Anfangsvoll: Robin Ticciati beim DSO mit Rebel, Larcher, Strauss

Jede Menge Anfang: Zwei Werke mit den dollsten Beginnen der Musikgeschichte rahmen das Konzert, mit dem Robin Ticciati als neuer Chefdirigent beim Deutschen Symphonie-Orchester antritt. Zu diesem Anlass gibts sogar ein zehntägiges „Mini-Festival“. In der Philharmonie sind Kulturministerin Monika Grütters und der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert dabei, Dunja Hayali, Aribert Reimann und Christian Tetzlaff im Pulli.  Tetzlaff in Block A, Reimann in B Reihe 3, der alte Fuchs weiß, wo man am besten hört. Weiterlesen

Hörstörung (14): Beelzebub maßregelt Teufel

Es reicht jetzt mal!, zischt ein Herr weithin vernehmbar in der Philharmonie, während das Deutsche Symphonie-Orchester Jean-Féry Rebels Les éléments spielt. Viele Köpfe, auch der des Konzertgängers, wenden sich aufgeschreckt um: um zu sehen, dass der störende Zischruf des Herrn dessen Sitznachbarn galt, offenbar weil dieser Nachbar unentwegt an seinem Handy herumfummelt.

Da ist also der Teufel vom Beelzebub gemaßregelt worden.

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Unruhevoll: Robin Ticciati & DSO spielen Gabrieli, Purcell, Adès, Mahler

Copy_of_Lute_Player_by_Frans_Hals_-_SK-A-134Rein äußerlich wirkt Robin Ticciati wie ein Student, der einem in der U-Bahn mit seiner Gitarre ein bissl auf den Senkel geht, aber dabei grundsympathisch ist auf seine wuschlig-schüchterne Art. Als Dirigent in der Philharmonie jedoch, noch dazu baldiger Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, weiß er offenhörlich, was er tut. Beeindruckend hoher Klangsinn. Nur die ganz großen dramaturgischen Bögen in den ganz großen Werken scheinen manchmal brüchig. Aber nicht der Spannungsbogen des Konzerts: ein ausgefinkeltes, subtil zusammengestelltes Programm ist das. Weiterlesen

Hiobsbotschaftlich: DSO, Norrington, Bostridge spielen Haydn, Britten, Vaughan Williams

Glücklich, wer bei Roger Norringtons über fünf Jahre laufendem Ralph Vaughan Williams-Zyklus von Anfang bis Ende dabei war! Zum Abschluss und als Zugabe zu den Sinfonien dirigiert er beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie „Job“ – A Masque for Dancing (1930).

800px-William_Blake_-_Satan_Before_the_Throne_of_GodDiese dreiviertelstündige, von Bildern William Blakes inspirierte Hiobs-Musik für Riesenorchester ist eher symphonische Dichtung als Ballett, aber auf jeden Fall ein theatralisches Spektakel und ein Fest für Freunde des romantischen Mischklangs, der auch mal zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Plakativ (erztonaler Gott versus dissonanter Tritonus-Springteufel), manchmal leicht bescheuert (plötzliches Losfetzen der Orgel wie in einem bizarren Horrorfilm), aber herrlich lustig und schaurig.  Auch gut als Orchester-Leistungsschau missbrauchbar, wäre also Berliner-Philharmoniker-tauglich. Weiterlesen

22.1.2017 – Überraschungsgastlich: Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals

Ein Irrtum ist zu korrigieren. Viele Musikhistoriker und Konzertführer behaupten, Anton Bruckner hätte keine Schüler und direkten Nachfolger gehabt. Das ist falsch: Bruckner hat einen Schüler und direkten Nachfolger. Er heißt Heinz und lebt in Niederbayern.

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Überraschungsgast bei Ultraschall

Zum Abschluss des Ultraschall-Festivals für neue Musik, das sich dieses Jahr dem Thema „Stimme“ widmete, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester im rbb-Sendesaal die 5. Sinfonie „Jetzt und in der Stunde des Todes“  des 1946 geborenen Heinz Winbeck. Winbeck spricht mit der Stimme Bruckners, nicht des Vokalkomponisten, sondern des Symphonikers. Sein Werk nach Motiven insbesondere des Finales der IX. Symphonie (das es ja nicht gibt) umkreist Bruckner nicht indirekt und von ganz weit weg, wie es etwa Aribert Reimann in Nahe Ferne mit Beethoven tut, hat auch wenig mit Hans Zenders komponierten Interpretationen zu tun. Ursprünglich sollte Winbecks Werk In Bruckners Kopf heißen, das hätte schon gepasst.

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14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

Sogenannte apollinische Kunst ist ja oft langweiliger als sogenannte dionysische, weil mit Apollon nicht der krasse Marsyashäuter oder der hinterhältige Bogenschütze auf Trojas Mauern gemeint ist, sondern irgend so ein diatonischer Musenizer. Aber bei Igor Strawinsky ist Neoklassizismus kein Euphemismus für gepflegte Langeweile. Was machen diese falschen Töne in der Dur- und Terzenseligkeit von Apollon musagète (1928)?

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19./20.11.2016 – Fragezeichnend: Roger Norrington und DSO spielen Vaughan Williams, Mozart, Beethoven

Zweimal dreimal acht: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt am Samstag und Sonntag die achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven. Und weil Roger Norrington dirigiert, ist der Konzertgänger an beiden Abenden in der Philharmonie, einmal in Block A, wo es mehr knallt, einmal in Block D, wo man ausgewogener hört.

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25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

Die Glückskombi schlechthin heißt Ton Koopman und Avi Avital, wie sich in diesem nachgerade befruchtenden Konzert zeigt.

medieval_musician_playing_gitternJohann Nepomuk Hummels Mandolinenkonzert G-Dur (1799) mag ein im Großen wie im Kleinen recht übersichtlich gebautes Werk sein, mit so ebenmäßigen Perioden, dass man im Kopfsatz schon 4/4-Takt-Überdruss verspüren könnte. Zudem sind die Klangfarben der (Nachtrag: unverstärkten) Mandoline ja nicht unbegrenzt. Aber Avi Avital spielt sie mit solch mitziehendem Schwung, dass man sie vom ersten bis zum letzten Ton für die Königin der Instrumente hält.

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7.6.2016 – Lebensrettend: DSO, Norrington, Faust spielen Haydn, Mozart, Vaughan Williams

HaydnportraitZwischen wartenden Harfen und allerlei Perkussionsgerödel, das großer Dinge harrt, beginnt Joseph Haydns Symphonie Nr. 87 A-Dur Hob I:87 wie ein Überraschungsangriff. Die lang gedehnten Pausen im Kopfsatz genießen die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mit sichtbarer diebischer Freude. Hörbar ist diese Freude sowieso, erst recht in den Soli der Flöte (Kornelia Brandkamp) im Adagio und der Oboe (Thomas Hecker) im Trio des Menuetts.

Der freudigste Dieb von allen, Sir Roger Norrington, dirigiert nur, wo es nötig ist, oft und gern hört er einfach staunend seinen famosen Musikern zu. Weiterlesen

29.5.2016 – Rar: Christoph Eschenbach und Iskandar Widjaja beim DSO

Raritätensonntag in der Philharmonie: Nachmittags spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester, nach einem Gezi-Park-Klavierkonzert von Fazil Say, Alexander Zemlinskys Seejungfrau (der Konzertgänger war familiär verhindert), abends das Deutsche Symphonieorchester ein Violinkonzert und eine Symphonie, die kein Schwein kennt. Das ist schon mal ein Verdienst von Christoph Eschenbach.

Ein zweites Verdienst ist es, dass er einen vielversprechenden jungen Solisten mitbringt, sogar einen echten Berliner Jungen: Iskandar Widjaja. Einige Fans sind zu sichten und zu hören (in Indonesien scheint er schon eine Berühmtheit zu sein), vereinzelte Jubelrufe bereits, als er das Podium betritt. Trotz Starpotenzial strahlt er eine sympathische Schüchternheit aus. wieniawskiHenryk Wieniawskis Violinkonzert d-Moll (1862/1870) spielt er mit gesteigertem Vibrato und warmem Klang, was bei diesem wohlklingenden Virtuosenvehikel ganz richtig ist. Trotz großer Geste scheinen Widjaja noch mehr die stillen, gefühlvollen Töne zu liegen, wie er im zweiten Satz mit langem Strich beweist. (Sein, durchaus angenehmer und der Konzentration förderlicher, leiser Ton mag auch mit dem Instrument von Geissenhof zu tun haben.) Das Zingara-Finale dagegen feurig, rasant und tänzerisch, die Füße dicht vor dem Moonwalk.

In Robert Schumanns ebenfalls nicht hyperkomplex komponierter, aber sehr rührend zwischen äußerlicher Pracht und äußerster Zerbrechlichkeit changierender Fantasie für Violine und Orchester C-Dur op. 131 (1853, kurz vor Schumanns Zusammenbruch) kommen Widjajas leise Qualitäten noch besser zur Geltung, dank Fritz Kreislers (den Schumannfreund nicht nur erfreuender) Überarbeitung von 1937 auch die virtuosen Fähigkeiten.

Gerahmt werden die beiden Violinstücke von einem hyperaktiven, knalligen, teils ohrenbetäubenden Till Eulenspiegel von Richard Strauss zu Beginn des Konzerts und einer sehr lohnenden Seltenheit am Schluss, die sich ein Teil der indonesischen Fans leider nicht mehr anhört: Paul Hindemiths Symphonie in Es, 1940 im amerikanischen Exil komponiert. Hörbar besser geprobt als Strauss (bei dem die Orchestergruppen für sich durchaus überzeugten, allen voran die Hörner), herrscht bei Hindemith statt schillernder Klangfarben eine spröde, archaische Begeisterung, die nach erstem Befremden einen enormen Sog entfaltet: Härte ist hier eine Tugend – zumal wenn sie so perfekt austariert klingt wie beim DSO. Der große zweite Satz weitet sich nach fast bluesartigem Trompeten-Intro monumental wie ein Brucknersatz. Außerordentlich die flirrenden Mittelinseln des dritten und der sardonisch rumpelnde Witz des vierten Satzes.

Überraschend überzeugendes Plädoyer für ein kaum mehr gespieltes Werk. Man sollte ab sofort jede 7. Aufführung von Schostakowitschs Fünfter durch Hindemiths Es-Symphonie ersetzen.

Nachtrag: Die Geigenlehrerin der Tochter des Konzertgängers weist darauf hin, dass vielleicht kein Schwein, aber jeder gute Geiger das Wieniawski-Konzert kennt.

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