Vogelkundig: Aimard und Gardiner eröffnen das Musikfest mit Messiaen und Berlioz

Quelle: Bundesarchiv

Wo beginnen? Alle scheinen an diesem Wochenende auf einen Drücker loszulegen: Mahlers 8. im Konzerthaus, Eugen Onegin an der Komischen Oper… Das vielleicht Relevanteste gabs an der Peripherie des Klassikbetriebs, wo das Herz manchmal am heftigsten schlägt: im Heimathafen Neukölln unter Beteiligung von Hellersdorfer und Lichtenberger Musikschulen ein Musiktheaterstück über das Frauenorchester Auschwitz. (Dieses Mädchenorchester gibts nochmals am 19. und 20. September.)

Das Musikfest Berlin in der Philharmonie indes, der traditionelle Startbumps in den Berliner Klassikherbst, eröffnet gleich doppelt mit bunten Vögeln.

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Offizielles Loslegkonzert ist das Gastspiel von John Eliot Gardiners Orchestre Révolutionnaire et Romantique: eine turbulente konzertante Aufführung von Hector Berlioz‘ Oper Benvenuto Cellini (mehr dazu unten). Als gut dreistündigen So-much-more-than-Appetizer gibts aber zuvor eine Lange Nacht in der Philharmonie, in der Pierre-Laurent Aimard den Catalogue d’Oiseaux von Olivier Messiaen von A bis Z durchblättert. Ein allseits gerühmter, niemals gehörter Klassiker der neuen Musik aus den 1950 Jahren, der auch gut den Monat der zeitgenössischen Musik präludiert. Der beginnt nämlich auch noch an diesem Wochenende!

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Wie die Zauberbüchse des Ornithokosmos steht Aimards Steinwayflügel auf dem Podium: inwendig blau leuchtend, ein Strahlen scheinbar aus dem Inneren des Korpus heraus. Das Publikum im Großen Saal der Philharmonie aber besteht aus Vogelbeguckern im Unterholz, mucksfinkenstill und den Feldstecher vor dem Dekolleté. Es ist mit echt ornithologischer Geduld gewappnet. Denn nur wer sich im Lauf der Stunden niemals bei dem Gedanken ertappt, dass sich die vielen Stücke des vollständigen Vögel-Zyklus durchaus auch zur unvollständigen, nichtzyklischen Aufführung anböten: der werfe den ersten Stein. Aber nicht in den Teich des Teichrohrsängers! Alle anderen können sich immerhin auf Boulez berufen, der meinte, Messiaen ersetze Komposition durch Juxtaposition.

Dabei sind die dreizehn Stücke des Juxtaponisten Messiaen faszinierend charakteristisch juxtaponiert. Stets weit mehr als ein musikalisches Vogel-Aquarell, jedes eine Welt, eine Kosmologie. Nur die Unendlichkeiten des Pfeifens, Krächzens, Schnarrens in die Halbtonbeschränkungen des Klaviers zu übersetzen wäre ja auch eine öde Angelegenheit. Die harschen, schroffen, dann sich überraschend verdünnisierenden Klänge in Le Chocard des Alpes (Alpendohle) evozieren Höhenwelten. Es gibt anthropomorphe Bezirke wie die Grandseñorhaftigkeit des Mittelmeersteinschmätzers (Le Traquet stapazin) und divinomorphe Bezirke sowieso. Es gibt in Le Loriot (Der Pirol) Diskant-Kaskaden von einigem Witz, wie Aimard ja immer ein ausgesprochen witziger Pianist ist. Es gibt auch diese typisch messiaenschen aufsteigenden Zuckerkringel, das numinose dolce, wie in Le Merle bleu (Die Blaumerle).

Das zentrale Stück ist die mit dreißig Minuten bei Weitem längste und pianistisch spektakuläre La Rousserolle effarvatte (Der Teichrohrsänger). In der Gestik wirkt es manchmal fast wie eine ornitheologische h-Moll-Sonate; einen Ablauf aber fasst man wohl, eine Struktur kaum. Doch da Messiaen dieses Stück zu Ehren der Vögel des Schilfs juxtaponiert hat, was unbedingt begrüßenswert ist, nimmt man das gerne hin.

In einem genialen Kraftakt schöpft Benvenuto Cellini den Perseus. (Zeitgenössische Darstellung)

Verglichen mit dem Teichrohrsänger ist Hector Berlioz‘ Benvenuto Cellini ein geheimnisarmer Paradiesvogel. Andererseits freut man sich nach Messiaens frugaler Farbigkeit, die Aimard bewundernswert zeigte, sehr über dieses knallbunte Berlioz-Orchester. Schon das Vorspiel mit seinen feurigen Streichern, seinen Fagotten und Posaunen und der sentimentsingenden Oboe sowie der zwölfarmigen Schlagbatterie ist eine Wucht.

Ist das wirklich der erste Auftritt von John Eliot Gardiners Orchestre Révolutionnaire et Romantique in Berlin? Kaum zu fassen. Man spielt auf historischen Instrumenten, und was im modernen Sinfonieorchester allzu dick tönen könnte, ist hier loderndes Feuer. Natürlich ist statt der vergleichsweise langweiligen Tuba auch die Ophikleide dabei. Eine musikalische Zirkuskanone, in den Soli von Marc Girardot wartet man drauf, dass da gleich Konfetti in die Luft schießt.

Das wirft stattdessen der Chor herum. Denn die Aufführung ist (erfahrene Konzertgänger zucken bei dem Wort angstvoll zusammen) „halbszenisch“. Das heißt hier viel Hin- und Hergehen, was doch schlimmer als Rumstehen ist, und Kostüme von Zeffirellis Resterampe, mit einer Tendenz zur halbseidenen Bademanteligkeit; der Papst tritt schließlich in Sternsingerkutte auf.

Ja, ist denn heut schon Karneval?

Egal. Denn Dieu merci ist die das musikalische Niveau höher als das szenische; und überhaupt die Musik schwungvoller als Berlioz‘ etwas juxtaponierte Handlung, die doch einige Löcher und Längen zu haben scheint. Mit der Wendung zum hypertrophen Künstler-Mythos wird die Chose schlagartig spannender nach dem anfänglichen Schlafzimmer-Schabernack. Und Sachen wie die Klangmischungen des römischen Karnevals sind der eigentliche enthusiasmierende Faxensabbat.

Dass der Cellini kein Dauerbrenner auf den Bühnen ist, mag auch an einem (bei aller schönen Musik) gewissen Mangel an nachhaltigen Ohrwürmern und eindrucksvollen Arien liegen. Die Chöre und Ensembles aber machen’s mehr als wett. Und eben dieses Orchester, das einen gar nicht aus dem Staunen rauskommen lässt, was da nun schon wieder Originelles, Bizarres, Packendes los ist.

Diese Hauptattraktion Orchester präsentiert ihre Reize gelegentlich so offensiv und auch laut, dass es für die Sänger eine Herausforderung ist. Michael Spyres ist ein wonneproppiger Tenor mit Heldentendenz, allerdings eher mittelprächtiger Höhe. Doch er erfüllt seine Figur mit Leben und Leidenschaft. Was auch die Teresa der Sopranistin Sophia Burgos tut, in ganz anderem Duktus: mit schlankem Vibrato, dem man die Kompetenz in alter und neuer Musik dies- und jenseits des 19. Jahrhunderts anhört. In den Ensembles leidet darunter ein wenig ihre Durchsetzungsfähigkeit, im Gegensatz zur überzeugenden Mezzosopranistin Adèle Charvet in der Hosenrolle des Ascanio. Starke Eindrücke hinterlässt auch der Bariton Lionel Lhote als Fiesling Fieramosca; doch selbst wenn der seine vergeblich begehrte Teresa besingt, ziehen erst die Fagotte, dann ein satter Vulkanausbruch im Orchester alle Aufmerksamkeit auf sich.

Und dann ist da noch Gardiners Monteverdi Choir: der reine Schatz, Meisterschaft von sensationeller Selbstverständlichkeit. Seine Ordnung und Klangschönheit ist auch in der totalen karnevalesken Anarchie atemberaubend. Im mysteriöselnden Matrosenlied der Schlussszene aber könnte man bei geschlossenen Augen meinen, da sänge kein Männer-, sondern ein Knabenchor.

Und so fragt man sich am Ende doch, warum bei so vielen Damnation de Faust und Roméo et Juliette-Aufführungen hierzustadt dieser Cellini an Berliner Opernhäusern nicht stattfindet. Nun also konzertant beim Musikfest, insomma ist das schon ein Knaller.

Weitere konzertante Opern folgen bis zum 22. September: Die Frau ohne Schatten und Rusalka. Brauchts das wirklich? Wie alle Jahre wirkt auch das Gesamtprogramm des Musikfests auf raffinierte Weise juxtaponiert. Weil Berlioz ein Schwerpunkt ist, sind auch Auszüge aus Les Troyens und die unvermeidlichen Romeo und Symphonie fantastique zu hören, beide ja nicht gerade selten gespielt, aber letztere halt normalerweise nicht vom Israel Philharmonic Orchestra. Kein amerikanisches Orchester ist diesmal zu Gast, dafür das Concertgebouw, BBC und London Symphony, die Münchner Philharmoniker und François-Xavier Roths Les Siècles, das mit Rameau/Lachenmann/Berlioz den vielleicht interessantesten Bogen schlägt. Und mit Hosokawa, Eötvös, Neuwirth und ziemlich viel Louis Andriessen spielt das Musikfest erfreulich kregel beim erwähnten Monat der zeitgenössischen Musik mit.

Zum Gesamtprogramm des Musikfests / Zu Aimards Rezital des „Catalogue d’Oiseaux“ / Zu „Benvenuto Cellini“

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