Musikfest 2019: Peter Eötvös mit dem Ensemble Musikfabrik und den Berliner Philharmonikern

Ein Tag für und mit Peter Eötvös beim Musikfest Berlin: ein einnehmendes musikalisches Beisammensein. Eötvös ist kein eitler Selbstdarsteller, sondern wirkt sachlich, bescheiden, freundlich. Das ist durchaus schätzenswert in Zeiten so vieler grabschender und cholerischer Männer im Klassikbetrieb. Am Sonntag leitet Eötvös (während Frank Castorf mit Verdis La forza del destino das Deutsche-Oper-Publikum triggert) zuerst das Ensemble Musikfabrik im Kammermusiksaal und eine Stunde später die Berliner Philharmoniker im Großen Saal. Keine üble Leistung mit 75! Und es geht dabei auch noch bis nach Japan und ins maurische Mittelalter.

Eötvös‘ neues Violinkonzert Alhambra, mit dem das Programm bei den Philharmonikern beginnt, scheint eher raffiniertes Cappriccio als fundamentale Weltdeutung. Natürlich verheißt die Begegnung von islamischer und christlicher Welt Brisanz, aber der Entwurf als musikalischer Spaziergang ist ein eher entspanntes Herangehen. Es gibt ein strukturierendes Promenaden-Rondothema, ornamental sich ums G (wie Granada) drehend. Hübsch und memorabel, wenn auch von leicht peinlichem Exotismus – dem das Stück aber ansonsten zum Glück kaum verfällt. Trotz der eingesetzten „orientalischen“ Mandoline, die eher dekorativ wirkt als dass sie ein echtes Gegengewicht zur Sologeige bildete. Eötvös‘ Vergleich der Mandoline mit Sancho Panza ließ da auf Eindrücklicheres hoffen.

Nun wird diese Geige aber auch von der einzigartigen Isabelle Faust gespielt, wie schon bei der Uraufführung des Werks vor zwei Monaten im Palacio de Carlos V in Granada. Die könnte uns auch das Telefonbuch oder einen Quellcode vorgeigen, wir lauschten ihr dennoch gebannt. Eötvös‘ Vorlage aber bietet ja (ohne virtuosen Protz) geigerische Reize ohne Ende. Schon in ihrer solistischen Eröffnung wandelt Faust mit zauberhaftem Ton durch tausend Farben und Atmosphären. Auch der Orchesterpart gefällt. Abwechslungsreich und überraschend und angenehm leicht, ja heiter flutschts und zirpts sich durch die Episoden, ohne Bildungsschnöselei oder Ehrfürchtelei oder arge Abgründik.

Alhambra habe sie an Peter und der Wolf erinnert, sagt eine Besucherin im Hinausgehen, und darüber denkt der Konzertgänger jetzt noch nach. Er hats auf jeden Fall gern gehört. Und nur nebenher gedacht und gar nicht mal als Einwand, sondern bloß ergänzend: Zwecks Begegnung mit islamischen Welten sollte ein Komponist sich auch mal in die Immigrantenviertel von Granada wagen, in Hinterhofmoscheen und marokkanische Handyläden und sowas statt ins architektonische Weltkulturerbe. Und die Berliner Philharmoniker, die dieses Werk gemeinsam mit Kollegen in Granada, Paris und London bestellt haben, sollten nicht nur den verdienstvollen Herrn Eötvös beauftragen, sondern auch öfter mal jüngere Komponist(inn!)en.

Auch im vorhergehenden Konzert mit dem hierzustadt stets willkommenen Kölner Ensemble Musikfabrik standen zwei weltoffene, weltinteressierte Werke von Peter Eötvös auf dem Programm. Secret Kiss von 2018 führt nach Japan. Sehr beeindruckend ist die von schreitendem Sprechen in stilisiertes Tremolieren steigende Stimmkunst der Nō-Darstellerin Ryoko Aoki. Sie ist eine weibliche Pionierin in dieser traditionell männlichen Domäne. Fünf Instrumente umspielen die Stimme wie mit einzelnen Pinselstrichen, fremdartig und respektvoll. Die dem Text zugrundeliegende Seiden- und Tee-Erotik-Chose nach einer (schon verfilmten) Novelle von Alessandro Baricco riecht allerdings wieder nach allzu seichtem Exotismus riecht. Eötvös‘ Sonata per sei schließlich, ein Stück für drei Schlagzeuge, zwei Klaviere und Sampler-Keyboard mit gelegentlichem Trashfaktor, ist ein mitreißender Ausbund an Bewegungs- und Schlagenergie, ohne eine Spur von Brachialität.

Die japanische Spur wird im Musikfabrik-Konzert von zwei betörend schönen Birds Fragments von Toshio Hosokawa weiterverfolgt. Die Shō-Spielerin Mayumi Miyata spielt lange Doppeltöne, die umeinander zu schillern scheinen. Wenn dann noch die Stimme der Spielerin stoßartig herausdringt, entfaltet sich eine tranceartige Wirkung: als wäre Miyata ein verzauberter Vogel. Im ersten Stück interagiert sie mit der Großen Trommel (Dirk Rothbrust), die erhöht hinter dem Podium steht. Deren Schläge setzen das ganze auf der Bühne für Secret Kiss aufgebaute Instrumentarium, die Donnerbleche zumal, mit in Schwingung. Das wirkt dann, als schwebten Geister durch den Raum, die sich schließlich in Miyatas Shō-Spiel deutlicher zu zeigen geruhen. Im zweiten Stück tritt die Shō hingegen zurück und wird zur changierenden Klangfläche, von der sich erst die tiefe Flöte, dann die hochvögelige Piccoloflöte von Helen Bledsoe abstößt.

Etwas verzichtbar wirken hingegen die beiden eröffnenden Klavierstücke von Helmut Lachenmann, beide aus den letzten Jahren. Während die Berliner Kirschblüten, ein juxiger Hybrid aus japanischem Kinderlied und Berlinerluftluftluft, immerhin in einem interessanten heftigen Grundrauschen enden (das die Bühnen-Instrumente in Schwingung versetzt wie Hosokawas Große Trommel), scheinen sich bei dem kuriosen Marche fatale in Opa-Hoppenstedt-Manier dem kundigen Pianisten Ulrich Löffler geradezu die Finger zu sträuben.

Zwei Wuchtbrummen der Moderne runden vulgo ecken hingehen das Berliner Philharmoniker-Konzert ab. Mit Edgard Varèses nun immerhin schon hundert Jahre alten Amériques gehts dem Konzertgänger ein bisschen wie mit Dos Passos‘ Manhattan Transfer: Man weiß, dass und warum es so berühmt ist, aber beim Lesen langweilt man sich trotzdem. Die Amériques sind – bei aller differenzierten Darbietung – furchtbar laut, alles nach dem Motto Viel hilft viel, und auch wenn Flöte und Fagott zu Beginn sehr an Sacre erinnern, stellt sich nicht dessen Sogwirkung ein. Und historisches Interesse hin oder her, aber diese bürgerschreckenden Hupen und Sirenen öden einen doch an wie Furzkissen auf dem Lehrerstuhl. Dann lieber Alpensymphonie.

Was für ein Kaliber ist dagegen Iannis Xenakis‘ Shaar für Streichorchester von 1983! Das unverwechselbare krasse Klangbild schockiert noch immer, diese Aggrosphères mit den ständigen gegensausigen Glissandi und dergleichen. Man könnte Shaar wohl kaum koordinierter spielen als die Philharmoniker, aber vielleicht noch schärfer, härter, schriller, heftiger. Dann hätte man allerdings tote Abonnenten im Saal.

Shaar schließt den Kreis an diesem Eötvös-Tag: Wenn das hier der Angriff der Killerbienen ist, dann war die Sonata per sei die Liebkosung der Wuselbienen, berauscht von Kirschblütennektar.

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2 Gedanken zu „Musikfest 2019: Peter Eötvös mit dem Ensemble Musikfabrik und den Berliner Philharmonikern

  1. Ihre Meinung zu Varèse ist interessant. Ich meinerseits habe letztens zwei, drei Sachen von Varèse heruntergeladen, sie aber nie angehört. Nach dem, was Sie jetzt schreiben, bleibt es vorerst beim Nicht-Hören.
    Die Frau Faust ist toll.
    Sind Sie morgen bei Rattle? Ich leider in Siegfried.

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