Konzertgänger auf Reisen: „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth

Meistersinger and Friends, am Flügel Veit Pogner

Der Bayreuther Festspiele vierter Tag, und für den Konzertgänger der letzte; am fünften Tag, will heißen heute, erscheint seine epische Bayreuth-Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Der Vormittag im Richard-Wagner-Museum der Villa Wahnfried ist die rechte Einstimmung vulgo Einklemmung für die folgenden Meistersinger von Nürnberg in der Inszenierung von Barrie Kosky, die letztes Jahr großes Aufsehen erregte. So reizvoll, jede auf ihre ganz Weise, alle bisherigen Aufführungen waren – diese hier legt sich wie ein schwarzer Koloss auf die Seele. Gerade weil sie so fürchterlich leichtfüßig ist. Weiterlesen

Rabennaseschwarz: Schostakowitschs „Die Nase“ an der Komischen Oper

Man fasst sich (von urkindlicher Sorge erfasst wie diese Dreijährige) unwillkürlich ins Gesicht bei Dmitri Schostakowitschs Die Nase, um nachzufühlen, ob alles noch da sei. Wenn nicht, falls männlichen Geschlechts, in noch urkindlicherer Sorge in den Schritt. Denn P*mmelwitze liegen schon in Nikolaj Gogols zugrunde liegender Erzählung (1833-35) in der Luft.

Etwa dieser Wink mit dem erigierten Zaunpfahl, was womit gemeint sei, wenn sich der Annoncenbearbeiter der Zeitung weigert, die Suchanzeige des seines Gesichtserkers verlustig gegangenen Kollegienassessors Kowaljow zu veröffentlichen: Weiterlesen

Maeterlinck-Doppel: „Pelléas et Mélisande“ an der Komischen und „L’Invisible“ an der Deutschen Oper

Schöne Gelegenheit, zweimal Opern nach Maurice Maeterlinck zu sehen und zu hören: Samstag Pelléas et Mélisande an der Komischen Oper, Sonntag L’Invisible an der Deutschen Oper.

Zwei Wochen nach der Uraufführung von Aribert Reimanns neuer Oper (ausführliche Premierenkritik) ist der Saal der Deutschen Oper doch eher kammermusikalisch besetzt, zumindest im Rang. Trauriger Berliner Gleichmut gegenüber einer herausragenden Neuigkeit. Aber Reimann ist wieder da, diesmal sitzt er im ersten Rang! Weiterlesen

Schlürfend: Saisonschlüsse im Konzerthaus und an der Komischen Oper

So wie der nördliche Mensch im Herbst Sonne schlürft, um den endlosen Winter zu überstehen, schlürft der Konzertgänger im Juli Musik, um die endlose Sommerpause zu überstehen. Zweimal am Wochenende: Die Komische Oper spielte zum Abschluss ihres Neuproduktions-Festivals Mussorgskys Jahrmarkt von Sorotschinzi (mehr dazu unten), und im KONZERTHAUS gabs ein Programm mit Musik und Sonne.

Und, wichtiger als Sonne: Sommernacht. Kein Open-Air-Quatsch, sondern ein schönes spanisch-baskisches Programm des Konzerthausorchesters mit dem spanischen Dirigenten Josep Pons und zwei hinreißenden Sängerinnen. Wobei hinreißend, frei nach Loriot, das künstlerische Gesamtkonzept ist; rein sängerisch hinreißend ist zumindest eine der beiden. Weiterlesen

3.2.2017 – Konzeptspektakulär: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Komischen Oper

Nichts ist so schlüssig wie ein Fragment. Zumindest wenn’s um romantische Kunst geht. Barrie Koskys Konzeptspektakel von Jacques Offenbachs Opus magnum-ultimum-infinitum Les Contes d’Hoffmann, jetzt als Wiederaufnahme an der Komischen Oper, ist im besten Sinne romantisch.

hoffmann-trinktEin abgehalfterter Säufer inmitten eines Ozeans von leeren Flaschen. Schon dieses erste, überwältigende Bild macht deutlich, dass Offenbachs fantastischer Bilderbogen hier das Hardcore-Kopfkino eines Schädels im Delirium tremens ist. Da ist noch kein Ton erklungen. Und dann kommt erstmal … Mozart! Denn in Offenbachs Opérette grotesque (so Kosky) ist hier E.T.A. Hoffmanns Erzählung Don Juan eingewoben. Oder umgekehrt: die Oper(ette) in die Don Juan-Erzählung eingewoben.

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29.1. 2017 – Exklusiv-Interview: Die Tochter des Konzertgängers über „Die Zauberflöte“ in der Komischen Oper

Auftakt zu einem kleinen Schwerpunkt Komische Oper in den nächsten vier Wochen. Die Wiederaufnahme von Les Contes d’Hoffmann (3.2.), die Neuproduktion Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges (8.2.) und die Kinderoper Schneewittchen und die 77 Zwerge (26.2.) werden folgen.

quaglioZum Auftakt der Bestseller schlechthin der letzten Jahre, Suzannes Andrades und Barrie Koskys stets ausverkaufte Inszenierung der Zauberflöte à la 1927.

Gemeinsam mit der Tochter, sieben, die es nicht mag, wenn man ihr widerspricht. Darum statt einer Kritik ein Interview. Exklusiv, denn die Tochter spricht nicht mit jedem. Und sie hat nicht viel Zeit … Weiterlesen

15.10.2016 – Liebesangelnd: Wiederaufnahme von Dvořáks „Rusalka“ an der Komischen Oper

poster_for_the_premiere_of_rusalka_in_prague_31_march_1901Trotz (Binnen-)Seejungfrau, Prinz und Genrebezeichnung Lyrisches Märchen sollte man seine Tochter im Grundschulalter eher nicht zu Rusalka mitnehmen. Antonín Dvořáks krasse Mischung aus Tragödie, Passion und Horrorfilm könnte in ihrer zarten Seele einen Schreck bis ans Ende aller Tage hervorrufen. Andererseits gibt es ja nützliche Dinge, die man im Leben nicht früh genug lernen kann: äußerste Liebesverzweiflung etwa und innigste Todessehnsucht. Außerdem endet Barrie Koskys Inszenierung der Rusalka von 2011, die jetzt an der Komischen Oper wiederaufgenommen wurde und bis Weihnachten noch fünfmal zu sehen ist, in einem Schlussbild, das sich auf Lebzeit in die Seele einbrennt. Wie die verfluchte Nixe sich selbst den Angelhaken des Geliebten, den sie getötet hat, in den Mund legt, wird kein Zuschauer je vergessen. Weiterlesen