Musikfest 2018: Isabelle Faust & Friends verklären, Benjamin fängt nicht so recht

Gibt es irgendein Stück, das in nachgeschobener Orchesterfassung schöner ist als im Kammer-Original?

Arnold Schönbergs Verklärte Nacht jedenfalls nicht. Selbst wenn die ursprüngliche Sextettfassung nicht in solcher Luxusbesetzung aufgeführt würde wie im Kammermusiksaal beim Musikfest Berlin. Dass Isabelle Faust sich hier als prima inter pares gerierte, steht nur auf dem Programmzettel (Isabelle Faust & Friends), tatsächlich ist sie pars inter primas et primos. Prima Verklärung, die den Hörer fängt. Diesen Fängern folgt man gern, da ertrinkt keine Nuance.

Der unvergleichliche Wert der Streichsextettfassung zeigt sich schon in den ersten, wie aus dem Nichts sich herausdämpfenden Bratschentönen von Danusha Waskiewicz. Dass da sechs Musiker spielen, die miteinander tief vertraut sind, aber kein fixes Ensemble bilden, ist Stärke und Schwäche der Aufführung zugleich. Die Schwäche besteht darin, dass es kein homogenes Klangbild gibt. Die Stärke besteht ebenfalls darin, dass es kein homogenes Klangbild gibt. Es ist, als verliefen da verschiedene feinste sich regende Nervenstränge; durchaus mehr als sechs. Angeohrs so feiner Seelenregungen, da denkt man, eine so fein sich regende Seele, die möchte man mal haben.

Und unter solchem stillen Strom stehen. Die wechselnden Dialoge zwischen den Instrumenten haben eine ungeheure leise Spannung. Und dann gibt es da individuelle Momente, die zu den schönsten des ganzen Musikfests gehören; etwa wenn Faust lange Töne mit so langsamen Strichen hervorbringt, dass ein Hauch, ein hauchzarter Hauch von Schmutz in den Glanz der Seele tritt.

Keine Spur jedenfalls von der vor dem Konzert sich regenden Befürchtung, dass da in einer All-Star-Band jeder Star mit rattenfängerischer Brillanz nur für sich spielen würde, wie bei anderen Ad-hoc-Ensembles aus großen Namen schon erlebt. Höchstens der Cellist Jean-Guihen Queyras tritt mal eine Spur zu brillant hervor, aber nur eine Spur. Anne Katharina Schreiber spielt die zweite erste Geige, Antoine Tamestit die zweite erste Bratsche, Christian Poltéra das zweite erste Cello.

Es kommt einem vor, als hätte diese Verklärte Nacht nur einen Ohrenblick gedauert, eine kurze Seelenregung, Unendlichkeit. Am liebsten würde man danach gehen.

Erheblichen Luxus gönnt sich das Musikfest auch nach der Pause: George Benjamin dirigiert seine eigene lyrische Erzählung Into the Little Hill (2006) auf einen Text von Martin Crimp mit dem Mahler Chamber Orchestra. Die 15köpfige Instrumentalbesetzung umfasst auch ein Streichsextett, aber mit sechs anderen Musikern, die neben den Geigen schon mal zu Mandoline und Banjo zu greifen haben; außerdem einen Kontrabass und einen Schlagzeuger, der meistens Zimbalom spielt, und Bläser. Zwei Bassetthörner und die hervorragend gespielte Bassflöte prägen die Atmosphäre der nächtlichen Szenen. Zwei Sängerinnen gestalten den Text in wechselnden Rollen, auch als Erzählerinnen: Die Altistin Krisztina Szabó ist von prima verständlicher Diktion (und schöner Verschmelzung des Stimmklangs mit den Bassetthörnern), während Susanna Anderssons Sopran beeindruckend mühelos durch den Saal springt, nicht nur über weite Intervalle, sondern auch zwischen verführerischer Schwerelosigkeit und Bedrohlichkeit.

Das Interesse aber an dieser Version des Rattenfängers von Hameln (in der die Kinder nicht im Wasser enden, sondern in einem Hügel, wo music burns) erlahmt schnell. An den Ausführenden liegts nicht, sondern am Ausgeführten. Wenn der Rattenfänger und der Minister über dem Bett von dessen schlafendem Kind schachern (Swear to me by your sleeping child because / your sleeping child – / unlike your god / unlike your word / unlike your smile / – is innocent), dann fragt man sich, welche Abgründe Benjamin Britten aus diesem Missbrauch der Unschuld herauskomponiert hätte. Überhaupt liegen in Martin Crimps Text einige Tiefenschichten, die die Musik nicht recht erschließt. Bei George Benjamin hat alles professionellen Zug, die Sängerlinien sind klar, die Instrumentation perfekt. Aber der gewisse zündende Funke – tja, der zündet nicht und funkt nicht. Oder wie ein musiksüchtiger Bekannter des Konzertgängers es unverhohlen ausdrückt: Oh, the bloody boredom…

Mal hören, ob Benjamins größter Erfolg Written on Skin im November eine funkigere Zünde wird.

Die Begeisterung im Kammermusiksaal für Into the Little Hill ist groß. Viele Engländer im Publikum, Benjamin scheint dort eine große Nummer zu sein. In der Gegenwartsmusik-Subparallelnische halt.

Was nicht verschwiegen darf: Das Mahler Chamber Orchestra ist toll, aber selten sowas Grässliches gelesen wie diesen Satz in der Orchester-Bio: Das Mahler Chamber Orchestra wurde für seine Markenidentität mit dem Special Mention Prize des German Design Award 2017 ausgezeichnet. Tja. 2018 halt.

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