Hörstörung (18): Das Theaterpublikum hält den Rand

Warum zum Kuckuck, fragt sich der hörstörgeplagte Konzertgänger, als er zur Abwechslung einmal zum Theatergänger wird, um im Berliner Ensemble Michael Thalheimers zurecht hymnisch gelobte Frankfurter Medea-Inszenierung zu sehen und zu hören, die in beklemmend enger Weite die Sprache des Schreckens und der Finsternis, von Peter Krumme atemabschnürend dicht aus dem Griechisch des Euripides ins Deutsche übertragen, zum Klingen bringt, nur und einzig und allein die Sprache: warum zum Kuckuck ist dieses Theaterpublikum im Gegensatz zum Konzertpublikum in der Lage, zwei pausenlose Stunden lang ohne Mucks und Scharren und Husten zuzuhören?

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6 Gedanken zu „Hörstörung (18): Das Theaterpublikum hält den Rand

  1. Meine musiksoziopsychologische These: Vielleicht sind die Hörstörungen überhaupt unterbewußte Bewältigungsstrategien der Psyche gegen die Macht der Musik mit ihrer bekannten „Aura eines Wahrheitsereignisses“, wie Hans Ulrich Gumbrecht es neulich in seinem Blog irgendwie in Worte zu fassen suchte. Denn: Man sagt doch immer, die Wahrheit könne der Mensch nicht vollumfänglich ertragen. Hörstörungen könnte man so prinzipiell der alethophoben Psyche zuschreiben. Oder hier rebelliert sie gerade in Zeiten der Postmoderne gegen die Suggestion, „ein Wahrheitsereignis mit Absolutheitsstatus ‚liege in der Luft'“. Das Theater dagegen scheint der Psyche wohl doch grundsätzlich nicht wahr genug, diese unterbewußten Reaktionen hervorzurufen.
    Es könnte natürlich auch alles ganz anders sein, es bräuchte jetzt dringend jahrzehntelange global vernetzte musikneuropsychologische Spitzenforschung, bei der am Ende vielleicht auch nur rauskommt, daß der Theaterbesucher im Durchschnitt einfach das bessere Benehmen hat und es klug kombiniert mit qualitativ hochwertigeren Hustenbonbons.

    http://blogs.faz.net/digital/2017/11/04/ws-macht-musik-unwiderstehlich-1362

  2. Tolles Erlebnis..
    Aber vielleicht liegt es auch daran, das nicht so viele Touris sich solch harte Kost anschauen und hören?
    Wie ja schon einige Male geschrieben, bei Opernaufführungen, aus Tosca und Co, gibt es durchaus des Öfteren in der letzten Zeit solch „Phänomene“ zu bestaunen. Denken Sie l Invisible oder wie kürzlich in den 3 Orangen oder sogar neulich, als Ausnahme im Nabucco.
    Denke ich an die beiden letzten Konzerte der DO, Wagner und Mahler, war es genauso…Ab und zu geschehen noch Zeichen und Wunder

    • Ich weiß nicht, ob Touristen wirklich schlimmer sind. Einige Abonnenten der Berliner Philharmoniker oder des Konzerthausorchesters z.B. sind ganz arg. Aber Sie haben Recht, das Pendel schlägt auch manchmal in die andere Richtung aus.

  3. Ach, ich habe im Sprechtheater auch schon schlimmste Dinge erlitten, aber du hast schon recht: den Leuten ist eher klar, dass sie sich den Text anhören sollten.
    Bei Musik muss ich ja nicht zuhören, sondern es reicht, wenn ich bloß höre, dass da welche ist… Klappt doch auch im Fahrstuhl prächtig.

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