrzunehmen. Als die Frau des Konzertgängers Stockhausen, Opernzyklus, LICHT hört, befürchtet sie esoterischen Schmu in Überlänge, mindestens sieben Stunden atonale Geheimlehre, und weigert sich glattweg mitzukommen. (Dabei liebt sie den Ring.) Erst als sie erfährt, dass es nur eine gute Stunde geht, schwingt sie sich aufs Rad.

Das Ensemble Musikfabrik unter Ilan Volkov spielt im Haus der Berliner Festspiele ein Drittel eines Siebtels von LICHT, nämlich den II. Akt aus dem DONNERSTAG plus eine Art Ouvertüre sowie Nachspiel vor der Tür. Mit diesen Stücken begann Stockhausen Ende der 70er Jahre seine Arbeit an dem Zyklus. Es ist eine gute Entscheidung, das Stück über die spirituell-musikalische Weltreise des inkarnierten Erzengels Michael (die Stockhausens Curriculum Vitae entspricht) von der heiteren Seite zu nehmen: Schon als der Trompeter Marco Blaauw im drolligen Ritterwams auftritt, weiß man, dass die zahlreich erschienenen Kinder hier richtig sind. Der Posaune spielende Luzifer erscheint mit Umhang wie der Teufel im Kasperletheater. Vor allem aber ist die Musik so sinnlich und aufregend, dass sie unverbildete Hörer unmittelbar anspringt.

Featured imageIm Grunde ist ein fabelhaftes, hochvirtuoses Trompetenkonzert mit einigen szenischen Elementen zu erleben. Die Farbe Blau, die Michael zugeordnet ist, dominiert. Die Stationen der Reise werden mit simplen Requisiten dargestellt: Dom für Köln, siebenstrahlige Krone für New York, Bonsaibäumchen für Japan, Holzmaske für Bali usw. Musikalisch ist von serialistischen Umtrieben über gamelanige Weltmusik und erotische Harfenarpeggien bis zu elektronischer Echokunst alles dabei. Nur gesungen wird in dieser Oper nicht, auch nicht gesprochen, höchstens gehaucht, gepustet, geploppt, in Japan auch murmelnd bis 13 gezählt… Ein Klarinette spielendes Schwalbenpärchen sorgt für eine buffoneske Ebene. Das Bassetthorn des überaus reizenden Sternenmädchens (Merve Kazokoğlu) erklingt zunächst aus jenseitigen Sphären und rettet Michael vor dem Tuba-Drachen, doch dann mündet die Begegnung in eine ziemlich irdische Schäkerei zwischen den Instrumenten. Einen Augenblick muss der Konzertgänger ans Liebesgeplänkel im Heldenleben denken, einem seiner großen Ungunststücke; nein, lieber Stockhausen als Strauss.

Eins, zwei, drei im Sauseschritt folgen noch Verspottung, Kreuzigung, Himmelfahrt; etwas verquast ist es schon. Auch der nicht sehr beeindruckenden Elektronik merkt man an, dass Stockhausens Komposition schon fast 40 Jahre auf dem Buckel hat. Aber es ist herrliche Musik. Findet auch die Frau des Konzertgängers.

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Ensemble Musikfabrik

24. Juni 2015 – Fremdschamlos: Karlheinz Stockhausens ‚Originale‘ in der Staatsoper

Obwohl die Staatsoper versichert, die gute alte Aktionskunst Fluxus sei heute relevanter denn je, radelt der Konzertgänger mit vorsichtiger Skepsis gen Schillertheater. Dabei ist seine persönliche Bilanz des diesjährigen Infektion! Festivals für Neues Musiktheater, das sich nicht allzu streng dem Thema Fluxus widmet, durchaus erfreulich: Waren John Cages Europeras durchwachsen, so hat ihn doch Footfalls/Neither von Samuel Beckett und Morton Feldman nachhaltig verzückt; aber daran war gar nichts Fluxushaftes.

Featured imageAuch am Schillertheater ist eigentlich nichts Fluxushaftes. Um Atmo zu schaffen, steht eine traurige Installation vor dem Haus. Im Flur der Werkstatt sind die Wände (rund ums Rauchen nicht gestattet, Ordnung muss sein) bemalt, beklebt und beschrieben, mit einer Mischung aus penetranter Infantilität und theorieseliger Großsprecherei, die im Konzertgänger einen beklemmenden Flashback in seine unseligen Uni-Zeiten hervorruft. Vielleicht ein persönliches Problem; vielleicht trübt auch das lange Rumstehen im stickigen Flur vor verschlossener Tür seine Stimmung.

Er ist jedoch nicht der einzige Miesepeter: Etwa 90 Sekunden nach Einlass verlassen die ersten Besucher die Vorstellung, was vielleicht ein wenig borniert ist. Aber man hat tatsächlich das Gefühl, nun wirklich alles gesehen, gerochen und gehört zu haben: den Podiumsaufbau mit herumkasperndem Mitspielregisseur (Akuluku! Akuluku!), das beißende Räucherstäbchen-Odeur, die herumgetragenen Didgeridoos, sogar umarmt wird man. In großer Kunst geht es ja immer um Grenzerfahrungen, Fremdschämen ist auch eine.

Das interaktiv miteinbezogene Publikum schaut apathischer als in jeder Puccini-Oper zu, was ihm da vorgesetzt wird: ein Theater der Nicht-Repräsentation, bei welchem die Mitwirkenden „als sie selbst“ auftreten, soll Stockhausen in seiner Happening und Eventpartitur geschaffen haben. So offen der Anfang, so konventionell das Ende, mit Klatschen und Verbeugen. Der Abend hat ja durchaus seine Reize gehabt: Der Schauspieler Günter Schanzmann lallt zahnlos herum, bevor er sich sein Gebiss wieder einsetzt, um aus Sophokles‘ Antigone zu deklamieren. Die Fassbinder-Veteranin Irm Hermann hat eine geradezu auratische Präsenz, auch wenn sie sich ungelenk bewegt wie eh und je und immer noch nicht richtig sprechen kann (Zukumpft). Der 85jährige Gerhard Rühm sitzt reglos im Sessel, ehe er kurz vor Schluss ein Lebenszeichen in Form einer witzigen Gedichtlesung von sich gibt; übrigens der einzige Moment, an dem im Saal gelacht wird. Auch einen gesichtstätowierten Leierkastenmann und einen ulkigen Roboter gibt es. Eine Sängerin zerschlägt mit einem Beil keinen Konzertflügel, sondern einen Umzugskarton, vielleicht eine Budgetfrage. Schließlich tritt auch eine sympathische Kreuzberger refugee-Band mit Trommel und Ukulele auf und bietet Schunkellieder mit antirassistischen Statements dar, denen niemand wird widersprechen wollen (solange diese Zustimmung keinerlei Konsequenzen nach sich zieht); immerhin können diese Jungs und Mädchen sich richtig bewegen, vor allem der Rapper.

Dass das alles weder witzig noch erkenntnisfördernd ist, ist nicht das Problem. Was man zunehmend vermisst, ist Stockhausens Musik, auf der das alles basieren soll. Erst gegen Schluss gibt es längere Passagen der großartigen Kontakte-Komposition, mit Adrian Heger im Leben des Brian-Fummel am Klavier, Ni Fan am beeindruckenden Schlagzeug-Arsenal und Sébastien Alazet als Tontechniker, der magische live-elektronische Klänge in den Raum steigen und um die Köpfe des gemarterten, nun dankbaren Publikums schweben lässt.

Ungeheuer kraftvolle Musik ist das! Auf das Getue rundherum könnte man verzichten. Relevanter denn je? Kann weg.

Weitere Vorstellungen am 25. und 27. Juni

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