Musikfest 2019: BBC Symphony Orchestra von A bis Z

„BBC“ stands for Beloved British Colourfulness

So eine Freude, in Zeiten des Brexit-Chaos (nichts daran ist lustig – eine Tragödie!) diese großartigen Musiker von der durch und durch europäischen Insel Großbritannien zu erleben. Das BBC Symphony Orchestra spielt unter seinem finnischen Chefdirigenten Sakari Oramo ein herrliches Programm von A wie Abba bis Z wie Zappa, genauer gesagt von Andriessen bis Zibelius: mit niederländischen, russischen, österreichischen und finnischen Komponist(inn)en. Die BBC-Musiker tragen Namen von Alzapiedi bis Zarb, und ein norwegischer Trompeter namens HH ist auch dabei.

The Only One für Jazzsängerin und großes Orchester von 2019 schließt die kleine Louis Andriessen-Reihe des diesjährigen Musikfests ab. Kurios, dass die Lyrikerin Delphine Lecompte ihre Gedichte aus dem Band De dieren in mij für die Vertonung vom Flämischen ins Englische übersetzt hat (vielleicht weil der Kompositionsauftrag für Andriessen aus Los Angeles kam); und ein bisschen rüde, dass die Texte im Programmheft der Berliner Festspiele ohne deutsche Übersetzung abgedruckt werden. Darf man wirklich voraussetzen, dass schließlich jeder Philharmonie-Besucher Englisch könne? Sowas sind auch feine Formen der akademischen Abschottung.

Nichts aber könnte dem Komponisten Andriessen ferner liegen als gebildete Ausgrenzung. Stärker als in den vom Concertgebouw gespielten Mysteriën kommt einem hier „Minimalismus“ in den Sinn, von den getupften Zweitonmustern bis zu schwer schlurfenden Schreitfiguren. Aber Minimalismus ist doch auch ein Null-Begriff, er führt bei diesen dicht am Text komponierten Liedern nicht weiter. Schön organisch fügen sich „Band“-Instrumente und klassisches Orchester zusammen, überhaupt nicht plakativ. Noch in den Schlussakkorden eine erlesene Klangmischung aus E-Gitarre, E-Bass und Hörnern.

Der Sängerin Nora Fischer, mit Mikrophon, hört man gerne zu. Ihr Vortrag ist angemessen am Text und einnehmend natürlich, eben „unklassisch“. Wenn sie Vibrato einsetzt, dann eher als kabarettistischen Effekt. In den ersten beiden Versen von Broken morning erinnert sie sogar ein bisschen an Beth Gibbons. Das würde man sich vielleicht insgesamt noch etwas mehr wünschen – leise, sich an den Rand der Worte tastende Töne. (Am Rande bemerkt: Diese ewigen Programmheft-Superlative wie einzigartige Herangehensweise oder stellt die Art und Weise, wie Stimme wahrgenommen wird, in Frage können im Hörerlebnis zum Bumerang werden, wenn man dann einfach eine völlig okaye Sängerin hört.)

Zwischen den Songs gibt es zwei raffiniert orchestrierte Zwischenspiele, während derer Nora Fischer auf dem Podium herumwuselt und kramt und in sich sinniert und sich komplett umgarderobiert, wie Konzertgängers Tochter im Lauf eines häuslichen Nachmittags; anfangs trägt sie gelbe Socken und weißen Rock’n’Roll-Petticoat, am Ende schwarze Hosen und Pumps – diese Metamorphose vom wilden Mädchen zur Businessfrau ist dann vielleicht doch plakativer als die Texte. Aber man sieht Nora Fischer dabei so gerne zu, wie man ihr zuhört.

„M“ stands for Modest

Der Abend begann mit einer brodelnden Aufführung der Nacht auf dem kahlen Berge, nicht in der ruppigen Urfassung, sondern in der posthum durchprofessionalisierten Version inklusive des vom Spuk erlösenden Glöckchenbimmelns am Schluss. Der Komponist heißt also eigentlich Nikolest Rimsky-Mussorgskakow, das Rohe ist gekocht, der teuflische Zirkus klingt mehr nach funkelndem Monte Carlo als nach dem dreckigen Dorfplatz von Sorotschinzi. Das aber: und wie! Und irgendwie, mit Schärfe und Präzision, gelingt dem Orchester unter Oramo doch wieder die Quadratur des Kreises, dass durch die glänzende Politur das Garstige rotzt und kratzt.

„O“ stands for Olga

Olga Neuwirths … miramondo multiplo … (2006) merkt man in jedem Moment an, dass die Trompete das Herz- und Lebensinstrument dieser Komponistin (übrigens die erste und einzige beim Musikfest) ist. Als Berührungspunkte begegnen deutlich hörbar Mahler, Miles Davis und Händel, aber der Klang ist ganz Neuwirth: komplex und doch direkt ansprechend, hibbelig, emotional und sogar manchmal sentimental, dabei aber immer genau durchdacht. Der Solist
Håkan Hardenberger lässt, zunächst mit der kleinen B-Trompete, einen Engel auf die Erde stürzen, irrt dann mit der größeren C-Trompete im Polkazirkus unserer verlorenen Hoffnungen herum, in flatternden Tönen hören wir ein Tier wimmern; und finden uns doch, bei einem in Flirren aufgelösten Händel, in tiefem Frieden wieder: angelo – memoria – sangue freddo – pace und schließlich piacere sind die konkreten Bestimmungen der fünf Arias dieses berührenden Werkes. Es endet mit einer kurzen, entschieden aufsteigenden Fanfare der kleinen Trompete.

„D“ stands for dreamlike

Die dann zum Motor der ganzen 5. Sinfonie Es-Dur von Jean Sibelius zu werden scheint. Allein dieser verblüffende thematische Anschluss zeigt, wie vif Oramo sein ganzes, auf den ersten Blick sehr bunt scheinendes Programm konstruiert hat. Seine Interpretation der Sibelius-Sinfonie (hier in der dritten, auf drei Sätze zusammengezogenen Fassung von 1919) ist wirklich begeisternd: Die Proportionen des Klangs scheinen vollkommen, von der großen Beschleunigung des ersten Satzes über den kaleidoskopischen Ohrwurm des zweiten bis zum dritten, in dem die Schwäne in den Himmeln schwelgen und einem diese verstörenden schrullig-schroffen Schlussakkorde den Atem verschlagen. Das BBC Symphony Orchestra, gegründet 1930, überzeugt in allen seinen Klangbranchen, von Aalräuchereien bis Zylinderstifte. Allein das perfekt austarierte leise Flirren der Streicher im dritten Satz ist großes happy go lucky. Und das Blech, ach du meine goodness. Na, und dann wollen wir das beseelte Holz nicht verschweigen.

Man heult vor Freude und ist gleichzeitig immer wieder frappiert, wie abenteuerlich und individuell (jaja, wenn man will: modern) Sibelius‘ Klangräume sind. Und fasst es einfach nicht, wie jakobinische Avantgardisten sich einst in diese Idee verrennen konnten, Sibelius sei ein schlechter Komponist. Und denkt während der hübschen Zugabe, dem Orientalischen Marsch aus Sibelius‘ Belsazar-Suite, wieder an den tragischen Kuddelmuddel, in den das weltoffene Heimatland dieses phantastischen Orchesters sich verrannt hat. Und ist sich doch gewiss, dass auch ein zockender Hasardeur von Prime Minister und ein im Parlament schlafender Eton-Lümmel nur Staubkörner sind, die dieses großartige Land sich bald von der Schulter pusten wird.

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2 Gedanken zu „Musikfest 2019: BBC Symphony Orchestra von A bis Z

  1. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Mit Mikrofon… gab es einen Grund hierfür? Ja, Sibelius ist toll. Das bekannte Verdikt Adornos kann man getrost als Qualitätsausweis nehmen. Die Musik war so neu, dass man sie nicht zu hören wusste. Werde nur punktuell auf dem Musikfest sein, wegen Netrebko und Ring. Danke, dass Sie vor Ort sind. Mit dem Aimard-Abend lagen Sie wohl richtiger als ich mit dem zeitgleichen, etwas enttäuschenden Onegin an der KO. Vielleicht gehe ich am 18. in die Karajan-Akademie.

    • Mikrofon wohl aus Aversion gegen das „klassische“ Singen, die Interpretin ist eher Jazzsängerin.
      Von Leibowitz gibt es doch diesen fürchterlichen Text über „Sibelius, den schlechtesten Komponisten der Welt“, kennen Sie wahrscheinlich besser als ich.
      Auf Netrebko verzichte ich, Ring mache ich wohl im zweiten Durchlauf.
      Der Aimard-Abend mit dem Vogelkatalog war faszinierend, aber durchaus auch eine Prüfung. Die Gastorchester beim Musikfest zu erleben find ich immer toll, auch wenn es oft ein wenig (wenn überhaupt) aufgepimpte Tourneeprogramme sind. Zur Karajan-Akademie am 18. gehe ich auch.

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