Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

Mal ein Lob dem ungebildeten Zwischenapplaus inmitten eines mehrsätzigen Werks: Sowieso die geringste aller denkbaren Hörstörungen, kann er auch eine befreiende und aufmunternde Wirkung haben. Zum Beispiel bei so einem Extrem-Einspringing, wie es der junge brasilianische Dirigent Eduardo Strausser beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Freitag hinlegt. Chefdirigent Robin Ticciati ist nämlich unpässlich geworden, offenbar äußerst kurzfristig: erst nach der Generalprobe, wie man hört, wieder der Rücken.

Johann Sebastian Bachs 4. Orchestersuite D-Dur BWV 1069 könnte das Orchester wohl auch dirigentenlos spielen, Konzertmeister Wei Lu würde das schaukeln, so wohlpräpariert ist das. Aber das DSO ist ja kein Alte-Musik-Ensemble, obwohl es unter allen Berliner Sinfonieorchestern am besten „historisch“ spielen kann; und der Große Saal ist der Große Saal, also gehört da ein Boss aufs Podest. Und so kann Strausser sich schon mal aufwärmen für Schumann und Mozart. Als sich aber nach der Ouverture ein Dutzend Hände zum ungebildeten Zwischenapplaus rührt, da spürt man gleich eine gewisse Anspannung von ihm abfallen, er wirkt gelöster und schlägt ab der Bourrée weniger penibel den Takt.

Das Publikum bringt angesichts der Ausgangslage viel Wohlwollen mit in die Philharmonie. Hoffentlich hat das DSO Eduardo Straussers Ausweis geprüft, er wirkt ja glatt minderjährig. Immerhin hat er schon Bartwuchs. Aber in der Situation muss ein junger Dirigent sich doch fühlen wie eine nackte Schönheit, der die Hexen zusehen. Gut also, wenn die Hexen klatschen.

Aber wie sich zeigt, braucht Strausser überhaupt kein nachsichtiges Wohlwollen, das Konzert wird mit jedem Stück immer besser.

Robert Schumanns Violinkonzert d-Moll hat immerhin Isabelle Faust. Reizvoll, wenn man es vor einem Jahr von Patricia Kopatchinskaja gehört hat. Die hat beim orchestralen Auftakt laut mitgesungen und mitgestampft. Isabelle Faust hingegen lässt mit geschlossenen Augen den doch massierten Orchesterklang in sich einströmen.

Florestan und Eusebius (Symbolbild)

Verlockend, Kopatchinskaja für Florestan und Faust für Eusebius zu nehmen! Aber auch Quatsch. Zumindest wäre Faust ein Eusebius, der nicht nur ätherisch wellendurchpulst kann, sondern auch mit schäumendem Blut. Doch immer kontrolliert, so durchdacht wie klangschön.

Was für ein bewegendes Werk dieses Violinkonzert ist. Der fast schunkelige Schlusssatz mit seinem aufreizend langsamen Vorschlagthema ist doch von überirdischer Gelöstheit. Dass man das im 19. Jahrhundert nicht spielen mochte wegen Extravaganz! Ob das 19. Jahrhundert ahnt, was es da verpasst hat?

Und ob die Störer bei Isabelle Fausts durchsichtiger Zugabe ahnen, was für ein Juwel sie da niederhusten? Irgendjemand hat sogar einen nicht endenden Kicherkrampf bei den nachtzarten Glissandi in George Rochbergs Nocturnal aus den Caprice variations. Das sind üblere Hörstörungen als Applaus zwischen Sätzen. Man hätte jedes Verständnis, wenn… aber nein, Isabelle Faust ist zu eusebisch, um dem Publikum beim Rausgehen den Stinkefinger zu zeigen. Oder die Geige ins Auditorium zu pfeffern, wie Florestan es täte.

Wundervolles Encore, diese Freitags-Zugabe. (Zur Samstags-Zugabe und einer offenbar noch übleren Hörstörung siehe Facebook-Kommentare.)

Das Orchester ist bei Schumann klar und kontrastreich gestaffelt, verzichtet aber verständlicherweise auf allzu spontane Impulse. Doch allein wie es die Solistin hervortreten lässt, ist wunderbar.

Großartig dann die letzte Interpretation: Wolfgang Amadeus Mozarts Jupiter-Sinfonie Nr. 41 C-Dur KV 551 hat Zug und Herz. Und ein Mozart, der Zug und Herz hat, hat Hand und Fuß. Das DSO klingt glänzend, mit betonter Mittellage und stark akzentuierten Kontrasten. Schlanker, wieder „historisch“ angehauchter Sound, die Streicher schneidig, aber nicht scharf, das Holz flink und beredt. Hervorragend vorbereitet vom Chef, hervorragend übernommen von Eduardo Strausser.

Nach so einem Extrem-Einspringing sollte der Beifall für den jungen Dirigenten nur ein Zwischenapplaus sein. Wiedereinladung und Carte blanche fürs Programm wäre verdient, am besten mit doppelt so viel Probezeit wie üblich, als Ausgleich und Belohnung für solchen Heroismus.

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2 Gedanken zu „Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

  1. Schumanns spätes Konzert ist wie von Ihnen beschrieben ein Labsal. Faust hat es irgendwann auch schon mal in Berlin gespielt. Immer wenn bei mir das DSO auf dem Terminkalender steht, fällt Ticciati aus. Habe dann auf Deutschlandfunk Frau Faust zugehört. Sind Sie ansonsten nicht ein Schumannverächter? Zumindest ein Sinfonieschumannverächter? Jaja, das Konzert ist großartig.

    • Naja, verachten würde ich nie, aber ja, die Sinfonien von Schumann sind und bleiben mir fremd. Das Violinkonzert habe ich erst letztes Jahr kennengelernt.
      Ich hoffe, Ticciati kriegt dieses Rückending in den Griff. Schlimm für einen Dirigenten, noch dazu so einen jungen.

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