Hörstörung (14): Beelzebub maßregelt Teufel

Es reicht jetzt mal!, zischt ein Herr weithin vernehmbar in der Philharmonie, während das Deutsche Symphonie-Orchester Jean-Féry Rebels Les éléments spielt. Viele Köpfe, auch der des Konzertgängers, wenden sich aufgeschreckt um: um zu sehen, dass der störende Zischruf des Herrn dessen Sitznachbarn galt, offenbar weil dieser Nachbar unentwegt an seinem Handy herumfummelt.

Da ist also der Teufel vom Beelzebub gemaßregelt worden.

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Unruhevoll: Robin Ticciati & DSO spielen Gabrieli, Purcell, Adès, Mahler

Copy_of_Lute_Player_by_Frans_Hals_-_SK-A-134Rein äußerlich wirkt Robin Ticciati wie ein Student, der einem in der U-Bahn mit seiner Gitarre ein bissl auf den Senkel geht, aber dabei grundsympathisch ist auf seine wuschlig-schüchterne Art. Als Dirigent in der Philharmonie jedoch, noch dazu baldiger Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, weiß er offenhörlich, was er tut. Beeindruckend hoher Klangsinn. Nur die ganz großen dramaturgischen Bögen in den ganz großen Werken scheinen manchmal brüchig. Aber nicht der Spannungsbogen des Konzerts: ein ausgefinkeltes, subtil zusammengestelltes Programm ist das. Weiterlesen

Hiobsbotschaftlich: DSO, Norrington, Bostridge spielen Haydn, Britten, Vaughan Williams

Glücklich, wer bei Roger Norringtons über fünf Jahre laufendem Ralph Vaughan Williams-Zyklus von Anfang bis Ende dabei war! Zum Abschluss und als Zugabe zu den Sinfonien dirigiert er beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie „Job“ – A Masque for Dancing (1930).

800px-William_Blake_-_Satan_Before_the_Throne_of_GodDiese dreiviertelstündige, von Bildern William Blakes inspirierte Hiobs-Musik für Riesenorchester ist eher symphonische Dichtung als Ballett, aber auf jeden Fall ein theatralisches Spektakel und ein Fest für Freunde des romantischen Mischklangs, der auch mal zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte. Plakativ (erztonaler Gott versus dissonanter Tritonus-Springteufel), manchmal leicht bescheuert (plötzliches Losfetzen der Orgel wie in einem bizarren Horrorfilm), aber herrlich lustig und schaurig.  Auch gut als Orchester-Leistungsschau missbrauchbar, wäre also Berliner-Philharmoniker-tauglich. Weiterlesen

22.1.2017 – Überraschungsgastlich: Abschlusskonzert des Ultraschall-Festivals

Ein Irrtum ist zu korrigieren. Viele Musikhistoriker und Konzertführer behaupten, Anton Bruckner hätte keine Schüler und direkten Nachfolger gehabt. Das ist falsch: Bruckner hat einen Schüler und direkten Nachfolger. Er heißt Heinz und lebt in Niederbayern.

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Überraschungsgast bei Ultraschall

Zum Abschluss des Ultraschall-Festivals für neue Musik, das sich dieses Jahr dem Thema „Stimme“ widmete, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester im rbb-Sendesaal die 5. Sinfonie „Jetzt und in der Stunde des Todes“  des 1946 geborenen Heinz Winbeck. Winbeck spricht mit der Stimme Bruckners, nicht des Vokalkomponisten, sondern des Symphonikers. Sein Werk nach Motiven insbesondere des Finales der IX. Symphonie (das es ja nicht gibt) umkreist Bruckner nicht indirekt und von ganz weit weg, wie es etwa Aribert Reimann in Nahe Ferne mit Beethoven tut, hat auch wenig mit Hans Zenders komponierten Interpretationen zu tun. Ursprünglich sollte Winbecks Werk In Bruckners Kopf heißen, das hätte schon gepasst.

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14.12.2016 – Apollonysisch: DSO und Metzmacher spielen Strawinsky und Bruckners Vierte

Sogenannte apollinische Kunst ist ja oft langweiliger als sogenannte dionysische, weil mit Apollon nicht der krasse Marsyashäuter oder der hinterhältige Bogenschütze auf Trojas Mauern gemeint ist, sondern irgend so ein diatonischer Musenizer. Aber bei Igor Strawinsky ist Neoklassizismus kein Euphemismus für gepflegte Langeweile. Was machen diese falschen Töne in der Dur- und Terzenseligkeit von Apollon musagète (1928)?

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19./20.11.2016 – Fragezeichnend: Roger Norrington und DSO spielen Vaughan Williams, Mozart, Beethoven

Zweimal dreimal acht: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt am Samstag und Sonntag die achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven. Und weil Roger Norrington dirigiert, ist der Konzertgänger an beiden Abenden in der Philharmonie, einmal in Block A, wo es mehr knallt, einmal in Block D, wo man ausgewogener hört.

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25.9.2016 – Glückfruchtend: Ton Koopman und Avi Avital mit dem DSO

Die Glückskombi schlechthin heißt Ton Koopman und Avi Avital, wie sich in diesem nachgerade befruchtenden Konzert zeigt.

medieval_musician_playing_gitternJohann Nepomuk Hummels Mandolinenkonzert G-Dur (1799) mag ein im Großen wie im Kleinen recht übersichtlich gebautes Werk sein, mit so ebenmäßigen Perioden, dass man im Kopfsatz schon 4/4-Takt-Überdruss verspüren könnte. Zudem sind die Klangfarben der (Nachtrag: unverstärkten) Mandoline ja nicht unbegrenzt. Aber Avi Avital spielt sie mit solch mitziehendem Schwung, dass man sie vom ersten bis zum letzten Ton für die Königin der Instrumente hält.

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7.6.2016 – Lebensrettend: DSO, Norrington, Faust spielen Haydn, Mozart, Vaughan Williams

HaydnportraitZwischen wartenden Harfen und allerlei Perkussionsgerödel, das großer Dinge harrt, beginnt Joseph Haydns Symphonie Nr. 87 A-Dur Hob I:87 wie ein Überraschungsangriff. Die lang gedehnten Pausen im Kopfsatz genießen die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters mit sichtbarer diebischer Freude. Hörbar ist diese Freude sowieso, erst recht in den Soli der Flöte (Kornelia Brandkamp) im Adagio und der Oboe (Thomas Hecker) im Trio des Menuetts.

Der freudigste Dieb von allen, Sir Roger Norrington, dirigiert nur, wo es nötig ist, oft und gern hört er einfach staunend seinen famosen Musikern zu. Weiterlesen

29.5.2016 – Rar: Christoph Eschenbach und Iskandar Widjaja beim DSO

Raritätensonntag in der Philharmonie: Nachmittags spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester, nach einem Gezi-Park-Klavierkonzert von Fazil Say, Alexander Zemlinskys Seejungfrau (der Konzertgänger war familiär verhindert), abends das Deutsche Symphonieorchester ein Violinkonzert und eine Symphonie, die kein Schwein kennt. Das ist schon mal ein Verdienst von Christoph Eschenbach.

Ein zweites Verdienst ist es, dass er einen vielversprechenden jungen Solisten mitbringt, sogar einen echten Berliner Jungen: Iskandar Widjaja. Einige Fans sind zu sichten und zu hören (in Indonesien scheint er schon eine Berühmtheit zu sein), vereinzelte Jubelrufe bereits, als er das Podium betritt. Trotz Starpotenzial strahlt er eine sympathische Schüchternheit aus. wieniawskiHenryk Wieniawskis Violinkonzert d-Moll (1862/1870) spielt er mit gesteigertem Vibrato und warmem Klang, was bei diesem wohlklingenden Virtuosenvehikel ganz richtig ist. Trotz großer Geste scheinen Widjaja noch mehr die stillen, gefühlvollen Töne zu liegen, wie er im zweiten Satz mit langem Strich beweist. (Sein, durchaus angenehmer und der Konzentration förderlicher, leiser Ton mag auch mit dem Instrument von Geissenhof zu tun haben.) Das Zingara-Finale dagegen feurig, rasant und tänzerisch, die Füße dicht vor dem Moonwalk.

In Robert Schumanns ebenfalls nicht hyperkomplex komponierter, aber sehr rührend zwischen äußerlicher Pracht und äußerster Zerbrechlichkeit changierender Fantasie für Violine und Orchester C-Dur op. 131 (1853, kurz vor Schumanns Zusammenbruch) kommen Widjajas leise Qualitäten noch besser zur Geltung, dank Fritz Kreislers (den Schumannfreund nicht nur erfreuender) Überarbeitung von 1937 auch die virtuosen Fähigkeiten.

Gerahmt werden die beiden Violinstücke von einem hyperaktiven, knalligen, teils ohrenbetäubenden Till Eulenspiegel von Richard Strauss zu Beginn des Konzerts und einer sehr lohnenden Seltenheit am Schluss, die sich ein Teil der indonesischen Fans leider nicht mehr anhört: Paul Hindemiths Symphonie in Es, 1940 im amerikanischen Exil komponiert. Hörbar besser geprobt als Strauss (bei dem die Orchestergruppen für sich durchaus überzeugten, allen voran die Hörner), herrscht bei Hindemith statt schillernder Klangfarben eine spröde, archaische Begeisterung, die nach erstem Befremden einen enormen Sog entfaltet: Härte ist hier eine Tugend – zumal wenn sie so perfekt austariert klingt wie beim DSO. Der große zweite Satz weitet sich nach fast bluesartigem Trompeten-Intro monumental wie ein Brucknersatz. Außerordentlich die flirrenden Mittelinseln des dritten und der sardonisch rumpelnde Witz des vierten Satzes.

Überraschend überzeugendes Plädoyer für ein kaum mehr gespieltes Werk. Man sollte ab sofort jede 7. Aufführung von Schostakowitschs Fünfter durch Hindemiths Es-Symphonie ersetzen.

Nachtrag: Die Geigenlehrerin der Tochter des Konzertgängers weist darauf hin, dass vielleicht kein Schwein, aber jeder gute Geiger das Wieniawski-Konzert kennt.

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20.5.2016 – Unvollendete letzte Liebestod-Verklärung: Kent Nagano beim DSO

Willard_Metcalf_May_NightVier letzte Lieder in der Philharmonie: Das erste letzte Lied heißt Tristan, das zweite Verklärte Nacht, das dritte Unvollendete, das vierte Vier letzte Lieder. Kent Nagano kombiniert bei seinem Maibesuch beim Deutschen Symphonie-Orchester wohltönend tiefstsinnige Evergreens, in denen es um die letzten Dinge geht.

Dabei wagt Nagano, der seriöseste und sympathischste aller Dirigenten, sich sonst auch todesmutig in höllische Niederungen wie Kinderkonzerte und Einkaufszentren – letzteres vor wenigen Tagen beim Symphonic Mob an einem Ort, dessen Name den Kulturfreund schaudern macht:

Dort stand Verdi auf dem Programm, nicht Wagner, obwohl ein Liebestod im Shopping-Center ja auch was hätte. Und so viel fehler am Platz als in einem Symphoniekonzert wäre er da auch nicht. Kein Geringerer als Richard Wagner selbst mag Vorspiel und ‚Liebestod‘ (vulgo Verklärungsszene) aus ‚Tristan und Isolde‘ schon konzertant gegeben haben, in den Ohren des Konzertgängers hat es trotzdem etwas Unverfrorenes: Man erwartet eben die Stimme des jungen Seemanns, da blasen Klarinette und Hörner bereits zur Transfiguratio praecox.

Trotzdem hat ein konzertanter Tristan-Auszug einige Vorzüge, Musiker wie Zuhörer-Ohren sind beim Liebestod noch frisch, und das Orchester klingt glanzvoller, wenn es nicht aus dem stickigen Graben heraufdumpft. Was beim grandiosen DSO besonders viel wert ist: Es geht das Vorspiel recht breit und mit ungewohntem kleinen Wackler im Holz an, aber sehr klangschön und äußerst deutlich. Dass sich keine rechte Ergriffenheit einstellt, sondern das Publikum in den Schlusston hinein röchelt und klatscht, liegt nicht an der Orchesterleistung, sondern ist der zwangsläufig ernüchternden Natur des Opern-Exzerpts geschuldet.

In angemessene Stille führt hingegen Arnold Schönbergs Verklärte Nacht (in der Fassung für Streichorchester). Nach dem Liebestodquickie wirkt die unendliche Melos- und Eros-Reise umso entgrenzender. Das Streichorchester ist klangvoll wie ein vollbesetztes Symphonieorchester, zugleich transparent wie ein Sextett. Die Stimmführer glänzen allesamt solistisch, aber das Ensemble spielt insgesamt so flirrend aufgefächert, dass man nie den Eindruck von Kammermusik verliert. Mag die Verklärte Nacht auch von Tristan-Anleihen triefen, kommt einem Wagner nach dieser Musik auf einmal höchst unfein vor.

Noch die Kontrabässe, die das mysteriöse Motto von Franz Schuberts h-Moll-Symphonie anstimmen, der Unvollendeten, klingen wie der Verklärten Nacht entstiegen; wenn dieses Motto die Durchführung fast allein trägt, dann aber erst in der Coda wiederkehrt, entsteht eine faszinierende Durchdringung mit Schönbergs Musik. Die Flöten hat man selten so leidensvoll seufzen gehört wie hier, und die leise Klarinette (Stephan Mörth) im zweiten Satz klingt wundervoll. Noch faszinierender ist die Wandlungsfähigkeit des DSO insgesamt, das die Unvollendete vor nicht langer Zeit in perfektem Roger-Norrington-Sound spielte, sie nun aber unter Nagano in mittlerem Tempo und mit teilweise massiven Klangballungen angeht; auf ganz andere Weise ebenso vollendet. (Der Konzertgänger bevorzugt Norrington, aber das ist Geschmackssache.)

Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder gab es beim DSO vor einigen Jahren an einem Karsamstag in einer derart missratenen Aufführung, dass es hohen Erinnerungswert hatte (was aber nicht am Orchester lag). Auch sie klingen diesmal, zum Glück, ganz anders: Die Schwedin Miah Persson hat keinen umwerfend schönen, eher leicht metallisch timbrierten Sopran und anfangs auch etwas Mühe mit genauen Einsätzen, aber sie überzeugt doch mit sehr beweglicher Stimmführung sowie Durchsetzungskraft. Und durch höchste Leidenschaft! Als eine Art Finale der Unvollendeten sind die Vier letzten Lieder hier sehr originell angesetzt. Das Orchester schillert und strahlt ohnegleichen; wie die weite Klanglandschaft Im Abendrot leuchtet, ergreift nicht nur den, der David Lynchs Wild at Heart gesehen hat. Konzertgänger’s dream jedoch: dass eine Sängerin wie Miah Persson, statt betrübte Blicke aus der emotionalen Konfektionswarenabteilung in den Raum zu werfen, eine darstellerische Präsenz wie Laura Dern entwickelte. Dann käme man als Hörer nicht mit heiler Haut aus einem solchen Konzert. So verlässt man das Programm von vier Werken, in denen es von den letzten und allerletzten Dingen gesungen hat, irritierend unbeschwert. Schön war es zweifellos.

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8.5.2016 – Mystisch: Bibers Rosenkranzsonaten in Spandau

Es gibt nur einen Biber, und der heißt nicht Justin, sondern Heinrich Ignaz Franz. Die in Papua-Neuguinea geborene Eva-Christina Schönweiß hat in der gotischen St.-Nikolai-Kirche in der Altstadt Spandau in drei Konzerten Bibers um 1675 geschriebene Rosenkranzsonaten vorgestellt, einzigartige „Höhepunkte der Violinliteratur“ (Michael Heinemann), die kaum je gespielt werden.

Der Seltenheitswert mag auch praktische Gründe haben, denn die Saiten der Geige müssen in fast jeder der 16 Sonaten umgestimmt werden, eine nicht unerhebliche Fummelei:

Noch gravierender als die technische wird aber wohl die spirituelle Hürde sein, so dass der hoffnungsvolle Nachwuchsvirtuose doch lieber immer wieder mit den wohlig vertrauten Geheimnissen von Bachs Chaconne brilliert.

Und wirklich erfüllt Schönweiß‘ drittes und letztes Konzert am Spandauer Reformationsplatz den Tatbestand der Verführung zur Jesuitenmystik. Nach den freudenhaften und den schmerzhaften stehen am Sonntag nach Himmelfahrt nun die glorreichen Mysterien auf dem Programm: Auferstehung, Himmelfahrt, Pfingsten, Mariä Himmelfahrt und Krönung der Jungfrau.

Schönweiß, Stimmführerin der zweiten Geigen im DSO, hat sich zur Verstärkung des Continuo den Solocellisten Mischa Meyer mitgebracht. An Orgel und E-Cembalo (das besser klingt, als man denken würde) ist Arno Schneider der dritte im Bunde.

Ob Meyer und Schönweiß, beide mit Barockinstrumenten und -bögen, am Vorabend bei der Alpensymphonie mitgespielt haben, mit der das DSO unter Metzmacher die Philharmonie (sicher grandios) geflutet hat? Wie nichtig scheint solche Musik angeohrs der erlesenen Rosenkranzsonaten. Auf Englisch heißen sie Mystery Sonatas, kein schlechter Titel, findet auch der Sohn des Konzertgängers und ist deshalb mit nach Spandau gekommen; zumal überdies Muttertag ist und seine Mutter seit einiger Zeit häuslichen Kult um Bibers Rosenkranzsonaten treibt. (Da ihm ein sechsstündiges Fußballturnier in den Knochen steckt, schläft er trotzdem mitten im Kommen des Heiligen Geistes ein.)

Das Violinspiel ist sicht- wie hörbar Schwerstarbeit, doch Schönweiß meistert die komplexe Aufgabe bezwingend gut und nimmt es sogar auf sich, dem Publikum aufschlussreiche Erläuterungen zu geben: etwa indem sie zeigt, dass im Auferstehungs-Mysterium d- und g-Saite überkreuz gelegt sind (siehe Nr. 11 in der oben abgebildeten Skordatur-Liste).

Trotzdem kann man sich auch einfach am geheimnisvollen, überwältigend schönen Klang der Sonaten berauschen. Andererseits wird das Verständnis dadurch erleichtert, dass Biber, für den heutigen Hörer vielleicht irritierend, seine mystischen Klangvisionen und -symbole oft in die bekannte Form barocker (Kunst-)Tänze gekleidet hat; so hören wir zur Himmelfahrt etwa eine Allemande und Courante, zu Pfingsten eine Gavotte und Gigue, zur Krönung Mariens eine Sarabande. Dazu immer wieder herrliche Arie und Canzone.

Sehr einleuchtend ist der Einfall, den religiösen Gehalt der Musik auch dadurch sinnfällig zu machen, dass Schneider auf der Orgel Abschnitte aus der Missa della Domenica von Girolamo Frescobaldi zwischen die einzelnen Sonaten stellt. Schade hingegen, dass Schönweiß aus übergroßer Rücksicht auf Publikum und Mitspieler den krönenden Abschluss des ganzen Zyklus weglässt, Bibers neunminütige, von der Violine unbegleitet zu spielende Passagalia. Aber das wäre ja in einer unbedingt zu wünschenden weiteren Aufführung der Rosenkranzsonaten nachzuholen. Denn jeder Musikliebende, der sie nicht kennt, muss sie kennenlernen; und wer sie kennt, wird sie immer wieder hören wollen.

So lange trösten wir uns mit Rosenkranzmystik aus dem Internet:

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13.4.2016 – Strömend: Ruzicka, Beethoven und Enescu beim DSO

 

Wettstreit der Berliner Orchester in der Challenge Deutschland sucht die Super-Rarität: Nachdem das Konzerthausorchester am Wochenende mit Mieczysław Weinbergs selten gespielter 5. Sinfonie vorgelegt hat, steht beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Peter Ruzicka in der nicht eben überfüllten Philharmonie die Fünfte von George Enescu auf dem Programm: ein unvollendetes Werk von 1941, dessen Particell der rumänische Musikwissenschaftler Pascal Bentoiu orchestriert hat und das in dieser Form erstmals 1996 in Bukarest aufgeführt wurde.

Enescus Symphonie Nr. 5 D-Dur für Tenor, Frauenchor und Orchester beginnt als breiter, wunderbar melodischer Strom, der schon ewig andauern und ewig weiterfließen könnte. Der interessierte Konzertgänger weiß mittlerweile, dass der Nebenspuren der Moderne (Ruzicka) viele sind, aber Enescus Stück ist sowas von D-Dur, dass man zunächst darin zu ertrinken fürchtet. Aber es ist ein glückliches Ertrinken in einem bald abschwellenden, bald aufwogenden Strom von Schönheit, ein langer Gesang, der in dunkle Regionen führt, an den Rand des Verschwindens in die unendliche Nacht. Schließlich nimmt das Bedrohliche überhand, dräuende Posaunen, Trompeten, Tuba, Tamtam; bis Celli und Hörner den Hörer wärmen und die Celesta ihn zu den Sternen entrückt. Völlig organisch wirkt es, dass im trauermarschigen Finale dann dem Tenor Marius Vlad (der in Rumänien das italienische Fach rauf und runter singt, auch mal Lohengrin oder Tannhäuser einschiebt, überdies Generalmanager der Rumänischen Nationaloper Cluj ist) friedlich-schmerzvolle Todessehnsucht entströmt: Doar moartea glas să dea frunzişului veşted, und über mich die Linde wird ihre Blüten breiten.  Die weibliche Hälfte des RIAS Kammerchors macht dazu mystische Aahs, sicher schon 1941 ein abgelutschtes Mittel, aber die femininen Vokalisen tragen die herbe Stimme sehr schön. Auf dem Gipfel der Traurigkeit beginnt die Tenorstimme zu sprechen: als triebe die Welt davon. Man strömt danach hinaus in die Nacht.

Ein umwerfendes, nein: umhüllendes Plädoyer für George Enescu, mit dem man zwar offensichtlich die Philharmonie nur schwer füllt; aber diese Musik würde auch vor leerem Saal lohnen. Wenngleich ein voller Saal natürlich schöner wäre. Und verdient, bei solchem Orchesterglanz, für den Enescu und das glanzvoll spielende DSO gleichermaßen zu loben sind.

Vor der Enescu-Symphonie gab es zwei strömende Hörerlebnisse anderer Art: Peter Ruzicka ist nicht nur Dirigent und Intendant, sondern komponiert vor allem, wie zuletzt beim Ultraschall-Festival zu hören. ‚R.W.‘ – Übermalung für Orchester von 2012 beginnt mit einem Wachmacherakkord und spinnt sich in luxuriösen Klängen fort, bald sirrend, bald knallend, aber immer angenehm zu hören. Man freut sich auch über die kaum übermalten, sondern recht unverhüllten Parsifalzitate. Der Konzertgänger fragt sich aber, ob 1) man die absteigenden Glockenquarten, die einem schon nach jedem Parsifal (jaja, großartig) zu den Ohren rauskommen, auch noch von einer Flöte hören muss, und 2) ob es eine gute Idee ist, die kargen, reduzierten Klänge des späten Liszt (auf dessen Am Grabe Richard Wagners Ruzicka sich bezieht) derart zu entkargen und dereduzieren. Im Publikum murmelt es nach dem Stück aber ringsum: Schön… ja, wirklich schön…

In Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur scheint der Dirigent Ruzicka an seine Grenzen zu stoßen, der Orchesterklang ist (bei aller Klangschönheit, die das DSO immer hat) recht breit, mitunter etwas unausgewogen und nicht immer präzise im Zusammenspiel mit dem Solisten. Der allerdings klingt hervorragend: Herbert Schuch (gebürtiger Banater Schwabe, was das Konzert eigenartig abrundet) ist ein Pianist der leisen, aber sehr deutlichen Töne, dem das langsame Tempo entgegenkommt. Das eröffnende piano dolce könnte man sich sinnierender nicht wünschen. Im Andante wird die Breite des Orchesters zur Tugend, aus dem Gegensatz zwischen einstimmigen Streichern und beschwörend gläsernem Klavierton entsteht größtmögliche Spannung. Spätestens die Zugabe, die Sarabande aus Bachs 3. Englischer Suite, von Schuch versunken, ja andächtig gespielt und mit ihren fast gotischen Bizarrerien faszinierend fremdartig, weckt den Wunsch, diesen interessanten Pianisten mit einem Solorezital zu erleben. Da muss der Berliner einmal Braunschweig und Gauting an der Würm beneiden.

Nachtrag: Aber nur bis zum 29. April 2017, dann gibt Schuch einen Klavierabend im Konzerthaus Berlin.

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