Obskur schön: Ticciati und DSO spielen Berlioz‘ „L’enfance du Christ“

Seltsame bis haarsträubende Rührseligkeit am dritten Advent. Aber haarsträubend nicht zum Wegrennen, sondern zum unbedingt Dableiben: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt unter seinem neuen Chef Robin Ticciati die so obskure wie hörenswerte Weihnachtsschmonzette L’enfance du Christ, die Hector Berlioz zwischen 1850 und 1854 auf verschlungenen Wegen zusammenfrickelte.

Von einer hochdramatischen Herodes-Oper (inklusive judäischem Wahrsager-Hexensabballett) über aufdringlich schlichte Krippenspielbeschaulichkeit bis zur Flucht nach Ägypten reicht die Bandbreite dieser Geistlichen Trilogie, die Berlioz auf einen eigenen, unsäglich scheinenden Text fabrizierte. Interessant, dass der geniale Berlioz nicht nur Homer, Vergil, Goethe und Shakespeare verwurstete, ohne einen Deut von deren sprachlichen Eigenheiten zu bewahren, sondern sogar das Neue Testament schamlos-schön verhunzt hat.

Das Orchester ist für Berliozverhältnisse schnuckelig besetzt. Für allerhand feinste berliozsche Mischklänge schafft es sich dennoch Raum. Und greift in den Klangraum aus, den dieser Gattungshybrid offenbar unbedingt braucht: mit sich weit verstreuenden und eng zusammenrückenden Sängern, Engelschören von unter der Decke, ausuferndem Kammermusik-Einsprengsel auf dem Podium.

Auch Ticciati lässt der Musik Raum. Schön, dass er wieder da ist. Bei seinen letzten beiden Terminen fiel er aus und musste vertreten werden, für Konzertgängers Geschmack einmal wundervoll und einmal wunderarm. Ticciati rennt, ja fliegt vor Beginn auf die Bühne, dass man sehr erleichtert ist. L’enfance du Christ profitiert von Ticciatis Experimentierlust und Spielfreude, ja Unbefangenheit, auch wenn die musikalische Substanz des Werks nicht an jeder Stelle über jeden Zweifel erhaben scheint. Aber das DSO ist von goldwächsener Klangschönheit. Und auch wo es kompositorisch dünne wird, etwa in der enervierend schlichten Hausmusik bei Familie Ismael, selbst da gilt goldklangbedingterweise: Aller Kummer weicht, wenn die Flöte sich mit der thebanischen Harfe vereint. (Thebanische Harfe Elsie Bedleem, kummerverscheuchende Flöten Kornelia Brandkamp und Frauke Ross.)

Die Sänger füllen ihre seelisch wie gesangstechnisch nicht hyperkomplexen Rollen wunderbar aus. Staunenswert die Wahnsinns-Aufwallung des Königs Herodes (Christopher Purves). Und auch, wie ein Sänger von überschaubarer Stimmkraft mit feinster Gestaltung Raum und Zeit zu füllen vermag: der Tenor Allan Clayton als ständig wandelnder und sich wandelnder Erzähler, die eigentliche Hauptfigur. Sasha Cooke und Jacques Imbrailo sind ein sehr schön anzuhörendes Heiliges Paar.

Die beiden Solisten Johannes Schendel und Volker Nietzke gehören zum RIAS Kammerchor, der nicht nur deshalb das allerstrahlendste Licht an dieser verrückten Weihnachtsföhre ist. Warm und weich und wandelbar. Dieser lange a-cappella-Schluss möge nie, nie enden, wünscht man sich.

Und zwar nicht nur, weil Amen, amen, amen so ziemlich das Kraftvollste ist, was der Text von L’enfance du Christ zu bieten hat.

Dass hier auch eine Art Inszenierung Raum findet, darf nicht in vorweihnachtlicher Milde verschwiegen werden. Die gloriose Fiona Shaw, als Schauspielerin hochverdient von Mutter Medea bis Tante Petunia, will erklärtermaßen nichts brechen oder konterkarieren, sondern den Sog der Musik verstärken. Abgesehen davon, dass es zwischen Konterkarieren und Affirmieren noch einige Abstufungen gäbe, ist die theatralische Verve wie im Krippenspiel der St. Augustin-Gemeinde in Kleinknauzdorf dem Berlioz-Sog nicht zuträglich. Es wird viel hin und her gegangen, der Erzähler rollt ständig Teppiche ein und aus, das Bett des Herodes klappert, und auf den Boden (!) projizierte Wüstenbilder gibts nicht mal in besagtem Kleinknauzdorf.

Völlig überraschend dann aber doch ein erschütterndes Bild, ein einziges: als Maria in der zu Ende gehenden häuslichen Harfenmusik die Dornenkrone über die Krippe hält. Auf einmal ist da Glaube und Schrecken im Familienidyll. Und in der Maria prädolorosa das Spiegelbild einer jeden liebenden Mutter, die mit Entsetzen begreift, dass auch ihr Kind einmal leiden und sterben wird.

Allertiefste Rührung will sich, aufs Ganze gesehen und gehört, zwar nicht einstellen. Aber seltsamer und haarsträubender wirds in dieser Adventszeit nicht mehr. Schön obskur, obskur schön.

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9 Gedanken zu „Obskur schön: Ticciati und DSO spielen Berlioz‘ „L’enfance du Christ“

  1. Vor Weihnachten sind rührselige Programme ohne wenn und aber erlaubt. Ich genehmige mir in Kürze Hänsel und Gretel, Sie waren ja schon letztes Jahr. Erleichtert bin ich, dass Ticciati fit ist, eine lange Krankheit wäre für das DSO schwierig geworden. Witzig aber, dass Berlioz beim Texten so danebenlag, sonst konnte er ja prima schreiben… das Vorspiel zu Tristan besteht aus nichts als aus chromatischem Stöhnen, oder so ähnlich… irgendwo spricht er von den abscheulichen Koloraturen Mozarts, darauf muss man auch erst mal kommen

    • Unbedingt erlaubt!
      Der Umgang der Komponisten des 19. Jahrhunderts mit den vergötzten Klassikern ist allerdings oft aus heutiger Sicht sehr befremdlich, aber Berlioz finde ich einen Extremfall, gerade weil er ja ein Schriftsteller war. Aber Stilgefühl heißt noch längst nicht Gefühl für den Stil anderer.
      Das Mozartzitat ist heiß.
      Hänsel und Gretel an der Lindenoper genehmige ich mir zu Weihnachten mit meinem Ältesten.

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