Unletzt: Jaromír Weinbergers „Frühlingsstürme“ an der Komischen Oper

„Die letzte Operette der Weimarer Republik“ könnte ein Etikett wie ein Mühlstein sein, wenn man Jaromír Weinbergers Frühlingsstürmen zumuten wollte, tiefschürfendes Zeugnis oder Vermächtnis sein zu müssen. Denn dieses Werk wollte ja gewiss nichts „Letztes“ sein. Insofern ist Barrie Kosky sehr zu loben, dass er die Frühlingsstürme an der Komischen Oper als das auf die Bühne bringt, was sie sein wollten: eine kurzweilige Operette.

Denn natürlich kann man in der wirren Handlung Spuren der Zeit (Uraufführung 20.1.1933 im Admiralspalast) aufstöbern: Misstrauen überall in und um dieses Operetten-Militär, Spionage allerorten. Und ungewöhnlich mag es sein, dass in dieser in der Mandschurei spielenden Chose eine geheimnisvolle Russin namens Lydia Pawlowska eigentlich einen japanischen Major (der sich spionierenderweise als Chinese ausgibt) liebt, aber am Ende doch im Ehehafen mit einem ältlichen heimischen General landen muss. Aber das Drama ist doch zu leichtgewichtig und auch nicht allzu raffiniert gestrickt, um als mehr durchzugehen als äußerst flüchtiger Kommentar zur Unruhe und Verwirrung der Zeit und dem grassierenden Rassenwahn. Als Seismograph von 1933 taugt das nicht, und Kosky verzichtet dankenswerterweise auf den allzu beliebten Regieeinfall, in der Inszenierung die Entstehungszeit des Werks abzubilden.

Stattdessen: Lust am Spiel. Am Verkleiden und Verschieben und am Rumhüpfen zumal. Ein flexibler Holzkasten, der an einen Riesenkoffer erinnert und sich auffalten kann; eine Drehtür und eine Gummipflanze genügen, um eine wuselige Hotellobby entstehen zu lassen (Bühne Klaus Grünberg). Die prachtvollen Kostüme von Dinah Ehm aber, zumal Lydia Pawlowskas Ballkleider, lassen die Frau des Konzertgängers immer wieder vor Habenwollen erblassen. Und allein die zwölf Hüte der köstlichen Hupfdohlen lohnen den Besuch. Oder die Muschelpuschel und mandschurischen Varieté-Kopfputze dieser Tänzerinnen. In die Original-Operette sind wohl ein paar Extra-Auftritte reingeschoben worden, was angesichts der quietschfunkelnden Phantasie des Choreographen Otto Pichler eine prima Idee ist. Schon das sanft flagellantische Federball-Ballett am Beginn ist ein Hit.

Etwa 85 Prozent der Musik an diesem Abend, sagt Barrie Kosky nonchalant, stamme originalgetreu von dem tschechisch-jüdischen Komponisten Jaromír Weinberger, dem die Komische Oper Ende März gar ein ganzes Festival widmen wird. Frühlingsstürme, ein Starvehikel für Richard Tauber und Jarmila Novotná, wurde bald nach der Machtübernahme der Nazis abgesetzt, die Originalpartitur ist verloren. Beziehungsweise liegt vermutlich in irgendeiner Kiste in irgendeiner tschechischen Bibliothek. Aber für diesmal hat Norbert Biermann aus vorhandenen Tonaufnahmen einzelner Nummern rekonstruiert und ansonsten arrangiert und auch ausgeschmückt: so kundig wie bescheiden und überaus zweckdienlich. So wie das Orchester unter Jordan de Souza spielt, ganz sachgemäß, ohne dass es aber vor Operettenschmalz triefte. Man spüre, so stehts im Programmheft (und wird daher auch in einigen Kritiken zu lesen sein), den Einfluss von Strauss, Schreker und Zemlinsky, auch Smetana und Dvořák; hmm, naja. Dass Weinberger als Wunderjüngling sogar bei Max Reger studierte, liest man angehörs der Frühlingsstürme eher verblüfft. Weinbergers bekannteste Oper Schwanda, der Dudelsackpfeifer von 1927 (die an der Komischen Oper am 29. März Premiere feiern wird) hat da sicher noch ein paar mehr Facetten.

Etwas zwiespältig fällt der sängerische Eindruck aus. Erstens, weil einige Nummern doch von etwas gleichförmiger Melancholie sind. Zweitens, weil die Microports der Sänger nerven. Ist das wirklich nötig? Richard Tauber wirds 1933 im Admiralspalast doch auch ohne Verstärkung hinbekommen haben. So hört man zu den manchmal zu lauten Stimmen gelegentlich das Kleiderrascheln mit, und einige Proportionen verrutschen (die Bühnenmusik des rauschenden Balls ist am Anfang kaum hörbar; bzw man meint, irgendwo bimmle ein Handy).

Und, drittens, die Besetzung ist solide, aber nicht mehr. Bezeichnend, dass der Star der Bühne ein Schauspieler ist: Stefan Kurt in der Sprechrolle des nicht mehr taufrischen Generals Katschalow. Wenn der auf dem entblößten Bein seiner singenden Lydia Flöte bläst und Balalaika zupft, ist das große Bühne. Und Kurts ulkig-furiose One-Man-Show, als er zwischen Eitelkeit und Nervosität schwankend auf die Geliebte wartet, hat geradezu Louis-de-Funès-Klasse.

Sängerisch sticht deutlich die klare und spritzige Alma Sadé heraus, als Katschalows Tochter Tatjana, die mit dem deutschen Berichterstatter Roderich (gesungen vom sehr vitalen Dominik Köninger) eine Art Buffo-Paar bildet. Die schöne Lydia von Vera-Lotte Boecker ist nicht übel, aber doch manchmal etwas undeutlich und unruhig; und vor allem teilt sich nicht mit, dass diese Frau die (Männer-)Welt so erschüttert.

Für Tansel Akzeybek, der immerhin nebenrollig schon in Bayreuth zu erleben war (als überzeugender Seemann im Tristan) und hier den unglücklich liebenden, leidenschaftlichen japaner Ito singt, sind die Schuhe von Richard Tauber dann doch ein paar Nummern zu groß. Akzeybek ist eine überaus sympathische Bühnenerscheinung, durchaus charmant, aber er reißt manchmal Phrasen ab, und die herausstechende letzte Arie Du wärst für mich die Frau gewesen ist hier eher biedere Hausmannskost mit unschön breiten Höhen.

Allerdings und immerhin scheint Akzeybeks Tenor besser für dieses Stück geeignet als die Stimme eines Weltstars in einer für den Konzertgänger kaum erträglichen Knödel-Version, über die hier nicht der Mantel des Weghörens ausgebreitet werden darf:

Damit das nicht der letzte Ton bleibt, soll hier zum Abschluss jedoch der originale Richard Tauber erklingen:

12 weitere Aufführungen bis Juni von Frühlingsstürme an der Komischen Oper

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Ein Gedanke zu „Unletzt: Jaromír Weinbergers „Frühlingsstürme“ an der Komischen Oper

  1. wie immer eine wunderbare Beschreibung dieses Abends, die ich wie eigentlich alles von Ihnen wieder mit großem Vergnügen gelesen habe! Und danke für die schreckliche Kaufmann—Aufnahme und die nächtliche Errettung durch Tauber! 🙂 Jetzt muss ich doch mal einen der Selge-Romane lesen… Gute Nacht!

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