30.11.2015 – Ionisierend: François-Xavier Roth franzisiert die Berliner Philharmoniker

Der Anfang ist ein Coup: Das Donnerwetter von Edgar Varèses Ionisations für 13 Schlagzeuger hallt noch nach, da wird schon die große Trommel gerührt – und wir befinden uns in Jean-Baptiste Lullys Suite Le Bourgeois gentilhomme. Zwei Stücke, zwischen denen 250 Jahre liegen, berühren sich ganz selbstverständlich – ein einfacher, aber umwerfender Effekt. Da vergisst der Konzert gänger glatt, dass Varèses um 1930 provozierende Geräuschmusik für heutige Hörer doch ein ziemlich braves, wohlgeordnetes Klöppeln ist; und er denkt auch nicht mehr darüber nach, ob Varèse die ewigen Sirenenglissandi nicht besser weggelassen hätte. Aber dann wäre sein Markenzeichen perdu.

Man hat sie noch im Ohr, während man sich freut, zwei Theorben unter den Berliner Philharmonikern zu sehen und zu hören. Drei Schlagzeuger heizen mächtig ein, die Avantgarde des 20. Jahrhunderts ist nichts gegen den Hof von Versailles. Der Energielevel dieser Barockmusik erinnert an Teodor Currentzis‘ MusicAeterna, aber am Glanz der Solisten, etwa Mathieu Dufour an der Flöte, erkennt man die Philharmoniker. Was für ein Auftakt! (Auch wenn ein älterer Herr neben dem Konzertgänger für die 13 Varèse-Schlagzeuger demonstrativ nicht klatscht.)

Lauter Premieren: Die herrliche Molière-Suite haben die Philharmoniker nie zuvor aufgeführt. François-Xavier Roth steht zum ersten Mal am Pult der Philharmoniker, er dirigiert Lully in einem tänzelnden Stil wie Professor Abronsius im Tanz der Vampire. Und er franzisiert (ein aus der Mode gekommenes Wort, das um 1900 gang und gäbe war) die Philharmoniker: Hector Berlioz‚ schlagzeugfreie Les Nuits d’été entführen den Hörer in schwerelose Gefilde, eine Welt ohne Bumpern und Stampfen. Anna Caterina Antonaccis Sopran ist ein Himmelsinstrument; dass man wenig vom Text versteht, ist bei so viel Ausdruck egal, man fiebert mit, ohne zu verstehen, worum es geht. (Die deutschen Übertitel sollte man ohnehin besser weglassen.) Wie sie sich in Le Spectre de la Rose mit der Klarinette (Wenzel Fuchs) ineinanderschmiegt, ist fast zu schön für diese Welt. Einziger Wermutstropfen ist wieder einmal der Hustenreigen im Publikum, vor dem Lied Au cimetière klingt es, als wollten einige besonders malade Hörer sich schon um einen Liegeplatz bewerben. Ci scusi, Signora Antonacci!

Nach der Pause gibt es eine weitere Premiere – und zwar von Claude Debussy! Dessen Première Suite d’orchestre, ein Frühwerk von 1883/84, wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Am meisten nach Debussy klingt der dritte Satz, der nicht von Debussy ist: Philippe Manoury hat den Rêve, von dem nur eine Klavierfassung vorlag, schillernd instrumentiert, voll extravaganter, schmeichlerischer Mischklänge, exquisiter Soli, üppiger Arabesken. Wenn man diese Musik mit den anderen drei Sätzen vergleicht, schießt das weit über Debussys vielversprechenden, aber hörbar noch an Saint-Saëns, Fauré oder Édouard Lalo orientierten Jugendstil hinaus. Manoury ist eben ein Komponist, kein Philologe – den Hörer freut’s. Und zweifellos klingt auch der Rest dieses Frühwerks von Debussy, sogar das seltsam triumphale Bacchanal-Finale, besser als manches bekannte Hauptwerk.

Der Abend hat längst gewonnen, auch wenn der vermeintliche Höhepunkt, Maurice Ravels La Valse, zur Anti-Klimax wird, zumindest für den Konzertgänger, der eine völlig andere Vision dieses Stücks hat. Nach einem wunderbar tonlosen Beginn der Bässe fallen die Bläser direkt mit der Tür ins Haus – hier hebt sich kein Vorhang, es knallt sofort. So dass der große, apokalyptische Knall später kaum mehr auffällt. Alles glanzvoll, genau, rhythmisch sehr scharf – aber doch auch unbefriedigend geheimnislos. Walzer entverfremdet.

Der großartige Eindruck der ersten Konzerthälfte bleibt trotzdem. Noch einmal heute Abend (1.12.):

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2. Oktober 2015 – Kohärent rauschhaft: Marek Janowski und das RSB spielen Debussy, Szymanowski und Schumann

Ist man ein Depp, wenn man bei den Nuages die Augen schließt und sich Wolken vorstellt? Vielleicht hat der Konzertgänger dieses Bedürfnis nicht wegen Debussy, sondern weil er auf dem Weg in die Philharmonie Schreckliches erlebt und erhört hat: eine heftig bumpernde Anfeierprobe am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit, vor dem Brandenburger Tor, das durch ein funkelndes Riesenrad verdeckt ist, Partystimmung at its worst, deutsches Dismaland. Da müssen sich Claude Debussys Trois Nocturnes (1897-99) erst den Weg zum geschändeten Gehör verschaffen.

In Nuages blähen sich keine impressionistisch verschwommenen Gebilde, sondern in allen Grautönen abgestufte Wolken am nächtlichen Himmel. Das Englischhorn spielt eine wichtige Rolle, und der Konzertgänger muss kurz die Augen öffnen, um dem ausgezeichneten Englischhornisten Thomas Herzog zuzusehen, der stets mit eigentümlich ausgestreckten Beinen bläst. Das Rundfunk-Sinfonieorchester skizziert die Linien dieser Musik so klar, dass die Wolken auch bei offenen Augen nicht flöten gehen. Im Anschluss gebietet Marek Janowski, als das Pausengehuste zu eskalieren droht, energisch den Einsatz der Fêtes: entfesselte Festmusik, wie man sie den Menschen vor dem Brandenburger Tor wünschte, mit viel Laut, aber auch geheimnisvollem Marschtanz-Wispern von Pauke, Harfe, gestopften Trompeten oder leisen Späßchen von Flöte und Tuba. Zum Abschluss summen die Sirènes von der Empore G Sonderplätze. Janowski regelt viel mit der Linken nach, es ist faszinierend zu hören, wie sein Orchester und die Damen des MDR-Rundfunkchors auf jeden Fingerzeig reagieren. Auch wenn das über zehnminütige Sirenengesumme nicht Debussys unermüdendste Komposition ist.

Featured imageZiemlich eso klingt auch der Chor in Karol Szymanowskis 3. Symphonie B-Dur ‚Das Lied von der Nacht‘ (1914-16). Sie hat den ganz speziellen Szymanowski-Sound, der im unvergleichlich schönen Stabat Mater von 1926 gipfelt. Das Lied von der Nacht ist ein überwältigender Klangrausch, in dem man Gott und die Sterne und noch viel mehr sieht, tanzende Derwische und schöne Huris; eine musikalische Ekstase, deren Voraussetzung das ist, was Janowski in lustiger Sachlichkeit Herstellung der Orchesterkohäsion nennt. Die kammermusikalischen Inseln sind ebenso präzise wie der entgrenzte Taumel; mystisch, aber deutlich singt auch der russische Tenor Dmitry Korchak den vom Persischen ins Deutsche und dann ins Polnische übersetzten (!) mittelalterlichen Sufi-Text.

Im November wird der Konzertgänger 40 Jahre alt und wünscht sich: einen Szymanowski-Zyklus in Berlin, inklusive der Oper Król Roger.

Robert Schumanns Symphonien hingegen würde der Konzertgänger, wäre er Dirigent, gewiss meiden. Janowski aber dirigiert sie mit diesem Orchester seit 2001 zum dreizehnten Mal. Irgendwas muss also dran sein. Vielleicht hat es mit Orchestererziehung zu tun. Dem Konzertgänger jedenfalls, bei aller Sympathie für Schumann und Liebe zu seiner Klaviermusik, erschließen sich diese Symphonien nicht.

Nicht mal durch eine zweifellos erstklassige Aufführung wie diese: Die 4. Symphonie d-Moll (revidierte Fassung, 1851) geht Janowski lebhaft an, ziemlich schnell und scharf akzentuiert. So treten die gesanglichen Abschnitte im Kopfsatz schön hervor. Der kreisende Leerlauf und Aktionismus der Symphonie bleibt trotzdem mühsam; ohne die herrlichen Violingirlanden in den Mittelteilen des zweiten (Solo von Rainer Wolter) und dritten Satzes würde der Konzertgänger sie kaum aushalten. Dann die Einleitung zum Finale: einer dieser verheißungsvollen Satzanfänge in Schumannsymphonien, ein großes Versprechen, doch dann… wieder das leere Kreisen.

So schlimm wie das Bumpern am Brandenburger Tor ist es aber nicht.

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