Kosmisch-individual: Charles Ives, Bernd Alois Zimmermann, Schostakowitsch mit DSO, Metzmacher, Hardenberger

Traumprogramm in der Philharmonie mit Höhepunkt im ersten Teil: Vor Schostakowitschs Sechster spielt das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher individualkosmische Meisterwerke von Charles Ives und Bernd Alois Zimmermann.

Schön, von Charles Ives mal was anderes zu hören als die relativ häufig gespielte Unanswered Question. Dieses Trompeten-Enigma mit Zimmermanns Trompetenkonzert zu kombinieren, wäre Metzmacher wohl zu billig. Stattdessen die Konzertouvertüre ›Robert Browning‹ (1908-12, rev. 1936-42), die weder nach Konzertouvertüre noch nach Robert Browning klingt. Ives gehts nicht um die Dichtung von Browning, der auch einen Rattenfänger von Hameln verfasste:

Rats!
They fought the dogs and killed the cats,
And bit the babies in the cradles,
And ate the cheeses out of the vats.
And licked the soup from the cook's own ladles,
Split open the kegs of salted sprats,
Made nests inside men's Sunday hats,
And even spoiled the women's chats,
By drowning their speaking
With shrieking and squeaking
In fifty different sharps and flats.

Hier gilts mehr der geistigen Physiognomie von Browning, was (da gewaltiger Geistesmensch) ins Kosmische lappt. Die Klangphysiognomie des etwa 25minütigen Orchesterwerks ist so faszinierend, dass all women’s chats enden, nicht ertränkt in shrieking und squeaking, sondern gebannt in fifty and more different sharps and flats. Ein betörender, weitgefächerter, etwas an Mahler erinnernder Streicherklangteppich, der bis ins Weltallige anschwillt, zweimal, so dass der langsame Zwischenteil wiederum ins Zentrum zu rücken scheint. Metzmacher schichtet das wundersam geordnete Chaos äußerst ökonomisch auf, so dass der aus einem verwirrenden Fugato kulminierende fff-Cluster den Hörer durchrüttelt wie sonstwas. Die schlussendliche Wiederkehr der wohlig-leisen Einleitung dauert nur einen winzigen Takt lang, was weniger an ein absaufendes Rättlein gemahnt als an eine offen bleibende Frage: auch hier an unanswered question.

Kugelgestalt der Zeit (Symbolbild)

Muss Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert  ›Nobody knows de trouble I see‹ (1954) für den Schweden Håkan Hardenberger nicht das sein, was Mozarts Klarinettenkonzert für Sabine Meyer ist? Ein Lebensbegleiter und zugleich eine Qual, es wieder, wieder und wieder zu spielen. Die ungeheure Spannung, die Hardenberger in dieser knappen Viertelstunde zwischen Spiritual und Zwölftonmusik erzeugt, resultiert vielleicht auch aus dem Kampf des Solisten gegen sich selbst. Sie hält vom Beginn, der gestopft aus weiter Ferne tönt, über den ganzen langen Weg, bevor sich zerbrechlich und fest zugleich die gesuchte Melodie entschält. Das Pendeln zwischen den sich ineinander verschmelzenden Stilen böte Gelegenheit, Zimmermanns kryptische Formulierung von der Kugelgestalt der Zeit zu zitieren, ohne die keine Zimmermann-Kritik auskommt; weshalb es hier unterbleibt. Indes, persönliches Leid scheint bei Zimmermann untrennbar mit dem Schmerz der ganzen Welt verquickt, so wie direkter Ausdruck mit avancierter Komponiertechnik: Das macht Zimmermann so berührend und ist dabei kosmisch-individual wie Ives, nur dass hier rheinischer Katholizismus an die Stelle von amerikanischem Transzendentalismus tritt.

Aufregende Gewissheit, einen Klassiker zu hören. Das Trompetenkonzert erinnert auch etwas an Alban Bergs Violinkonzert (bei dem das Spiritual nicht von den Baumwollplantagen stammt, sondern von Bach). Zum Klassikerdasein gehört, dass manches heute ein bissl fremd wirkt, zum Beispiel die Hammond-Orgel, die plötzlich so einen helgeschneideresken Ton reinbringt. Immer noch becircend aber die im Orchester verstreute Jazzcombo, die Metzmacher weniger plakativ heraustreten lässt als anderswo schon gehört. Dafür lässt er beim Dirigieren sehr idiomatisch den rechten Fuß schwingen.

Warum packt Dmitri Schostakowitschs 6. Sinfonie h-Moll (1939) den Konzertgänger danach nicht in gleichem Maße? Ist sein Tagessoll an Aufregung erreicht? Wirkt Schostakowitsch im Vergleich zu Ives und Zimmermann nicht phasenweise unterkomplex, ja grobmotorisch? Oder liegts an der emotionalen Ungreifbarkeit speziell der Sechsten mit diesem extensiven Depressions-Largo, dem zwei Hoppel- und Galoppelsätze folgen? Der frivole Tirritations-Effekt dieses Ablaufs lässt erheblich nach, wenn man das Stück schon öfter mal gehört hat. Tritt der Konzertgänger gar in eine Phase der Schostakowitsch-Müdigkeit ein? Oder liegt es daran, dass Metzmacher die Sechste weniger zerrissen und aufwühlend klingen lässt als diese älteren Russen, die auch Tschaikowksky grandios dirigieren? Und wäre die Abwesenheit von Leidensklischees ein Mangel oder ein Erkenntnisgewinn?

Unanswered questions. Außer Frage steht das Niveau des DSO. So unerbittlich wie präzise die blockhaften Streicher-Unisoni im Kopfsatz, herzzerreißend die individuellen, ja verzweifelt einsamen Stimmen des Englischhorns, der Flöte, der Oboe. Die Sätze 2 und 3 folgen attacca aufeinander. Fehlt dem Schluss nicht die letzte Schärfe und Zirkusmanegen-Unbarmherzigkeit?

Ives und Schostakowitsch gibts am heutigen Montag nochmal im Casual Concert. Nur für Metzmacher war der Sonntag schon casual, frackfrei im bügelfreien Baumwollsakko und ohne Dirigiernadel. Kosmisch-individuales Donnerlüttchen, aufregende Programme macht dieser Metzmacher immer.

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2 Gedanken zu „Kosmisch-individual: Charles Ives, Bernd Alois Zimmermann, Schostakowitsch mit DSO, Metzmacher, Hardenberger

  1. Interessanter Gedanke das mit der Schost.-Müdigkeit, „phasenweise unterkomplex“ trifft den Sachverhalt ganz gut. Auch auf die enorm lange 7. mag etwas in der Art zutreffen. Bei den meisten der Sinfonien 5-14 kommt in Allegro- bzw. Allegretto-Sätzen zudem ein gewisser plakativer Sowjet-Optimismus hinzu. Aber man kann sich sicherlich auch bei Brahms 2. oder Bruckner 7. langweilen.

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