Alljährlicher Grigory Sokolov-Aufschlag in Berlin, ein Aufprall wie eine kosmische Feder. Beethoven und Brahms stehen heuer auf dem Programm, aber ein bisschen spielt Sokolov immer Sokolov. Man verstünde allerdings, wenn er bald mal mit dem jungen Beethoven riefe: Für solche Schweine spiele ich nicht! Und dann nur noch in Kartäuserklostern aufträte. Denn im Großen Saal der Philharmonie ist es ein Must-go der Adabeis mittlerweile. Es blitzlichtert schon, wenn der Pianist hereinschlurft. Spielen muss er in Bronchialgewittern und unter Bonbonpapierknister-Tröpfchenfolter. Und eh nur das Adagio aus Beethovens 3. Sonate C-Dur op. 2/3 vorbei ist, haben schon mehrere Handys gebimmelt.
WeiterlesenTentakelstreckend: Saisonvorschau des DSO
Sinnigerweise stellt das Deutsche Symphonie-Orchester, welches abseits des großsymphonischen Hauptbetriebs ja regelmäßig nächtliche Kammerkonzerte in Berliner Museen gibt, seine neue Saison im Panorama-Pavillon am Kupfergraben vor. Dort hat man eine, nicht nur für Kinder, irre Antikenwelt aus Vogelperspektive innen drin und nach draußen den Blick aufs Pergamonmuseum – will heißen, eine dieser Berliner Baustellen, die Allegorien der Unendlichkeit sind.
WeiterlesenVon Abgründen und Begegnungen: Teheran-Berlin-Travellers
Am kommenden Wochenende findet in Berlin das Festival TEHERAN-BERLIN-TRAVELLERS statt: Der Iran und die Musik heute – ein neuer Frühling? In aktuellen Werken iranischer Komponisten treffen die Teheraner Improvisations-Avantgardisten der Yarava Music Group auf das ensemble unitedberlin. Aufregend und lehrreich dürfte das werden. Ich habe zu dem Festival (hier das Programm) einen Einführungstext geschrieben, den ich vorab hier veröffentliche:
WeiterlesenEntgrenzend: Vladimir Jurowski stellt 2019/20 vor und den Gustav dem Brahms gegenüber
Was Berlin am Dirigenten Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester hat, zeigt nicht nur das jüngste Konzert mit Brahms und Mahler (mehr dazu unten), sondern auch der Ausblick auf die kommende Saison. Die steht unter dem Motto grenzenlos und wurde am passenden Ort vorgestellt: nicht auf der Bornholmer Brücke, aber immerhin im Max-Liebermann-Haus – „wenn Sie nach Berlin reinkommen, gleich links“. Seinen Vertrag beim RSB wird Jurowski, zur allseitigen Freude, bis 2023 verlängern, einige weitere Jahre sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen.
WeiterlesenLigetiös: Karina Canellakis und Pekka Kuusisto beim DSO
Sein Violinkonzert hat György Ligeti für Pekka Kuusisto geschrieben! Auch wenn er bei der Komposition kaum gewusst haben dürfte, dass es den Kuusisto gibt, der war da gerade sechzehn. 1992 war das, Montserrat Caballé und der tote Freddy Mercury besangen die Olympiastadt Barcelona – Jahr der bizarren musikalischen Ereignisse also. Ligetis Konzert aber ist, wie sich bei der Aufführung in der Philharmonie mit der Dirigentin Karina Canellakis und dem Deutschen Symphonie-Orchester wieder zeigt, ein Werk von divinatorischer Schönheit und überirdischem Witz.
WeiterlesenÜbermorgendlich: „Die Stadt ohne Juden“ mit Musik von Olga Neuwirth
Bei diesem beklemmenden, befremdenden Filmdokument werden die Zeitfragen, welche das Festival MaerzMusik sich derart wortreich-allzu wortreich ins Thinking konzipiert hat, mal fürchterlich sinnfällig: Die Stadt ohne Juden, ein österreichischer Stummfilm von 1924 nach einem 1922 erschienenen Roman von übermorgen von Hugo Bettauer. Jahrzehnte verschollen gewesen, erst Anfang der 1990er Jahre in einem niederländischen Archiv und dann 2015 auf einem Pariser Flohmarkt wiedergefunden, mit Hilfe von 700 Privatpersonen per Crowdfunding vom Filmarchiv Austria restauriert, während in Europa die Flüchtlingskrise gärte und Politiker in Österreich und den USA Wahlen gegen Flüchtlinge gewannen. Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat eine ambitionierte, sinnliche, kluge und dennoch teils problematische Musik dazu geschrieben, die jetzt auch in Berlin aufgeführt wurde, im Haus der Berliner Festspiele.
WeiterlesenFlatterig: Fure, Janulytė und Neuwirth bei MaerzMusik

Zu den prägenden Jugenderfahrungen der Frau des Konzertgängers zählt das tagelange mysteriöse Flattergeräusch über dem Badezimmer der Studentinnen-WG. Schließlich untersuchte ein männlicher Übernachtungsgast einmal den Lüftungsschacht und fand Blut und Federn einer verendeten Taube. – Ungefähr so klingt der Beginn von Ashley Fures Bound to the Bow, das ein Programm der aktuellen MaerzMusik mit drei Komponistinnen und dem Konzerthausorchester unter Peter Rundel eröffnet.
WeiterlesenArg: Zemlinskys „Zwerg“ an der Deutschen Oper
Himmelhochjauchzen à la berlinaise: nichts zu meckern heute. Wahrscheinlich ist das sogar die beste, rundeste Premiere der Saison an der Deutschen Oper. Besetzung hervorragend, Orchester gut in Schuss, Inszenierung schlüssig. Und das Werk, DER ZWERG von Alexander Zemlinsky, eine arge Angelegenheit im besten Sinn.
Und das, obwohl Tobias Kratzers Regie der Sache über die biografische Schiene kommt. Da könnte man an sich zweierlei fragen: Erstens allgemein, was einen das heute noch anginge, dass Zemlinsky nur einssechsundfuffzig war und eine Frau ihn mal hässlich fand. Zweitens konkret, ob die inszenierten Auftritte von Komponisten in ihren Opern nicht abgenudelt sind. Der arge Hallodri Wagner in Koskys Bayreuther Meistersingern blieb zuletzt in bestürzender Erinnerung – ebenfalls im besten, d.h. schlimmen Sinn.
WeiterlesenZeitblubbernd: Eröffnung MaerzMusik mit Rzewski und Rădulescu
Nach der antiken Klepsydra ist eins der beiden Werke im Eröffnungskonzert der MaerzMusik benannt: einer der Sanduhr ähnlichen, nur eben feuchteren Wasseruhr. Das Plätschern und Blubbern von ablaufendem Wasser meint der Konzertgänger zu vernehmen, wenn er so durchs diesjährige Seminarprogramm des Festivals für klangbezogene Kunstformen (jede Menge Vorträge, Panels, Reading group etc.) und durch den Reader on Time Issues (Agamben, Diederichsen usf.) blättert. Einiges mag sich als aufschlussreich konkret herausstellen, etwa die „medienarchäologischen Zeitreisen“ der Tele-Visions. Dezente Schwerpunkte widmen sich z.B. den Komponistinnen Ashley Fure, Jennifer Walshe, Olga Neuwirth. Und die 30stündige Konzert-Exuberation The Long Now am nächsten Wochenende ist wieder Anker und Zielpunkt des Festivals.
Die Werke des ersten Abends im Haus der Berliner Festspiele sind wie klares Wasser – in einem dennoch strapazierenden Konzert, in dem der Durchlauf der Wasseruhr gelegentlich verstopft scheint.
WeiterlesenLippenhängend: Rattle kehrt mit Bachs „Johannespassion“ wieder
Hoppla, gleich nach dem Neuen ist der Alte da – und er ist immer noch der Alte, will heißen junggeblieben: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker eine Woche, nachdem es sein Nachfolger Petrenko tat. Und siehe, das verträgt sich. Welt-Kritiker Manuel Brug, an dem sich die Geister scheiden, hielt kürzlich der Musikkritik das hysterische Japsen über die Petrenko-Ankunft vor (auch mit Zitaten von dieser Seite, einem davon allerdings missverstanden). Brugs wohl wichtigster Punkt: Eine ihrer verlorenen Bedeutung hinterherjagende Musikkritik macht aus Kirill Petrenko den Heiland schlechthin! Und verteufelt allen Ernstes bereits jetzt Simon Rattle, dem sie vorher noch ähnlich albern zugejubelt hat, macht ihn klein, und den aktuellen Nachschöpfer zum angehimmelten Gott. Offenbar wird das immer noch so gebraucht. Ein Ersatz-Christus muss sein.
Recht hat er. Dann lieber den richtigen Christus. Johannespassion. Bach.
WeiterlesenKnallziseliert: Budapest Festival Orchestra im Konzerthaus
Nach der jensinnig-verzwickten Psalmensinfonie noch einen dreinfahrenden Sacre, will man das wirklich? Aber die Knaller müssen abgehakt sein beim Strawinsky-Festival im Berliner Konzerthaus, jene des Herzens und jene des Staats (um mal Sarah Kirsch fehlzuzitieren). Schade allerdings auch im abschließenden Konzert mit dem Budapest Festival Orchestra, dass der späte Strawinsky ganz ausgespart bleibt. Dafür gibt es vorab drei Knallbonbons.
WeiterlesenElefantastisch: Concertgebouw-Orchester im Konzerthaus
Endlich mal wieder ein rundweg königlicher Auftritt des Koninklijk Concertgebouworkest in Berlin! Zweimal war das Nach-Mariss-Jansons-Orkest in den letzten Jahren hier: einmal mit einem Dirigenten, bei dem der Konzertgänger nicht recht weiß (Manfred Honeck), einmal mit einem deprimierenden Totalausfall (Gatti, unabhängig von den später publik gewordenen Grabscherei-Vorwürfen). Nun aber Iván Fischer, beim Festival Absolut Strawinsky!
WeiterlesenGespreizt: Strawinsky animiert und :animated im Konzerthaus
Diese Reihe ist mehr als Absolut Iván Fischer! Zwar sind dessen drei Programme mit dem Konzerthausorchester (Bericht dazu unten), dem Concertgebouw und dem Budapest Festival Orchestra das Rückgrat und wohl auch der Anlass des Konzerthaus-Festivals Absolut Strawinsky! Aber rundherum ranken und spreizen sich speziellere und kleinere Formate: Es gab bereits Evenings am Kamin und ein live-elektronisch bereichertes Petruschka-Popuschka der Jungen Norddeutschen Philharmonie – darüber müssen Sie sich von anderen berichten lassen. Mit dabei war der Konzertgänger dafür bei der Geschichte vom Soldaten in einer Produktion des umtriebigen Podium Esslingen unter dem Titel strawinsky:animated.
WeiterlesenArki abubu: Jörg Widmanns „Babylon“ an der Staatsoper
Die Gedenkminute für den gestorbenen Michael Gielen vor der Premiere ist nicht nur die hustenloseste Minute der ganzen Saison, sondern auch der konzentrierteste Klang des Abends. Dabei wird die Stille ja auch später beschworen im wohl aufregendsten Auftritt überhaupt in Jörg Widmanns exuberantem Spektakulum Babylon, wenn das weite und schöne Gewölbe der himmlischen Stimme von Marina Prudenskaya als Euphrat im wallenden Flutenkleid sich an den Moment nach dem Rückgang der Sintflut erinnert. Da erschrickt der Himmel selbst vor der eigenen Tat, angeohrs dieser Stille, gleich einem Bett, in dem ein Kind gestorben ist. Glasharmonika und Akkordeon machen den Orchesterklang schwerelos. Ein wirklich anrührender Moment innerhalb einer Flutwelle von Sound und Gerede, die alles, was anrührend sein könnte, zu verschlucken droht.
WeiterlesenTipp: Spectrum-Saisonstart am Montag
Spät starten sie in die Saison, aber sie starten: Es gibt in Berlin Ohren, die behaupten, die Spectrum Concerts seien die feinste Kammermusikreihe der Stadt. Ab Montag lässt sich das wieder überprüfen. Das erste Programm im Kammermusiksaal verspricht ein Zusammentreffen von Brüdern im Widergeiste: Wenn Tschaikowskys Klaviertrio einen Höhepunkt elegischer Stimmungsmalerei in der romantischen Kammermusik (Karl Böhmer) darstellt, dann ist Schostakowitschs letzte, klappermorbide Sinfonie ein Highlight der Verstimmungskunst, vulgo Stimmungstöterei. Und während das Trio von 1881 ins Orchestrale strebt, wird die Sinfonie von 1971 bei Spectrum in einer Version erklingen, die ihren verkammermusikten Charakter auf die Spitze treibt – nämlich in einer Fassung für Klaviertrio und zwei Schlagzeuge. Und um den Tod geht’s bei Schostakowsky und Tschaikowitsch sowieso immer.
Am Montag, dem 11. März, um 20 Uhr im Kammermusiksaal. Einführung von der klugen Isabel Herzfeld eine halbe Stunde davor. Im April gilts dann Korngold, im Juni Mozart und Brahms. Karten von 15 bis 45 Euro.
Nachtrag: Eine schöne Besprechung des Konzerts von Matthias Nöther in der Mottenpost.













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